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Neue Stolpersteine erinnern an das Schicksal von behinderten Menschen im Nationalsozialismus

Während des Leipziger „Kirchentag auf dem Weg“ erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig am 27. Mai 2017 in Leipzig mit 29 neuen Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus. Das Projekt Stolpersteine erinnert und vergegenwärtigt das Leid von jüdischen Mitmenschen, Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen, Sinti und Roma, Homosexuellen sowie politisch Andersdenkenden und allen anderen von der Ideologie des Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten. Seit nunmehr über 10 Jahren werden diese Erinnerungsmale in Leipzig verlegt. Am 27. Mai folgen weitere 29 Steine, die in der Nähe der einstigen Wohnhäuser der Opfer in den Gehweg eingelassen werden.

Der Kirchentag, der neben Berlin auch in Leipzig und fünf weiteren deutschen Städten stattfindet, steht in diesem Jahr unter der Losung „Du siehst mich“. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Opfer nationalsozialistischer Terrorherrschaft, für die die Stolpersteine verlegt werden, missachtet, verfolgt und ermordet wurden, hat die Losung des zeitgleich stattfindenden Kirchentages eine ganz besondere Bedeutung.

Die Verlegung neuer Stolpersteine startet am 27. Mai 2017 um 10:30 Uhr an der Schmidt-Rühl-Straße 5b Dort wird ein Stein für den Sally Forst verlegt. Sally Forst wurde in Berlin geboren, jedoch stammte seine Familie aus Galizien, sodass er nach dem ersten Weltkrieg die polnische Staatszugehörigkeit zuerkannt bekam. Durch die Heirat mit der Nichtjüdin Martha Philipp wurde die Ehe von den Nationalsozialisten als „Mischehe“ behandelt. Im Zuge der Progromnacht zerstörten die Nazis am 10.11.1938 Sally Forsts Pelzgeschäft am Brühl. Die Familie, die durch den Familienvater ebenfalls die polnische Staatsangehörigkeit besaß, hatte nun nur einen befristeten Aufenthalt in Deutschland, weshalb sie eine Emigration in die USA anstrebte. Dort lebten Verwandte, die sich um die nötigen Papiere kümmerten. Da eine Ausreise kurz bevor stand, wurde von den Nationalsozialisten jedoch eine „Sicherungsanordnung“ über die Eheleute erlassen. Das bedeutete, dass die nationalsozialistische Verwaltung der Familie die freie Verfügung über ihr eigenes Vermögen entzogen hatte. Nach einer Verlängerung der Aufenthaltsfrist von 4 Wochen und einem gescheiterten Versuch des Passierens der polnischen Grenze von Sally Forst, kehrte dieser nach Leipzig zurück und erhängte sich dort, da er keinen anderen Ausweg mehr sah, wie er seine Familie vor den Nationalsozialisten retten kann. Besonders tragisch ist, dass die dringend benötigten Ausreisepapiere für die Familie sechs Tage nach dem Suizid Sally Forsts ankamen.

„Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zeigt menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten

Dass die Grausamkeit der Nationalsozialisten auch vor Benachteiligten keinen Halt machte, zeigen die Schicksale von Walter Handschuh und Wolfgang Fritz Thume. Von Geburt an waren Walter Handschuhs geistigen Fähigkeiten eingeschränkt und er lernte nur bedingt Lesen und Schreiben. Im Erwachsenenalter kümmerte sich seine Schwester um ihn. Er konnte diverse Hilfsarbeiten verrichten, wobei ihm Arbeitgeber eine unauffällige, gute Führung bescheinigten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Herr Handschuh zwangssterilisiert und später durch das Amtsgericht Leipzig entmündigt. Er wurde in den Bezirksfürsorgeverband Leipzig und anschließend in die Landesheil- und Pflegeanstalt Zschadraß „zur Verwahrung“ überwiesen. Von dort aus erfolgte 1941 der Transport in die Tötungsanstalt Pirna- Sonnenstein. Walter Handschuh wurde noch am Tag seiner Ankunft in der dortigen Gaskammer ermordet. Um 11.30 Uhr wird in der Holzhäuser Straße 62 ein Stolperstein für ihn verlegt.

Ein ähnliches Schicksal ereilte Wolfgang Fritz Thume. Bereits bei seiner Geburt war er geistig behindert und linksseitig spastisch gelähmt. Wolfgang konnte nie eine Schule besuchen, da er aufgrund seiner Behinderung nicht in der Lage war zu laufen oder zu sprechen. Die Pflege war eine sehr schwere Aufgabe für die Eltern, vor allem für die Mutter. Weitere Schicksalsschläge trafen die Familie in den folgenden Jahren: Die Mutter wurde zwangssterilisiert und ebenso erging es, trotz eines mehrjährigen Einspruchsverfahrens, dem Vater. Da die Pflege des Sohnes sich immer anspruchsvoller gestaltete, bemühte sich die Familie um die Aufnahme in ein Pflegeheim. 1937 wurde er somit in der Sächsischen Heil-und Pflegeanstalt Großhennersdorf untergebracht, wo sich sein Gesundheitszustand nachweislich positiv entwickelte. Nach drei Jahren Aufenthalt wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz verlegt, wo sich sein Gesundheitszustand jedoch rapide verschlechterte und er letzendlich verstarb. Heute ist bekannt, dass in Großschweidnitz mit Schlafmitteln gezielt gemordet wurde und die Todesrate in der Zeit des Nationalsozialismus bei 90 % lag. Am 27. Mai wird um 11.00 Uhr in der Engelsdorfer Straße/Ecke Paunsdorfer Straße ein STOLPERSTEIN für Wolfgang Fritz Thume verlegt.

Seit 2006 erinnern insgesamt 334 Stolpersteine in Leipzig an Opfer der NS-Diktatur

In Leipzig begann das Projekt am 3. April 2006 mit der Verlegung von 11 Steinen durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig. Koordiniert werden seitdem sämtliche Verlegungen durch die Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine in Leipzig“, die von der Stadt Leipzig beauftragt – ganz bewusst parteiübergreifend arbeitet. Die Arbeitsgruppe koordiniert nicht nur die Steinverlegungen, sondern steht für die Betreuung interessierter Gruppen und deren Recherchen zur Verfügung, plant Termine rund um die Stolpersteine, kümmert sich um den medialen Auftritt der Projekte und hält selbstverständlich Kontakt zu Hinterbliebenen und Angehörigen. Zur Arbeitsgruppe gehören das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Ev.-Luth. Kirchbezirk Leipzig und das Bürgerkomitee Leipzig e.V., Träger der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Durch das Engagement und die investierte Arbeit dieser Einrichtungen konnten die Stolpersteine Erinnerungen an die Schicksale der vielen Opfer im Nationalsozialismus schaffen und so einen wichtigen Teil zum kollektiven und auch individuellen Bewusstsein der Stadt beitragen.

Das Projekt Stolpersteine braucht Paten

Die Verlegung von Stolpersteinen ist nur mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich. Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen.

Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden Stolperstein werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein. In die Messingtafel des Steins sind die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt.

Die nächste Stolpersteinverlegung findet am 27. Mai 2017 statt. Weitere Informationen findet man hier.

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Leipziger Zeitung Nr. 70. Foto: L-IZ

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