Klares Ergebnis einer Gewässerschau

Die Gewässerdynamik in der kompletten Nordwestaue muss geändert werden

Für alle LeserAls das Amt für Umweltschutz am 26. September 2017 zur Gewässerschau an der unteren Weißen Elster einlud, ging es natürlich auch um die Frage: Was kann Leipzig in diesem Flussabschnitt eigentlich tun, um die Wasserqualität deutlich zu verbessern? Eigentlich geht es um die zentrale Frage: Wie bringt man das Wasser wieder zum Fließen.

Denn dass die untere Weiße Elster oft wie ein stehendes Gewässer aussieht, hat natürlich damit zu tun, dass die Fließgeschwindigkeit künstlich verringert ist. Das Ergebnis sind weitreichende Verschlammungen im Fluss. Grund dafür ist das untere Elsterwehr, wo die Landestalsperrenverwaltung (LTV) den Wasserzulauf zur Weißen Elster regelt. Was man so regeln nennt. Denn für die Weiße Elster bedeutet das – so stellt das Protokoll fest – „fehlende Hydrodynamik“.

Der Zufluss ist relativ konstant. Wenn es mal – nach dem Regen – etwas mehr Wasser gibt, senkt die Talsperrenverwaltung das Wehr zur Neuen Luppe und lässt dort mehr Wasser abfließen. Wasser, das eigentlich in der Weißen Elster für Dynamik sorgen müsste. Denn ein Fluss arbeitet normalerweise. Wechselnde Wasserstände sorgen dafür, dass alte Ablagerungen abgetragen werden, Totholz sorgt dafür, dass auch mal Sandbänke und Inseln entstehen, an denen sich Wasservegetation ansiedeln kann.

Es entsteht keine Gewässerbettdynamik, wie das Protokoll zur Gewässerschau feststellt.

Da helfen auch die Forderungen einiger Anrainer nichts, die Schlammablagerungen abzubaggern. Die würden sich ziemlich schnell wieder neu bilden, wenn sich an der Dynamik des Flusses nichts ändert. Dass die Talsperrenverwaltung ihr Zuflussregime ändern müsste, war das eine Thema bei der Begehung.

Für einen Rückstau im Fluss sorgt auch das alte Wehr der ehemaligen Wahrener Mühle, das man unbedingt zurückbauen müsse, damit der Fluss wieder frei fließen kann. Eigentlich muss sogar zuerst dieses alte Mühlenwehr entfernt werden. Denn schon jetzt gibt es bei Starkregen immer einen Rückstau bis zum unteren Elsterwehr. Der LTV bleibt gar nichts anders übrig, als die Wassermassen in die Neue Luppe abzuleiten.

Das Elsterbecken. Foto: Ralf Julke

Das Elsterbecken. Foto: Ralf Julke

Das Leipziger Umweltschutzamt traute sich sogar, die Landestalsperrenverwaltung zu rüffeln. Denn die ist eigentlich für den Unterhalt der Weißen Elster zuständig – hat aber für die Jahre 2016/2017 keinen Pflegeplan vorgelegt, obwohl sie dazu gesetzlich verpflichtet ist.

Möglicherweise auch, weil im Leipziger Gewässersystem so langsam nichts mehr zusammenpasst. Was ja die SPD-Anfrage zur Steuerung des unteren Elsterwehrs deutlich gemacht hat. Um der Leipziger Nordwestaue wieder eine natürliche Gewässerdynamik zu verpassen, muss mindestens am unteren Elsterwehr die Wassersteuerung geändert werden. Nur kann niemand diesen Eingriff definieren, wenn die Stadt selbst nicht weiß, wo sie hin will.

Und das Erstaunliche an der Gewässerschau am 26. September war: Sie bestätigte alle Kritik der Umweltverbände am jetzigen Zustand des Leipziger Gewässerknotens.

