CG hat dem Kulturzentrum „So&So“ auf dem Gelände des Eutritzscher Freiladebahnhofs gekündigt

Für alle LeserEs wäre eine Chance gewesen. Immerhin hat sich das Gelände des alten Eutritzscher Freiladebahnhofs in den letzten Jahren auch zu einem kleinen Tummelplatz jener Kulturinitiativen entwickelt, die in Leipzig seit über 20 Jahren die Pionierrolle bei der Belebung brachliegender Viertel gespielt haben. Als das Kulturzentrum „So&So“ auf das Gelände an der Delitzscher Straße zog, war noch die DB AG Besitzer des Geländes. Man war 2016 noch mitten im Aufbau, als der Besitzerwechsel publik wurde.

Was die Macher noch nicht wirklich erschreckte. Denn erst einmal hörten sie acht Monate lang nichts. Das mit viel Engagement gestaltete Kulturzentrum konnte seinen Betrieb aufnehmen und sich bei einer wachsenden Zahl von Gästen etablieren. In Eutritzsch zog erstmals so etwas ein wie der einst berühmte Wind der „Leipziger Freiheit“.

Aber dass die neuen Besitzer nicht wirklich damit rechneten, dass das „So&So“ auf dem Gelände bleibt, merkten die Initiatoren im November 2016.

„Am 30.11.2016 lud die CG-Gruppe zu einer ersten Vorstellung der Zukunft des gesamten Areals alle ortsansässigen Mieter in den TV-Club. Uns wurden erste Entwurfspläne vorgestellt“, berichten sie. „An Stelle unseres So&So war ein riesiger Gebäuderiegel eingezeichnet. Wir waren niedergeschlagen. Sollte unsere Reise nach einem Jahr bereits wieder vorbei sein? Da bislang mit uns kein Gespräch gesucht wurde, haben wir daraufhin mit der Hilfe von Wolfgang Tiefensee (Minister a.D.) um einen Termin mit der CG-Gruppe gebeten.

Zu einem ersten Treffen mit Herrn Graichen, Prokurist der Leipziger Niederlassung der CG Gruppe kam es am 15.12.2016. Nachdem wir unsere Arbeit vorstellen durften, wurde uns von Herrn Graichen zu verstehen gegeben, dass er keine Möglichkeit für eine Zukunft in unserem Objekt sehe. Er stellte uns aber aufgrund der Fülle an Liegenschaften, über die er verfüge, geeignete Umzugsmöglichkeiten in Aussicht.“

Eingang ins "So&So". Foto: So&So

Eingang ins „So&So“. Foto: Erik Braga

Aber von der gemeinsamen Suche nach einem neuen Domizil zeigen sich die Kulturmacher im Nachhinein enttäuscht. Später gab es neue Hoffnung, erst recht, als im städtebaulichen Wettbewerb ausgerechnet der Entwurf gewann, der den Erhalt der Gebäudezeile vorsah, der gegenüber das „So&So“ zu Hause ist.

Tatsächlich muss gerade diese Zeile sogar erhalten bleiben, denn sie steht unter Denkmalschutz. Die diversen Foren und Werkstätten machten noch einmal Hoffnung. Schafft es CG, die kleine Kulturfabrik in ihr Konzept zu integrieren?

„Bis heute hat sich niemand, der von der CG-Gruppe mit dem Planungsvorhaben betraut wurde, unser Objekt vor Ort angeschaut. Daher können wir auch nicht verstehen, woher die Einstellung kommt uns jetzt so dringlich, gegen den Willen jeder anderen am Planungsvorhaben beteiligten Partei, loszuwerden. Wir haben lange Zeit versucht, alle Kommunikationskanäle zur CG-Gruppe offenzuhalten. Deshalb haben wir uns bislang nicht an die Öffentlichkeit gewandt, obwohl dies in der Nachbetrachtung wohl schon viel früher nötig gewesen wäre“, ziehen die Kulturmacher nun Bilanz.

