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Auch der Leipziger Jahresausstellung e.V. appelliert an die Ratsfraktionen, den Verwaltungsplänen am Wilhelm-Leuschner-Platz nicht zuzustimmen

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    Schon der Titel ist falsch: "Leitlinien für die Weiterführung des Aufstellungsverfahrens zum Bebauungsplan Nr. 392 'Wilhelm-Leuschner-Platz/Ost'". Es gibt keinen "Wilhelm-Leuschner-Platz/Ost". Aber bei jeder Verwaltungsvorlage zum ehemaligen Markthallenviertel taucht dieser Name auf. Sinnfälliger kann der Versuch, ein ganzes altes Stadtquartier verschwinden zu lassen, nicht gemacht werden.

    Offiziell gibt es in Leipzig nur einen Wilhelm-Leuschner-Platz. Das ist die Platzfläche direkt vor der Stadtbibliothek, der ehemalige Königsplatz, seit dem 1. August 1945 nach dem in Berlin-Plötzensee ermordeten Leuschner benannt. Die westliche Platzkante bildet der Peterssteinweg, die östliche muss man sich vorstellen, denn sie ist durch die Bombenschäden des 2. Weltkrieges verschwunden. Man kann sie sich in Verlängerung des kleinen Passagendurchgangs zur Ernst-Schneller-Straße östlich der Stadtbibliothek als gerade Verlängerung bis zum Ring denken. Bis hier standen bis zu den Bombardements Wohn- und Geschäftshäuser und grenzten den Platz ein. Auf der anderen Seite dieses Häuserblocks verlief die Markthallenstraße, die natürlich so hieß, weil sie direkt an der Markthalle entlangführte. Die Markthallenstraße gibt es immer noch, genauso wie die anderen beiden Straßen des alten Markthallenviertels: die Brüderstraße und die Windmühlenstraße.

    Im Norden wurde das Quartier übrigens durch den Rossplatz begrenzt. Nach Norden dominierten präsentable Gebäude wie das Café Bauer und das Panorama die Front. Tatsächlich heißt das Gelände auch westlich der heutigen Grünewaldstraße noch heute Rossplatz. Niemand hat es umbenannt. Und die berühmte Straßenbahnhaltestelle „Wilhelm-Leuschner-Platz“ liegt gar nicht am Wilhelm-Leuschner-Platz, sondern am Rossplatz. Der Bowlingtreff steht übrigens  mittendrauf auf dem westlichen Teil des Rossplatzes. Die Verbreiterung des Ringes in DDR-Zeiten hat diese Ecke der Stadt bis zur Unkenntlichkeit verändert.

    Was kein Grund dafür ist, hier die falschen Namen zu verwenden. Das, was das Planungsdezernat Anfang November als Vorlage zum „Wilhelm-Leuschner-Platz/Ost“ vorgelegt hat, hat mit dem Wilhelm-Leuschner-Platz nichts zu tun. Die Leitlinien sollen eine Neugestaltung des ehemaligen Markthallenviertels forcieren, aufbauend auf dem 2011 beschlossenen Bebauungsplan Nr. 392 „Wilhelm-Leuschner-Platz Ost“, denn natürlich stammt der Versuch, die alten Stadtstrukturen an dieser Stelle aufzuweichen, aus dieser Zeit.

    Damals ging es darum, Platz für ein ausuferndes Freiheits- und Einheitsdenkmal zu schaffen. Deswegen bevorzugte die Verwaltung auch den im Rahmen einer Städtebauwerkstatt entwickelten Entwurf von Prof. Wolf/Prof. Pelčák, der das Gelände westlich der Markthallenstraße komplett von Bebauung frei hielt.