Der zentrale Satz im Protokoll lautet: „Wie schon in der Bewirtschaftungsplanung und der Maßnahmenplanung gemäß WRRL (Wasserrahmenrichtlinie, d. Red.) festgehalten, bestätigte sich auch bei der Gewässerschau und der Befahrung als Hauptbelastungsfaktor für den schlechten hydromorphologischen Zustand des Wasserkörpers die gewässeruntypische Abflussregelung (Pressure Type Code p49) des gesamten Wasserkörpers durch die derzeitige Regelung am Gewässerknoten (System Palmgartenwehr, Unteres Elsterwehr, Luppewehr, Nahlewehr).“

Das Problem fängt also direkt am Palmgartenwehr an – wo es übrigens eine Fischtreppe gibt, die den simpelsten Anforderungen nicht genügt. Das Elsterbecken ist nichts anderes als eine völlig nutzlose Sedimentfalle, in der die Ausbildung eines lebendigen Flusses komplett verhindert wird.

Es nutzt also nichts, wenn die LTV für die untere Weiße Elster einen Pflegeplan auflegt – sie muss den kompletten Gewässerknoten neu denken.

Und das Leipziger Umweltamt formuliert erstaunlich klare Ziele: „Die Verbesserung des hydromorphologischen Zustandes ist ein wichtiger Faktor für die Verbesserung des ökologischen Zustands. Nur mit einer guten Hydromorphologie gibt es ausreichend Lebensräume und Lebensbedingungen für die 4 biologischen Qualitätskomponenten (Phytoplankton, sonstige aquatische Florenkomponenten, die Wirbellosenfauna und die Fischfauna.“

Hydromorphologie ist schlicht die Flussstruktur. Nur wenn ein Fluss wieder wie ein richtiger Fluss funktioniert, können Fische, Krebse, Muscheln, Wasserpflanzen drin leben.

Da reicht natürlich der Rückbau des alten Wehrs der Wahrener Mühle nicht, da muss mehr passieren. Und das hat das Umweltschutzamt auch gleich als Arbeitsaufgabe formuliert: „Es ist eine Studie zu erstellen, auf deren Grundlage die notwendige Änderung der Steuerung des Unteren Elsterwehres im Verbund mit Luppe- und Nahlewehr sowie die zukünftige Steuerung des Elster- und Pleißemühlgrabens und der Teilrückbau des Wehres der ehemaligen Mühle Wahren unter Berücksichtigung eines naturnäheren Abflussregimes (HQ1 bordvoller Abfluss mit leichten Ausuferungen in tiefe Auenbereiche und HQ2-5 flächige Ausuferungen in die Aue) und des Hochwasserschutzes für schutzwürdige Objekte und Infrastrukturen geplant werden kann.“

HQ sind die unterschiedlichen Hochwassertypen.

Aber man kann es nicht überlesen: Leipzigs Umweltamt plädiert jetzt für mehr Hochwasser in der Nordwestaue.

Aber umsetzen muss das die Landestalsperrenverwaltung durch ein anderes Regelungsregime. Eines, das „natürlich bettbildende Abflüsse“ ermöglicht mit Hochwasserereignissen ein bis zwei Mal pro Jahr im Bereich Weiße Elster – die es bislang nur alle 20 Jahre gibt – nämlich dann, wenn auch die Parthe mal richtig Hochwasser führt.

Doch während der Vorschlag zur unteren Weißen Elster schon sehr konkret war, hat man zum Elsterbecken noch keine rechte Idee: „Als weiterer erheblicher defizitärer Bereich (siehe Gewässerstrukturkartierung) ist das Elsterbecken anzusehen“, heißt es im Protokoll. „Hier wird das Fließgewässerkontinuum vollständig unterbrochen, die Durchgängigkeit für Fische, benthische wirbellose Fauna und das Geschiebe ist nicht gewährleistet.“

Die Studie, die das Protokoll vorschlägt, könnte also Grundlage für einen „Vorhabens- und Sanierungsplan für die Oberflächenwasserkörper Weiße Elster-8/9/11“ sein.

Die Zahlen 8, 9 und 11 stehen für die Abschnitte der Weißen Elster im Leipziger Stadtgebiet.

So ein „Vorhaben- und Sanierungsplan“ muss laut einer Anweisung des Sächsischen Umweltministeriums von 2017 sowieso erarbeitet werden. Das könnte jetzt langsam zu einer Hoffnung für die Leipziger Nordwestaue werden.

ElsteraueWeiße Elster
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