Denn das Kulturzentrum „So&So“ auf dem Areal des ehemaligen Eutritzscher Ladebahnhof muss am 30. September 2018 schließen. Der Vermieter, die CG Leipzig City Nord GmbH & Co. KG, hat entgegen allen öffentlichen Aussagen im Planungs- und Bürgerbeteiligungsverfahren um das Vorhaben „Leipzig 416“ auf dem Areal Eutritzscher Ladebahnhof und trotz der erklärten Unterstützung der Bürgermeisterinnen der Stadt Leipzig für Kultur, Dr. Skadi Jennicke, und Stadtentwicklung und Bau, Dorothee Dubrau, das Mietverhältnis mit dem Kulturzentrum „So&So“ am 28. Juni zum 30. September 2018 aufgelöst. Begründet wurde die Kündigung mit voranschreitenden Planungen und Maßnahmen auf dem Areal.

„Mit dieser Entscheidung handelt die CG-Gruppe entgegen dem Ergebnis und dem konkreten Wunsch des Bürgerbeteiligungsprozesses. Bislang schlossen die Planungen das Kulturzentrum ‚So&So‘ als möglichen Bestandteil einer Kulturmeile mit ein. Es sollten in den nächsten Monaten Nutzungskonkurrenzen geprüft werden“, so die ziemlich frustrierten Kulturakteure.

Die Bar im "So&So". Foto: So&So

Die Bar. Foto: Erik Braga

Das Team des „So&So“ erklärt nun: „Mit unserer Schließung geht der Stadt ein weiterer Ort gelebter Utopien verloren. Wir werden nicht nur unseren Veranstaltungsbetrieb einstellen müssen, sondern auch unsere gemeinnützige Musikschule, unsere Proberäume und unsere offene Werkstatt schließen müssen. Nach all dem persönlichen Einsatz tut das einfach nur weh! Es ist ernüchternd, dass sich Unternehmensinteressen trotz Unterstützung der Stadt und Bürgerbeteiligung am Ende doch durchsetzen. Wir hoffen, die CG-Gruppe mit diesem Appell an die Öffentlichkeit doch noch zu einem Umdenken bewegen zu können. Wir sind uns sicher, dass wir ein wertvoller Bestandteil des neuen Quartiers sein können.“

Warum die Kündigung ausgerechnet jetzt erfolgt, erschließt sich ihnen nicht: „Wir sind laut dem letzten öffentlich gemachten Stand der Planungen vom 08.12.2017 fester Bestandteil der Planungen. Nach unserem Kenntnisstand befinden sich die Planungen immer noch im Status der Masterplanung. Dem folgen würde erst noch das eigentliche B-Planverfahren. Mit dem Beginn des B-Planverfahrens ist nicht vor Frühjahr 2019 zu rechnen.

Unser Mietvertrag hätte sich lediglich um ein Jahr bis zum 30.09.2019 verlängert. Die Planungen werden bis dahin nicht abgeschlossen sein. In den veröffentlichten Planunterlagen ist um unser Gebäudeensemble ein Park vorgesehen. Deshalb scheinen auch Maßnahmen wie ein Abbruch nicht nötig und jederzeit zu einem späteren Termin möglich.“

Der kleine Hoffnungsschimmer: Mit dem Antrag der beiden Stadträte Christopher Zenker (SPD) und Tim Elschner (Grüne), den sie am Freitag, 20. Juli, ins Verfahren gaben, würde die Stadt auch das Gelände der „Kulturmeile“ erwerben, der gegenüber das „So&So“ noch zu Hause ist. Es könnte also einfach mit hinüberwechseln. Auch die beiden Ratsfraktionen unterstützen den Erhalt der hier ansässigen Kulturangebote. Nur geht der Antrag erst ins Verfahren. Bevor der Kauf-Beschluss gefallen und auch entsprechende Verhandlungen geführt wurden, wird Zeit ins Land gehen, die das „So&So“ aber nicht hat, wenn es schon im Oktober die angestammten Räume verlassen muss.

Freiladebahnhof
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