Als sich am Samstag, 13. Januar, im „Fuchsbau“ in Rückmarsdorf 200 Bürger auf Einladung der Bürgerinitiative Rückmarsdorf gegen den geplanten Kiesabbau („Mit uns ist kein Kies zu machen!“) und der Wählervereinigung Rückmarsdorf einfanden, ging es nicht nur um die Kandidaten zur anstehenden Ortschaftsratswahl. Es wurde auch mal darüber geredet, wie man sich in einem so abgelegenen Leipziger Ortsteil fühlt. Abgehängt nämlich.

Cornelia Kluth von der Bürgerinitiative gab bei der Veranstaltung einen Überblick dessen, was die Bürgerinitiative im vergangenen Jahr alles bewegt hat, um den geplanten Kiesabbau direkt am Ortsrand zu verhindern. Im zweiten Teil der Veranstaltung stellten sich die beiden Kandidaten für die Ergänzungswahl des Ortschaftsrates am 28. Januar, Jürgen Lenk und Alexander Fieber, beide von der Wählervereinigung Rückmarsdorf, vor.

Und wer sich im Ortschaftsrat engagieren will, der muss sich auch mit den Problemen des 4.800-Einwohner-Ortes beschäftigen. Was dann anschließend auch zur Sprache kam. Und gerade in Rückmarsdorf fühlt man sich ziemlich von der Stadtpolitik vergessen.

„Den Anwohnern ging es vor allem um mehr Engagement der Stadt Leipzig, die alle westlichen Gemeinden eher als Stadtrand sieht und auch so behandelt“, erzählt Detlev Ducksch von der Bürgerinitiative. „Dabei wächst Rückmarsdorf, sowohl in den Siedlungen, beim Zuzug und auch beim angesiedelten Gewerbe. Die KiTa und die Schule können aber diesem Wachstum kaum mehr standhalten, da sich vor allem Familien mit kleinen Kindern für ein Leben in Rückmarsdorf entscheiden. Hier ist höchster Handlungsbedarf vonnöten.“

Die Angebote des öffentlichen Personennahverkehrs seien zwar vorhanden, aber nur mit Linien, die stündlich Richtung Stadt bzw. Nova Eventis und in der Verbindung nach Grünau fahren. „Abends sind die Rückmarsdorfer auf die eigenen Fahrzeuge angewiesen, wenn sie im Gewandhaus, der Oper, in einem der vielen Kabaretts oder zu anderen Veranstaltungen waren, da zwischen 21 und 24 Uhr kaum ein Bus oder eine Bahn Rückmarsdorf ansteuert“, so Ducksch. „Diese 1-Stunden-Taktung zu verkürzen und das Angebot in den späten Abendstunden zu erweitern würde mit Sicherheit nicht nur zu steigenden Fahrgastzahlen führen, sondern auch dazu, dass die eigenen Autos weitaus weniger genutzt würden.“

Dass hier so wenig passiert, hat auch damit zu tun, dass Rückmarsdorf in der integrierten Stadtplanung eben auch nur am Rande auftaucht. Große Pläne, hier mehr Wohnbebauung zu schaffen, gibt es nicht. Perspektivisch hat man nur eine Erweiterung der Schule Rückmarsdorf auf dem Plan. Eine Idee, den Ort zu stärken und für Jüngere attraktiver zu machen, gibt es nicht.

Rückmarsdorf erlebt also sehr beispielhaft, was eben nicht passiert, wenn eine große Stadt mit so einem im Jahr 2000 eingemeindeten Ortsteil nicht viel anfangen kann. Obwohl hier Potenziale sind. Nicht unbedingt in dem völlig überdimensionierten Einkaufspark. Dass die ÖPNV-Verbindung besser werden muss, steht so auch im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEK). Aber nicht konkreter. Die Einkaufs-Buslinie 161 ist ganz bestimmt nicht die Lösung. Gäbe es entlang der Merseburger Straße sinnvolle Entwicklungspläne, würde sich sicher eine Stadtbuslinie lohnen.

Aber eine Veränderung wird es auf jeden Fall geben, denn das untersucht ja gerade der ZVNL: Die Schaffung einer neuen S-Bahn-Verbindung nach Markranstädt, die dann natürlich auch die Stationen Miltitz und Rückmarsdorf anfahren würde. Für die schnelle Verbindung zur Leipziger City wäre das attraktiv.

Aber ein anderes Problem steht genauso seit Jahren auf der Wunschliste: die eher abschreckende Radwegeverbindung an der Merseburger Straße. Detlev Ducksch: „Was die Gefährdung von Radfahrern und Fußgängern entlang der Merseburger Straße anging, waren sich alle Anwesenden einig. So ist ein sicherer Radweg auch in Richtung City höchst überfällig.“

Zumindest seht das auch im INSEK: „Verbesserung Radwegeverbindungen, z. B. Merseburger Straße, Elster-Saale-Kanal“. Wenn der Ortschaftsrat rührig ist, hat er einige große Themen, mit denen er den Druck im Leipziger Stadtrat erhöhen kann. Und da es nicht nur Rückmarsdorf so geht, dass man sich von der Stadtpolitik vernachlässigt fühlt, könnte aus Leipzigs Westen in nächster Zeit eine geballtere Aktivität der gewählten Ortschaftsräte für Stimmung sorgen.

Die Fühler habe man schon ausgestreckt, deutet Ducksch an: „Es wurde unterstrichen, dass eine Zusammenarbeit mit den umliegenden OSR aus Burghausen und Böhlitz-Ehrenberg unumgänglich ist. Die Stadt Leipzig darf den Leipziger Westen in ihrer Stadtentwicklung nicht vergessen.“

Und vielleicht braucht es auch mehr Ideen, als im INSEK stehen, um aus dem Leipziger Westen eine attraktivere Wohngegend zu machen. Denn dass der Elster-Saale-Kanal hier entlangführt, beinhaltet zumindest Chancen für eine bessere Freizeiterschließung der Region – mit dem Radweg am Kanal und irgendwann auch mit der Verbindung des Kanalstücks zum Lindenauer Hafen.

Für Rückmarsdorf muss wieder gewählt werden

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