    Warum die Stadtverwaltung seinerzeit den Entwurf von Wolf/Pelcak bevorzugte, liest sich im damaligen Aufstellungsbeschluss so: „Der Vorschlag mündet in einen großzügigen Platzraum mit einer Esplanade im Vorfeld der Stadtbibliothek, einer freien Fläche im Bezug auf die S-Bahnstation und einem großzügigen Umfeld für den Bowlingtreff. Die Gestaltung des Platzraumes bietet auch einen möglichen Standort für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal und kann unabhängig von der baulichen Entwicklung des östlich gelegenen Baufeldes, welches wiederum Platz für die Markthalle an historischem Standort und trotzdem ‚in erster Reihe‘ bietet, erfolgen. Eine Bebauung in fernerer Zukunft ist nicht ausgeschlossen.“

    Man war wie fixiert auf die riesige Platzfläche für das Denkmal. Die Bebauung im Markthallenviertel sah man in „fernerer Zukunft“. Und stellte damit auch die Handlungszwänge auf den Kopf. Nicht das Denkmal wurde gebraucht, sondern ein neues Stadtquartier. Und was damals in „fernerer Zukunft“ passieren sollte, hat es im Dezember 2015 auf einmal ganz eilig?

    Da kommen nicht nur die Leipziger Architekten, die 2010 am Workshop teilnehmen durften und dann trotzdem überstimmt wurden, ins Grübeln.

    Der Versuch, diese Platzfläche in ein Denkmal zu verwandeln, ist ja bekanntlich gründlich gescheitert. Die teilnehmenden Architekturbüros mussten ja nicht nur eine unstrukturierte Platzfläche irgendwie gestalten, sie mussten auch den Glaskasten des südlichen Ausgangs der S-Bahn-Station irgendwie integrieren und Wegebeziehungen durchs Niemandsland anlegen – oder auch nicht. Selbst die am Ende ausgezeichneten Arbeiten scheiterten an dieser schieren Fläche.

    Aber eine Lehre für Verwaltung und Stadtrat war der gescheiterte Wettbewerb augenscheinlich nicht.

    Nicht nur die Leipziger Architekten haben öffentlich davor gewarnt, hier die Chance zu verspielen, ein neues Stadtquartier mit menschlichen Dimension zu entwickeln.

    Auch der Leipziger Jahresausstellung e.V. warnt jetzt davor, unterm Deckmäntelchen der Eilbedürftigkeit wieder gebaute Tatsachen zu schaffen, die ein zentrumsnahes Filetstück in eine architektonische Wüste verwandeln. Denn warum muss man einen Bebauungsplan für das Markthallenviertel aufstellen, in dem auch gleich noch die Gestaltung für den Wilhelm-Leuschner-Platz festgezurrt wird?

    In einem Offenen Brief schreibt der Verein: „Der Bebauungsplan für den Ostteil des Wilhelm-Leuschner-Platzes erschreckte nicht nur uns sehr. Er ist an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten und verstellt Möglichkeiten, wie die Wiederbelebung einer Markthalle auf viele Jahrzehnte, ganz zu schweigen vom fehlenden Bezug auf die historische Vitalität und Struktur dieses Viertels.“

    Doch seit 2010 preist die Verwaltung den Entwurf an wie Sauerbier, obwohl er in der Städtebauwerkstatt vor allem unter dem Gesichtpunkt entstand, für den geplanten Denkmalsplatz möglichst viel Fläche zu gewinnen. Wirklich begründen konnten das damals weder die Verantwortlichen für den Entwurf noch die Verwaltung selbst.

    „Im vorgelegten Plan korrespondieren die Platzseiten nicht miteinander und der Tunnelzugang dominiert die Freifläche. Die Bebauung ist zu dürftig strukturiert. Es entstehen keine intimen Bereiche mit guter Aufenthaltsqualität, somit droht ein windiger Ort bar urbaner Dichte“, schreibt der Künstler Rainer Schade als Vorsitzender des Vereins in einem Offenen Brief. „Nur ein viertes Quartier mit einem Binnenplatz würde die Randbebauung zum Stadtviertel erheben. Je vielschichtiger und lebendiger dieses Viertel gerät, desto besser wäre es für die Lebensfähigkeit einer Markthalle.“

    Und so appelliert auch der Leipziger Jahresausstellung e.V. an die Stadträte, der Eilentscheidung der Verwaltung nicht zuzustimmen. „Für einen so prominenten Ort sollten Zeit und Sachverstand genug zur Verfügung stehen.“

    Der Offene Brief des Leipziger Jahresausstellung e.V.

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