Da muss man schon mal selbst hingehen und schauen, wie das wirklich ist an der Kreuzung Virchowstraße/Baaderstraße. Oder sollte man besser sagen: Virchowstraße/Vietelsweg? Es überrascht schon, dass der Viertelsweg kaum erwähnt wird, seit nun in den letzten Tagen so intensiv über die Kreuzung in Gohlis-Nord diskutiert wird. Zwei Stadträte der Linken sind gleich hingefahren, um sich die Problemkreuzung vor Ort anzugucken.

Und natürlich stellten die Sprecherin für Verkehrspolitik, Franziska Riekewald, und der Sprecher für Stadtentwicklung, Siegfried Schlegel von der Linksfraktion, nach Begutachtung der Kreuzung folgerichtig fest: „Wenn sich verschiedene Verkehrsarten wie Fußgänger-, Straßenbahn-, Fahrrad- oder Kfz-Verkehr an einer Kreuzung bündeln, braucht es durchdachte Lösungen, die unterschiedliche Interessen berücksichtigen.“

Das Problem der Kreuzung ist: Sie ist ein Provisorium. Und zwar schon ein sehr altes. Denn als man die Straßenbahngleise der Linie 12 hier vor Urzeiten legte, verzichtete man auf den Bau einer funktionsfähigen Kreuzung. Der Grund war wohl: Es gab die großen Neubaugebiete in Gohlis-Nord noch nicht. Wenn hier Fahrzeuge die Gleise querten, war das eher selten. Fußgänger gab es kaum. Das hat sich mit der Zunahme des Pkw-Verkehrs deutlich geändert.

Aber auch der Gohliser Norden hat sich verändert. Nicht nur durch die Aktivierung der Schwimmhalle-Nord, die auch von den Schülern der Karl-Liebknecht-Schule intensiv genutzt wird, die hier die Virchowstraße queren müssen, und die vielfältigen Angebote im Geyserhaus am Bretschneider Park. Das wurde in den letzten Tagen sehr betont. Ist aber nur ein Teil des Kuddelmuddels an dieser Kreuzung, an der keine Ampelanlage existiert. Aber das eigentlich Gefährliche ist das Fehlen eines separierten Fußgänger-Überwegs. Zumindest auf der Kreuzung. 20 Meter weiter nördlich gibt es einen. Deswegen ist die Inszenierung gefährdeter Fußgänger auf der Kreuzung eher die falsche Problembetonung, auch wenn es der kürzere Weg ist.

Die eigentlichen Probleme bei Querung der Kreuzung haben Radfahrer und Autofahrer. Und zwar aus allen möglichen Richtungen. Riesige Signets, die aufs Straßenpflaster gemalt wurden, warnen die abbiegewilligen Autofahrer in der Virchowstraße vorm Einbiegen auf die Straßenbahngleise. Denn da die separierten Gleise mit Hecken eingefasst sind, sieht man die Straßenbahn oft nicht, wenn sie angerauscht kommt. Dasselbe Problem haben Autofahrer, die vom Viertelsweg kommen und zur Baaderstraße weiterwollen oder nordwärts in die Virchowstraße: Dann ist für sie der Fahrzeugverkehr in der verschatteten Virchowstraße erst spät einsehbar.

Und dazu kommt, wie Schlegel und Riekewald feststellen konnten, das Fehlverhalten vieler Autobesitzer selbst: Sie parken auch hier die Einmündungen zu.

Und: Einige Verkehrsteilnehmer rasen hier, nicht nur die Straßenbahnen, die auf dem separierten Stück Tempo machen, auch Autofahrer, die unbedingt mit 70 Sachen auf den schmalen Fahrspuren der Virchowstraße unterwegs sein müssen.

Da erinnern die beiden Stadträte der Linken auch erst einmal an § 1 der Straßenverkehrsordnung, der besagt: „Jeder Teilnehmer am öffentlichen Verkehr hat sich so zu verhalten, dass er keinen Anderen schädigt oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt.“

 

Die Kreuzung aus Straßenbahnfahrerperspektive. Foto: Ralf Julke
Die Kreuzung aus Straßenbahnfahrerperspektive. Foto: Ralf Julke

Anwohner, die sich mittlerweile mit zwei Petitionen an die Stadt gewandt haben, fordern  an dieser Kreuzung nun eine Ampelanlage und eine zusätzliche Haltestelle für die Straßenbahn und reihen sich damit ein in eine wachsende Zahl Gohliser Initiativen, uralte Verkehrsprobleme endlich auch einmal planerisch anzugehen.

