Stadt will keinen Grund sehen, in der Inneren Jahnallee Radfahrstreifen anlegen zu müssen

Für alle LeserDer Handlungsdruck in der Inneren Jahnallee steigt. Als Thomas Schulze, Leiter der Abteilung Straßenverkehrsbehörde im Verkehrs- und Tiefbauamt, vor einem Jahr zum Unfallgeschehen in der Inneren Jahnallee befragt wurde, sagte er noch: „Das ist kein Unfallschwerpunkt.“ Und ein Jahr drauf hätte er es wohl auch gesagt. Er ist Vorsitzender der Verkehrsunfallkommission. Und die hält sich an strenge Regeln. Die sich aber oft genug als ziemlich weltfremd erweisen.

So auch bei der Inneren Jahnallee. Das Problem: Die Leipziger Verkehrsunfallkommission wird erst aktiv, wenn bestimmte Mindestvoraussetzungen erfüllt sind. Unfallhäufungen reichen nicht aus. Es müssen mehrere gleichartige Unfälle möglichst an derselben Stelle passieren, dann – so Schulze – muss auch die Straßenverkehrsbehörde davon ausgehen, dass etwas an der Verkehrsanlage nicht stimmt. Und wenn man das weiß, kann man Lösungen suchen.

Manchmal findet man keine.

Manchmal stellt sich nach 14 Jahren heraus, dass diese nervige Presse damals recht hatte, als sie den Straßenneubau kritisierte. Nun ist aber nichts mehr dran zu ändern. Möglicher Grund, so Schulze: Zu viele Ämter wollen mitreden. Und manchmal setzen sich mächtige Amtsleiter durch, die z. B. nie mit dem Fahrrad fahren – und es kommt eine Straße dabei heraus, die das Leben von Radfahrern brandgefährlich macht.

Was zum Beispiel auf den Ranstädter Steinweg zutrifft, über den man über einen separaten Radweg zur Inneren Jahnallee fährt und sich dort mit dem Kraftverkehr in einen engen Straßenschlauch einfädeln muss. Und in diesem engen Schlauch kommt es vermehrt zu Unfällen. Nicht so hübsch punktuell, dass die Straßenbehörde sagen kann: Hier ist es die Ampel, dort ein Überweg oder ein Schild, das man einfach ändert.

Es hat lange gebraucht. Aber sichtlich hat auch die Leipziger Verkehrspolizei Druck gemacht. Denn wenn auf einem 400 Meter langen Straßenstück innerhalb eines Jahres 37 Unfälle passieren, dann stimmt etwas nicht. Auch wenn die Lage scheinbar diffus ist. In elf dieser Unfälle waren Radfahrer involviert. Und wir sind immer noch im Jahr 2017. Die ganzen Unfälle aus dem Jahr 2018 sind hier noch nicht mitgezählt. 33 dieser Unfälle waren mit Personenschaden.

Aber weil es so viele Unfälle waren, schälte sich auch für den trockenen Chef der Straßenverkehrsbehörde erstmals ein Handlungsansatz ab. Denn sechs der Unfälle lassen sich direkt auf den ruhenden Verkehr zurückführen, fünf davon mit Radfahrern. Da ging mal unverhofft eine Autotür auf und legte den Radfahrer hin, der zwischen Straßenbahn und „ruhendem Verkehr“ fuhr. Oder ein Auto setzte unverhofft aus der Parklücke.

Sodass auch Schulze zu dem Schluss kommt: „Wenn wir die Unfälle reduzieren wollen, müssen wir hier beim ruhenden Verkehr ansetzen.“

Dass das Weglassen von separaten Radfahrstreifen der Grund sein könnte, dass hier gerade Radfahrer immer wieder in Unfälle verwickelt werden, will er so nicht stehen lassen. Jetzt seien die Radfahrer, weil ja beide Außenspuren zugeparkt sind, gezwungen, in der Mitte der Fahrbahn zu fahren. Dass sie zwischen Straßenbahn und ruhendem Verkehr auftauchen, ist – aus seiner Sicht – Fehler der Radfahrer. Sie hätten da nichts zu suchen.

Nur geraten sie, wenn sie mit der Straßenbahn gemeinsam an der Leibnizstraße losfahren, genau da hin.

Schulzes Rat: Sie sollten sich hinter der Straßenbahn einreihen. Oder davor, sodass die Bahn gar nicht überholen kann. Aber er gibt selbst zu: „Den Mut muss man erst mal haben.“

Und ob die Jahnallee für den Verkehr auf der Bundesstraße 87 dann überhaupt noch passierbar ist, darf wohl bezweifelt werden.

Deswegen sehen die Vorschläge der Verwaltung zur Inneren Jahnallee jetzt erst einmal wie ein flauer Kompromiss aus:

  1. Die Verkehrsmenge soll um rund 3.360 Kraftfahrzeuge verringert werden. Das stammt eigentlich aus dem Luftreinhalteplan der Stadt. Die Innere Jahnallee weist vielfach überhöhte Werte bei der Luftschadstoffbelastung aus. Die Stadt kann gar nicht anders, als den Verkehr zu verringern, um ein komplettes Durchfahrtverbot für einige Fahrzeugarten zu verhindern. Das soll ja bekanntlich eine neue Ampelschaltung an der Marschnerstraße bewirken. Künftig soll ab dort auch noch eine Fahrbahn umgewandelt werden, sodass Radfahrer von der Marschnerstraße bis zum Waldplatz eine neue, bessere Wegeführung bekommen und nicht mehr (aus Autofahrersicht) hinter Bäumen verschwinden.

Dumm nur, dass der Radstreifen danach einfach aufhört.

  1. In der Inneren Jahnallee soll generelles Tempo 30 verhängt werden. Das stammt in diesem Fall aus dem Lärmaktionsplan. Die Straßenschlucht weist eine deutlich zu hohe Lärmbelastung auf.
  2. Die Verlagerung des sogenannten Kurzzeitparkens in die Nebenstraßen soll geprüft werden. Was in der Inneren Jahnallee wie dauergeparktes Blech aussieht, sind in der Regel Autofahrer, die das einstündige Parken hier ausreizen oder – eher die Regel – überreizen. Die Kurzzeitparkplätze sollen in die Seitenstraßen verlagert werde.
  3. Und am Waldplatz soll eine Lichtsignalanlage den Radverkehr künftig begünstigen.

Das alles will man bis zum 1. Halbjahr 2019 umsetzen.

Bliebe noch die Frage nach den Radfahrstreifen in der Inneren Jahnallee, die ja nun eindeutig mehr Platz für Radfahrer und damit auch mehr Übersichtlichkeit schaffen. Aber über das Stöckchen möchte Schulze nicht springen. Er findet so eine Straßenorganisation noch gefährlicher, weil ja dann hin und wieder Lieferfahrzeuge auf dem Radstreifen stehen, um entladen zu werden. Da müsse der Radfahrer ja dann erst recht ausweichen und sich in den Kfz-Verkehr einordnen.

Hätte Thomas Schulze nicht betont, dass er selbst begeisterter Radfahrer sei, hätte man schon ein paar Kopfschmerzen bekommen, wie an dieser Stelle die Anlage eines eigenen Radstreifens weiter verhindert wird. Vielleicht ändert sich das ja wirklich erst, wenn der Stadtrat die Anlage so eines Streifens ganz offiziell beschließt.

Innere Jahnallee: Radwege, Pkw-Halteverbot und gesonderte Liefermöglichkeiten beantragt

 

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