Hysterische Zeiten

LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 74, ab Freitag, 20. Dezember 2019 im HandelSo ein Sekretärinnenleben bei einer Zeitung (Seniorinnenjob, halbtags) wird ja in den letzten Jahren immer spannender. Es läutet eigentlich in einem fort, Abonnentenfragen, aber auch Angebote für den neuesten Trend auf dem Handymarkt, wichtige Informationen über die nächste Geschäftseröffnung oder der neue Trendfriseur möchte gern mal ein Zeitungs-Portrait über sich machen lassen. Presseagenturen sind besonders häufig dran, der oder das neue Youtube-Sternchen ist on tour, viele neue Hotels sollen begutachtet und beschrieben werden. Und alles ist superwichtig.

Natürlich – alle wollen in die Zeitung, gibt ja nicht mehr so viele von denen, wo es nicht von eingekauften Texten und Werbesprech nur so wimmelt und flittert.

Immer öfter wird man auch angerufen, weil jemand eine echt heiße Story (gehört, aufgeschnappt, vorliegen) hat. Ja, die Ilse bekommt noch eine Menge mit von der Welt. Manchmal darf ich sogar im Redaktionseingang lesen, was derjenige nun eigentlich wollte (hach, die Neugier immer).

Heute eine Leipziger Nummer (unbekannt), jemand Neues also. Wichtige Story, man würde Unterlagen erhalten, noch heute, die Zeit drängt. Ob man einen sicheren Übertragungsweg für die spannende Geschichte habe und ganz wichtig – würde man denn „zensieren“? (es klopft kurz am Hinterkopf)

Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ

Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ

Ob der Verfassungsschutz die Leipziger Zeitung denn auf dem Kieker habe (klopf, klopf) – so eine weitere Frage, auch wegen der Vertraulichkeit des Telefonats gerade. Und natürlich, ob man der wichtigen Story auch wirklich nachgehen würde? Es seien schließlich brisante Informationen, nein, am Telefon könne man dazu vorab nichts sagen. (das Klopfen ist ein Hämmern, Skepsislevel Stufe 8 ist langsam erreicht).

Alles geklärt, die vom Massen-Datensammler Yahoo (Level 9) an unzählige Adresse (darunter poststelle@bundesregierung.de, die Polizei und Staatskanzlei Sachsen) gesendete unverschlüsselte Mail kommt. Der Inhalt (leicht um sensible Daten gekürzt): „Werter Herr Nowak, ich hatte Sie zur Landtagswahl Sachsen aus freiem Tun gewählt. Nun haben Sie mir und vielen anderen Menschen gezeigt, dass Sie mit dem Vertrauen und der Verantwortung nicht umgehen können. Ich wurde seit dem 2X.XX.1963 ausgebildet, der Gemeinschaft beizuwohnen und sie zu unterstützen. Aufgrund Ihres Verhaltens klage ich Sie des Staats- und Hochverrates an. Henry P.“

Ich versichere hiermit hoch und heilig, dass sich von uns allen niemand bei dem sächsischen CDU-Politiker und Landtagsabgeordneten Andreas Nowak aus Leipzig diesbezüglich melden wird. Allein schon deshalb, weil ihm die Bundesregierung die gewählten Hammelbeine sicher noch vor Weihnachten für den „Hochverrat“ aber ordentlich langziehen dürfte. Und das ist ja allein schon nicht schön, so ein Geziehe.

Ich wünsche ihm und allen anderen Politikern über jede inhaltliche Diskrepanz in 2019 hinweg ein frohes Weihnachten und geruhsame Feiertage. Möglichst ohne Facebook, Twitter und Instagram. Euch natürlich auch, denn ganz offenkundig haben wir sie alle mehr als verdient in diesen hysterischen Zeiten.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 1. November 2019): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

Trotz aller Bemühungen seit nun 15 Jahren und seit 2015 verstärkt haben sich im Rahmen der „Freikäufer“-Kampagne der L-IZ.de nicht genügend Abonnenten gefunden, welche lokalen/regionalen Journalismus und somit auch diese aufwendig vor Ort und meist bei Privatpersonen, Angehörigen, Vereinen, Behörden und in Rechtstexten sowie Statistiken recherchierten Geschichten finanziell unterstützen und ein Freikäufer-Abonnement abschließen.

Wir bitten demnach darum, uns weiterhin bei der Erreichung einer nicht-prekären Situation unserer Arbeit zu unterstützen. Und weitere Bekannte und Freunde anzusprechen, es ebenfalls zu tun. Denn eigentlich wollen wir keine „Paywall“, bemühen uns also im Interesse aller, diese zu vermeiden (wieder abzustellen). Auch für diejenigen, die sich einen Beitrag zu unserer Arbeit nicht leisten können und dennoch mehr als Fakenews und Nachrichten-Fastfood über Leipzig und Sachsen im Netz erhalten sollten.

Vielen Dank dafür und in der Hoffnung, dass unser Modell, bei Erreichen von 1.500 Abonnenten oder Abonnentenvereinigungen (ein Zugang/Login ist von mehreren Menschen nutzbar) zu 99 Euro jährlich (8,25 Euro im Monat) allen Lesern frei verfügbare Texte zu präsentieren, aufgehen wird. Von diesem Ziel trennen uns aktuell 400 Abonnenten.

Alle Artikel & Erklärungen zur Aktion Freikäufer“

* Leserclub *Leipziger ZeitungSatire
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