Für FreikäuferKann man aus dem am 9. November vorgelegten „Mittelfristigen Entwicklungskonzept des agra-Areals in Leipzig-Dölitz“ wirklich nur herauslesen, dass das Gelände an der Bornaischen Straße zur „städtebaulichen Reservefläche“ erklärt werden soll? Eigentlich nicht. Tatsächlich ist die Vorlage, die vom Dezernat Stadtentwicklung und Bau gemeinsam mit dem Dezernat Wirtschaft und Arbeit erstellt wurde, das amtliche Eingeständnis, dass die beiden vorhergehenden Konzepte Pfusch waren.

Echter Pfusch. Ganz so, als hätte irgendjemand im Himmel der politischen Weisungsträger gesagt: Das und das möchte ich im Konzept stehen haben, macht mal.

Aber schon das zweite Konzept hatte gezeigt, dass der Traum mit der gewünschten Wohnbebauung auf den Wiesen an der Mühlpleiße nicht wirklich umsetzbar ist. Bei den anderen Bausteinen für das sichtlich zusammengestoppelte erste Konzept hätte man als Außenstehender eigentlich davon ausgehen können, dass die Ämter die Umsetzbarkeit der Ideen wenigstens geprüft hätten.

Jetzt ist aber schwarz auf weiß nachlesbar: Das haben sie nicht getan.

Das beginnt mit dem Hotelneubau, der im angrenzenden Markkleeberg auf deutlichen Widerspruch gestoßen ist.

Die Vorlage stellt jetzt ziemlich kleinlaut fest: „Wirtschaftlich gesehen werden weder der Standort noch das Hotelprojekt nach seiner Prüfung als attraktiv genug eingestuft, um Kundschaft in der Größenordnung einer wirtschaftlichen Tragfähigkeit für ein Hotel zu generieren. Die alleinige Belegung des Hotels während der Veranstaltungen und mit Gästen des ‚WGT‘ genügt in keinem Fall, um ein Hotel über das ganze Jahr wirtschaftlich betreiben zu können. Auch gab es bis dato keine Nachfrage eines Hotelbetreibers, sich auf dem agra-Veranstaltungsgelände anzusiedeln. Aus diesen beiden genannten Gründen, wird das Ziel, hier ein Hotel anzusiedeln, nicht weiterverfolgt.“

Aber nicht nur der Hotelneubau war aus der Hüfte geschossen. Auch der opulente Camping- und Caravaning-Platz, den sich da jemand ausgedacht hat.

Denn dummerweise hätten dafür über 6.000 Quadratmeter Naturschutzgebiet entwidmet werden müssen.

„Ein weiterer Punkt ist die teilweise Überplanung des Landschaftsschutzgebietes für das Campingplatzgelände. Ohne das Areal des Landschaftsschutzgebietes von 6.560 qm bei einer Gesamtgröße von 17.400 qm wäre der Campingplatz nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Bei der Realisierung des Campingplatzes müsste deshalb für den Campingplatz das betroffene Areal aus dem Landschaftsschutzgebiet ausgegliedert werden. Hierfür wären Fachgutachten notwendig, die Aussagen über Flora- und Faunabestand treffen und den Verlust, der mit der Rücknahme des besonderen Schutzzweckes des Landschaftsschutzes an dieser Stelle verbunden ist, bewerten. Geeignete Kompensationsmaßnahmen müssten benannt werden. Neben dem Bebauungsplan wäre das Ausgliederungsverfahren aus dem Landschaftsschutzgebiet aufwendig und zeitraubend, so dass es nicht im Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzung des Campingplatzes für den potentiellen Betreiber steht, der diese Planungen zahlen müsste. Die Einrichtung eines Campingplatzes mit Caravanstellplatz wird deshalb nicht weiterverfolgt.“

Dass überhaupt daran gedacht wurde, den Landschaftsschutz in einem Teil des agra-Parks zurückzunehmen, erzählt schon eine Menge über Leipzigs Umgang mit der sensiblen Natur.

Flohmarkt im agra-Gelände. Foto: Ralf Julke
Flohmarkt im agra-Gelände. Foto: Ralf Julke

Womit drei von vier Schnapsideen aus dem ersten Konzept sich bei der ersten ernsthaften Prüfung schon als völlig realitätsfern erwiesen haben: Eigenheimbau, Hotel und Campingplatz. Blieb noch die vierte Lieblingsidee Leipziger Planer: der Supermarkt. Oder in der Vorlage: eines „Nahversorgers“.

Und auch diese Idee ist bis 2030 nicht umsetzbar: „Im Rahmen einer städtebaulich angepassten Lösung und einer effizienten Grundstückausnutzung könnte am nordwestlichen Rand des agra-Veranstaltungsgeländes ein drei- bis viergeschossiger Baukörper entstehen, der eine Kombination aus Wohnen und Einzelhandel bietet. Da die hier vorhandene Bebauung entlang der Bornaischen Straße allerdings bis zum Jahre 2030 vermietet ist, ist eine Neuentwicklung in diesem Bereich zu einem früheren Zeitpunkt nicht realistisch. Nach Leerzug des Bestandes kann dieser abgerissen und Platz für einen Nahversorger geschaffen werden.“

Was für das ganze Projekt bedeutet: Vor 2030 wird hier gar nichts passieren. Außer – und das war eigentlich immer schon drängend, damit das Gelände überhaupt erst einmal wieder ins Bewusstsein der Bürger zurückkehrt – die Schaffung nutzbarer Rad-Fußweg-Verbindungen, die hier überhaupt erst einmal einen Zugang zum agra-Park ermöglichen.

