TdJW-Intendant Jürgen Zielinski hat seine Ankündigung eingelöst, das Stück bis zum Ende seiner Intendanz zu zeigen. Umso bitterer, dass die letzten Vorstellungen von Lessings zentralem Werk der Aufklärung, dessen Aktualität bis heute ungebrochen ist, zum Ende von Zielinskis 18-jähriger Intendanz derzeit nicht gespielt werden können.

Jürgen Zielinski: „Wir brauchen Nathan als Figur, wenn wir den besorgniserregenden zivilisatorischen Umbrüchen in längst vergessen geglaubte Sprachverrohung und intolerante hetzerische Parolen entgegentreten wollen. Aber auch, um aus der Vergangenheit zu schöpfen und somit – und das muss immer das Ziel von Kulturschaffenden sein – Herzensbildung im hier und jetzt zu befördern. In meiner letzten Spielzeit als Intendant und Regisseur sollte nun nach 15 Jahren und über 25.000 Besucher*innen eine durchaus imposante Aufführungsgeschichte enden.“

Am 5. März begrüßte das Theater der Jungen Welt in einer der letzten Vorstellungen vor dem Corona-bedingten Shutdown noch die 25.000 Besucherin von Lessings „Nathan der Weise“. Genau fünfzehn Jahren davor hatte die Produktion Premiere gefeiert, 24 Schauspieler/-innen waren über die Jahre in 9 Rollen zu sehen. 2006 gastierte die Inszenierung während der Kamenzer Lessingtage in der Geburtsstadt des Dichters.

Matthias Hanke, Museums- und Pressereferent des Lessing Museum in Kamenz, stellte zu der Inszenierung fest: „Dass ,Nathan der Weise´ häufig auf der Bühne zu erleben ist, liegt an seiner brennenden Aktualität, zweifellos. Doch warum eine Inszenierung wie die am Theater der Jungen Welt in unserer schnelllebigen Zeit über Jahre eine solche Frische und Prägnanz bewahren kann, erklärt sich daraus keineswegs hinreichend.

Begeisterungsfähigkeit, Erfahrung, Fingerspitzengefühl sowie die gesunde Mischung von Respektlosigkeit und Demut gegenüber einer Spielvorlage wie der lessingschen gehören zusammen, um eine im besten Sinne moderne Inszenierung zu realisieren, insbesondere für junge Zuschauer. Jürgen Zielinski ist dies gelungen.“

Um der Inszenierung, die langjährig den Spielplan des TdJW geprägt hat und ihren Schauspieler/-innen einen Abschied auf der Bühne geben zu können, wird eine Dernière für Anfang 2021 unter der Intendanz von Winnie Karnofka geplant.

TdJW-Intendant und Regisseur Zielinski begleitete das traditionsreiche Drama über viele Jahre, 1996 inszenierte er es im Auftrag des Goethe-Instituts in Karachi, Pakistan. Der Dokumentarfilm „Nathan im Land der Sufis“ (1997) widmet sich der Entstehung der Inszenierung. Der Film von Shireen Pasha gibt einen Einblick in die Theaterarbeit in kulturellen Spannungsfeldern und wurde mehrfach in 3sat und ZDF ausgestrahlt. Lessings „Nathan der Weise“ erlebte seine Uraufführung 1783 in Berlin.

Wenngleich nach dem Erscheinen des Dramatischen Gedichts im Jahre 1779 eine lebhafte Diskussion entbrannt war, erhielt »Nathan« als Bühnenwerk zunächst wenig Beachtung. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts fand es seinen festen Platz im Repertoire. Im Kontext neu aufgebrochener religiöser und kultureller Differenzen in der globalisierten Welt von heute wirkt die Bekenntnisdichtung als Konflikt- und Begegnungsmodell ohne Beispiel.

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