„Seit einigen Jahren habe ich als Stadtrat in Zusammenarbeit mit dem Seniorenbüro Nord an verschiedenen Stellen bereits auf die Problematik aufmerksam gemacht. Die beiden Petitionen der Gohliser Bürgerinnen und Bürger zur Entschärfung des Unfallschwerpunktes an dieser Kreuzung finden meine uneingeschränkte Unterstützung“, erklärt dazu SPD-Stadtrat Claus Müller. „Insbesondere für ältere Menschen, zu denen ich mich auch zähle, sind eine sichere Querung der Virchowstraße an dieser Stelle und eine ebenerdige, neue Haltestelle notwendig. Schön, dass jetzt Dynamik in dieses Thema kommt und eine Realisierung greifbar erscheint.“

Nein, wirklich greifbar ist eine Lösung noch nicht. Vor 2020 wird es keine Ampelregelung für die Kreuzung geben. Und eine neue Haltestelle ist in den nächsten Jahren gar nicht umsetzbar. Denn während die von den Bürgern angesprochene neue Haltestelle an der Gohliser Straße/Springerstraße ohne großen Aufwand im Straßenraum eingesetzt werden konnte und auch nicht barrierefrei ist, müsste am Viertelweg aufwendig eine neue Haltestelle erst einmal gebaut werden.

Und Ampeln allein würden das Problem der Unübersichtlichkeit an der Kreuzung auch nicht lösen.

Das Dilemma sprechen Schlegel und Riekewald an: „Durch Markierungen und Beschilderungen könnten die Einmündungen frei gehalten werden. Klar muss aber sein, dass auch mit Lichtsignalanlagen für die Fahrbahnen und Warnblinkanlagen im Gleiskörperbereich eine Überquerung in einem Zug nicht möglich sein wird. Durch Rotphasen entstehen jedoch Zeitphasen, die ein sicheres Abbiegen ermöglichen, und die Straßenbahnen müssen ihre Geschwindigkeit in den künftigen Haltestellenbereichen vermindern. Die Hecken am Gleiskörper sollten nicht zu großzügig eingekürzt werden, haben sie doch auch eine lärmmindernde Funktion direkt am Entstehungsort von Straßenbahngeräuschen.“

Lärmminderung oder bessere Übersicht? Das ist hier mehr als eine Frage. Denn auch Fußgänger und Radfahrer geraten immer wieder in Gefahr, wenn mutige Autofahrer mit 70 Sachen aus dem Schatten von Büschen und Bäumen geschossen kommen.

Franziska Riekewald und Siegfried Schlegel erinnern daran, dass die Errichtung der Lichtsignalanlage Gohliser Straße/Springerstraße in Nachbarschaft der Kita auf Initiative und Antrag aus der Linksfraktion zurückging und es rund zwei Jahre von der Antragstellung bis zur Realisierung gedauert hat. Auch dieser Standort berücksichtigt den späteren behindertengerechten Ausbau der angrenzenden Straßenbahnhaltestelle. Aber der wird auf sich warten lassen, denn so ein Umbaubau kostet in der Regel sechsstellige Beträge, die sich schon bei 5 bis 6 behindertengerechten Haltestellen, die die LVB jedes Jahr bauen, auf Millionenbeträge summieren.

Für den Kreuzungsbereich Virchow-/Baaderstraße ist aus Sicht der beiden Linke-Stadträte der Bau einer zusätzlichen Straßenbahnhaltestelle unbedingt vonnöten. Und dann fangen sie an zu träumen: „Diese sollte möglichst noch im Jahr 2017 entstehen. In Anbetracht der zahlreichen Gebäudesanierungen und Wohnungsneubauten durch Lückenschließungen in der Umgebung ist mit weiterem Zuzug zu rechnen, weshalb mittelfristig eine komplexe Lösung mit zusätzlicher behindertengerechter Straßenbahnhaltestelle sowie sicherer Überwege geschaffen werden muss.“

Solche Investitionen planen auch die LVB in deutlich längeren Zeiträumen. Denn ohne einen Umbau der Kreuzung macht auch die Haltestelle keinen Sinn, im Gegenteil, sie macht die Situation  auf der angrenzenden Kreuzung noch unübersichtlicher.

Andererseits zwingen die Bevölkerungsentwicklungen in Gohlis-Nord auch in der Virchowstraße zum Umdenken. Nicht nur rund um den Viertelsweg wohnen wieder mehr Menschen – darunter viele Senioren, die auf sichere Wege angewiesen sind. An der Otto-Adam-Straße saniert die GRK Holding derzeit für 36 Millionen Euro auch ein altes Gebäudeensemble unter dem Namen Gohlis-Carré mit 148 Wohnungen. Dazu gehört auch ein Lückenschluss an der Virchowstraße. Weitere Sanierungen sind hier zu erwarten. Was in der Folge auch wieder nicht nur mehr Fußgänger, Radfahrer und Straßenbahnnutzer bedeutet, sondern noch mehr Pkw in einem Straßenparcour, dessen Kreuzungen und Einmündungen fast alle denkbar unübersichtlich sind.

Ein paar Ampeln werden nicht genügen, das Dilemma zu beheben.

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Irgendwann muss die Haltestelle Baaderstraße aber auch mal gebaut werden. Die LVB planen daran mittlerweie schon seit 10 Jahren. Und wenn sich im Stadtrat eine Mehrheit findet, dürfte auch die Finanzierung nicht das ganz große Problem sein. Man muss zunächst aber wollen.

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