Das erste ist eine Öffnung, um direkt vom Torhaus Dölitz nach Markkleeberg fahren zu können: „Die Rad- und Fußwegeverbindung in Nord-Süd-Richtung verläuft von der Helenenstraße über das Ausstellungsgelände bis zur Virchowstraße in Richtung Markkleeberger See. Beide Zugänge (Helenenstraße, Virchowstraße) werden zukünftig vollständig für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und können im Bedarfsfall als Rettungsweg genutzt werden. Eine Fahrradwegeverbindung jenseits der stark befahrenen Bornaischen Straße aus dem Leipziger Süden in Richtung Markkleeberger See erhöht die Sicherheit der Radfahrer und ist auch als Radwegeverbindung durch das durchgrünte agra-Veranstaltungsgelände attraktiv.“

Erstaunlich, dass das Jahre brauchte, um die amtlichen Höhen zu erreichen. Und es soll wohl auch tatsächlich zeitnah umgesetzt werden.

Fehlt noch eine zweite wichtige Zuwegung, die geöffnet werden muss: Die von der Bornaischen Straße quer durchs Gelände über die Mühlpleiße in den westlichen Teil des agra-Parks.

Zwei Voraussetzungen bremsen jetzt erst einmal jede andere Entwicklung. Das eine sind die Mietverträge für die Hallen, die allesamt bis 2030 laufen. Und die Stadt hütet sich zu Recht, die Mietverträge anzurühren, denn sie sichern hier nicht nur allerlei publikumsträchtige Veranstaltungen, sondern auch das für Leipzig wichtige Wave Gotic Treffen (WGT). „Die Gebäudehallen auf dem agra-Veranstaltungsgelände sollen mit erheblichen Investitionen für Veranstaltungen und Ausstellungen modernisiert und die Nutzungen sollen beibehalten werden. Neben der Sicherung der bisherigen Nutzung sollen so auch neue Veranstaltungen generiert und die finanzielle Situation verbessert werden“, heißt es in der Vorlage.

Das allein könnte schon mal 3 Millionen Euro kosten.

Das andere betrifft direkt die Arbeit mit dem denkmalgeschützten Herfurtschen (alias agra-)Park: „Die Entwicklung des agra-Erholungsparks ist abhängig vom Vorhaben des Freistaates zur Tunnellösung der Bundesstraße 2 in diesem Bereich. Erst wenn die umzusetzende Variante zur Sanierung der Bundesstraße in diesem Bereich klar ist, kann die Entwicklung des agra-Erholungsparks vorangetrieben werden.“

Deswegen konnten die beiden Dezernate gar nichts anderes vorschlagen als: „Langfristig ist das agra-Veranstaltungsareal als städtebauliche Reservefläche der Stadt zu sehen. Der Status Quo wird bis zum Auslaufen der bestehenden Mietverträge bis 2030 beibehalten. In einem diskursiven Prozess mit der Bürgerschaft, Politik und der Nachbargemeinde Markkleeberg soll dann die weitere Nutzung untersucht und geplant werden. Das agra-Veranstaltungsgelände kann auch als Flächenreserve für einen Schul- und Kitastandort betrachtet werden.“

Das Fazit: „Im Ergebnis schlagen wir vor, die Ausstellungsfunktion der agra mit dem Bestand zu stärken. Das WGT wird am Standort gehalten. Eine ergänzende Neubebauung hat sich nach Prüfung kurz- bis mittelfristig als nicht zielführend herausgestellt. Der ehemalige „agra-Club“ soll wiederbelebt und die Container im Nordwesten temporär als Auslagerungsobjekt für in Sanierung befindliche Kindertagesstätten genutzt werden. Ab 2030, wenn die bestehenden Mietverträge auslaufen, kann über die Entwicklungsperspektiven neu nachgedacht werden.“

Das sind dann zwölf Jahre Zeit, um wirklich tragfähige Ideen für das Gelände zu entwickeln.

Und vielleicht bekommt man den Campingplatz doch noch irgendwie unter, auch wenn man nicht versucht, ein Stück Naturschutzgebiet zu okkupieren: „Im südwestlichen Bereich der agra war ein Campingplatz mit einem Caravanstellplatz auf Leipziger Flur vorgesehen. Die geplante Fläche umfasste ca. 1,74 ha mit ca. 150 Caravan- und Zeltstandplätzen. 1/3 der Fläche liegt im Landschaftsschutzgebiet Leipziger Auwald. Nach Abzug der Waldfläche verbleibt eine nutzbare Fläche von ca. 1,1 ha für den Campingplatz. Das bestehende Gebäude des ehemaligen agra-Clubs sollte hier eingebunden werden. Kundenpotential ist bei der guten Anbindung an das Straßenbahnnetz, der Nähe zum Markkleeberger See und der Attraktivität der Stadt Leipzig als touristische Destination zu erwarten.“

Dafür braucht es dann freilich einen eigenen Bebauungsplan.

 

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