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Pandemie, die: Ultimative Schlussklärung

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    Gestern fragte mein Enkel Paul mit diesen unnachahmlich süßen wie doofen „Oma Ilse, kannste mal“-Augen, „was ist eine Pantemi“? Nach einem kurzen Reflex, auf den behuften Hirten-Gott der Griechen und seine Fähigkeit, einem das Hirn aufzuweichen zu verweisen (was sicher über drei Ecken auch zu einer Erklärung geführt hätte), fiel mir in der Situation nur ein zu antworten: „Das ist eine todbringende Krankheit, die auf der ganzen Welt auftaucht.“

    Es muss an meiner pandemischen Ermattung nach drei Stück Schwarzwälder Kirschtorte gelegen haben, dass die Antwort derart humorlos und öde ausfiel, dass das Kind umgehend die Lust an einer Nachfrage verlor und die Bühne verließ. Um mit drei Puppen vier Stunden lang „ausgefallener Geburtstag“ zu spielen.Aber bei eurer Ilse nagte der Zweifel. War das wirklich schon die Pandemie-Erklärung, würdig eine „abschließende“ genannt zu werden, geeignet für neugierige Kinder und ebensolche Erwachsene? Krebs gibt es schließlich auch weltweit und gleichzeitig. Und woran erkennt man nun eine Pandemie?

    Und wer macht so etwas, ohne uns zu fragen, ob wir einverstanden sind?

    Führten die Spuren an den Rand des Verstandes letztlich doch zu Bill und Melinda Gates und eine Clique Kinderblut saufender Dax- und DowJones-Vorstände samt radikalverjüngter Adrenochrome-Cleopatras an ihren straffen Seiten? Oder war die Antwort auch auf diese Frage schon wieder 42 und Andrew Booker würde sich irgendwann zu Wort melden, um endlich den Bau der intergalaktischen Umgehungsstraße durch die Erde verkünden?

    Der Staatsfunk ist zurück

    Indizien für die bevorstehende Beseitigung einer ehemals denkenden Tierrasse gibt es schließlich genug. Da wäre zum einen der Staatsfunk bei Facebook. In immer kürzeren Abständen versenden Staatskanzleien, Landesregierungen und Ministerien Botschaften wie „Ostern wird auf Pfingsten verlegt“, „Weihnachten diesmal ohne Tannenbaum“ oder „im neuen Licht der Lage ergibt die Rechnung 12 plus 3 nun doch eher 28, denn hierbei handelt es sich um eine exponentielle Gleichung“.

    Dass dies statistisch zu beweisen wäre, wird nicht nur vorausgesetzt, nein: es ist Bedingung für alles staatliche Handeln, ganz egal, ob vielleicht nur ein mikroskopisch kleiner Teil der Menschheit wirklich weiß, wie man Wahrscheinlichkeiten berechnet. Ich jedenfalls beginne eine Kausalität zwischen Bildungs- und Krankenstand nicht nur zu ahnen, sondern vorauszusetzen.

    Denn nur einen Clip weiter erklärt irgendein Staatssekretär sicher gerade, dass fünf Kinder und drei Erwachsene nicht in eine Flasche Orangensaft passen, wenn am Wochenende schwere Niederschläge und ein Massen-Tier-Ausbruch aus dem Leipziger Zoo drohen. Natürlich nur!, wenn die Impfdosen ausreichend vorhanden sind (was ja, wie wir nun wissen, nie der Fall ist). Wenn doch, bleibt noch Platz für eine viertel Oma mehr.

    Die staatliche Livestream-Masse bei Facebook jedenfalls schwillt an – täglich. Staatsfunk via US-Anbieter, simulierte Bürgernähe durch Hasskommentare als Antwort, politischer Erklärbär-Modus für ein einziges Vor und Zurück. Gerade hier im königlichen Sachsen von einem Regenten vorgetragen, der zumindest gelernt hat sich zu entschuldigen, wenn er sich mit der Lockerung einer Schraube ohne das vorherige Einschmieren mit Zwiebelmett dann doch geirrt hat.

    Das ist neu, passiert aber längst zu häufig. Und der Untertan lauscht kurz betroffen, bevor er das elfte Mal „Sons of Anarchy“ auf Netflix anwirft. Vergessen. Alles wie zuvor, die Lust auf die Fragen des Alltags auch eine schlüssige Antwort zu bekommen, schwindet ab Folge 3 auf angenehme Art beim Mitsprechen der Dialoge.

    Fragen des Alltags

    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 89, VÖ 26.03.2021
    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 89, VÖ 26.03.2021

    Sind wir gerade im Lockdown oder im WakeUp, haben die Impfungen nun wirklich begonnen oder bauen wir lieber noch fünf Testzentren in der Nähe des Tierheims? Das alles fühlt sich zunehmend gleich an, auch der nächste Hamsterkauf beim Klopapier ist ein einziges Déjà-vu. Da bleibt viel Zeit für Leerlauf im Vorderhirn und Raum für neue Ideen.

    So ein Aufstand wäre doch mal was? Aber! Es müsste schon jemand anfangen, den wir danach auch kreuzigen können!

    Na, wer traut sich? Warum es keinen Kneiperaufstand gibt? Nun, mancher dreht sich da doch lieber noch mal um auf dem Sofa, welches er oder sie sich aus den Geldzahlungen des Staates an die Gastronomie errichtet hat: ja, so manches boomt auch in der Krise, Lieferdienste, Onlineshopping, Radläden oder eben alimentiertes Nichtstun. Unternehmer sein heißt jedoch immer auch jammern (wem es zu gut geht, der schweigt besser!), weshalb natürlich ein deutsches Wehklagen die Luft erfüllt, während die Portugiesen ihren Vorgarten leerfressen.

    Auch daran erkennt man also Pandemie: Wenn alle jammern und dann doch noch deutlich zu viele Kinderschuhe haben, um sie schnaufend über die Wohlstandswampe gebeugt vor Rathäuser zu stellen. Und auf dem Rückweg noch schnell an einer „Wir lassen uns nicht impfen“-Demo einmal rund um die letzte örtliche Bushaltestelle teilnehmen. Dann noch ein Zungenkuss mit dem Polizisten und ab nach Hause.

    Pandemischer Frühwarnpunkt Erzgebirge

    Die lassen sich wirklich nichts mehr vormachen! Noch nie! Denn wer einmal mit der Hand eine hölzerne Jahresendfigur geschnitzelt hat, ist weltgewandt und erfahren im Umgang mit der neusten Bauart von Jumbo-Jets. Dem ist gegeben, was andere nie lernen werden – zum Beispiel Diktaturen wittern.

    Angesichts dieser Spreader-Aufläufe im Erzgebirge und Vogtland gehören zwar alle Bildungsminister der letzten 30 Jahre in Sachsen geteert und gefedert, aber nun steht das Resultat entpolitisierter Bildungsverliererlandschaft einmal auf der Straße, wirft in Anlehnung an Auschwitz mit Schuhen um sich und schreit: nicht unsere Kinder!!!11!!!1

    Nein, dieses Mal nicht wieder, weil man sie ihnen angeblich wegnehmen will. Diesmal geht es darum, dass man die Herzchen einfach nicht mehr in der Kita oder Schule loswird. Und der fröhliche Rudelbums nach der Dorfdisko bei Karl und Friede ist auch schon zu lange her. Mangels Vielfliegerurlaub, Disko und geimpfter Oma (die deshalb den Todes-Enkel partout nicht betreuen will) kommt es zum kollektiven Kollaps. Ein guter Punkt, wie man Pandemie erklären könnte, oder?

    Das ehrlichste Demo-Schild wäre wohl: „Lieber Seuche für alle und ein paar tote Lehrerinnen, als noch einen Tag länger die eigene Inkompetenz beim Homeschooling ertragen müssen.“

    Stattdessen singen sie auf dem Marktplatz in Aue, dass der „Steiger ein Licht in der Hand“ hat. Wer da ein spätevangelikales „brennt alles nieder“ raushört, hat die Ohren in den letzten Jahren gut geputzt. Da randalierts im Dorf und die Anheizer sind die gleichen NPD-Typen, die schon einst den ganzen Landstrich ausländerfrei hielten. Das war noch das gute alte „unsere Hühner treten wir selber“ in politischer Maskerade, aber so kann man wenigstens sicher sein: wenn die Braunen vorneweglaufen, gibt’s Zugeständnisse von der Landesregierung.

    Hier sind Neonazis so gesehen Erfolgsgaranten und echte Bezugspersonen, noch vor dem Pfarrer.

    Da appellieren gewählte Landräte mit einem satten Gehalt (für die Verantwortung!) schon mal an „Michael den I. von Ostsachsen“ und fordern flott „runde Tische“ aus Angst vor der pandemischen Endschlacht irgendwo im freistaatlichen Niemandstal am Panikberg zwischen Mordor und Auenland.

    Pandemie ist also, wenn im Erzgebirge Faschisten die Öffnungen eben der Schulen fordern, aus denen sie in der 8. Klasse flogen, weil sie einmal zu oft mit einer Waffe pünktlich-deutsch zur dritten Stunde erschienen sind.

    Doch all das erklärt es noch nicht so richtig. Pandemie ist vielleicht eher, wenn man sich an das Leben davor nicht mehr erinnern kann, Ostern bedeutet, für fünf lange Tage Eierlikör zu bunkern und der Humor stirbt, weil die Zeit der Fanatiker anbricht.

    So betrachtet, war die Antwort für Paul vollkommen ausreichend.

    Pandemie, die: Ultimative Schlussklärung“ an die Stadtverwaltung“ erschien erstmals am 26. März 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 89 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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