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Der Waldumbau im Auwald zerstört mehr, als er künstlich herstellen kann

Von Gastbeitrag von Johannes Hansmann und Prof. Dr. Bernd Gerken vom NuKLA e.V.
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    Aktuell wird in der Leipziger Aue keine natürliche Flussdynamik zugelassen. Hecken und Säume werden an den Waldrändern, Wegen, Wiesen und Feldern vielerorts regelmäßig zu Tode verschnitten und komplett niedergemäht. Windwurf und Windbruch werden regelmäßig beräumt und enden als Feuerholz. So entzieht der Mensch selbst der natürlichen Eichenverjüngung regelmäßig die Grundlage, ja, zerstört die sich naturverjüngenden Eichen auch noch.

    Schließlich behauptet er dann noch, es gäbe keine Naturverjüngung und schlussfolgert, der Mensch müsse nun korrigierend eingreifen und Eichen aufforsten.

    Nun wäre nicht einmal etwas dagegen zu sagen, dass man Eichen pflanzt, aber so, wie man momentan diesen Waldumbau betreibt, richtet man mehr Schaden an, als Gutes damit zu bewirken: In den vergangenen Jahren wurden regelmäßig Starkbäume entnommen, große Femellöcher wurden angelegt und Eichen wie auf einem Kartoffelacker dicht an dicht in Reihen aufgeforstet. Entstanden sind auf diese Weise naturferne, künstliche Eichenfelder, aus denen erst in vielleicht 150 Jahren wieder Starkbäume entstanden sein könnten, die Habitatstrukturen für die FFH-Arten aufweisen.

    Besonders bizarr wird es, wenn bei der Rodung für die Femellöcher sogar Habitatbäume von bedrohten und gesetzlich geschützten Arten gefällt werden und nur sehr langsam auf die private Initiative von interessierten Bürgern reagiert wird. So sind allein in diesem Februar acht Brutbäume von Großem Rosenkäfer und/oder Eremiten gefällt worden. Larven wurden getötet, Puppenwiegen zerstört.

    Wir müssen davon ausgehen, dass auch in den Vorjahren solche Brutbäume zerstört wurden, nur hat das niemand festgestellt. Übrigens hätte ein gutes Monitoring des FFH-Gebiets solches schnell erkannt – und man hätte doch sicher gegengesteuert! Diese für die geschützten Arten nachweislich existentiell wichtigen Bäume befanden sich übrigens an kleinen Auflichtungen, wie sie durch Waldwege oder sich kreuzende Rückegassen entstanden. Brauchen manche Arten also doch nicht soviel Licht? Und vor allem, was bringt ihnen mehr Licht, wenn sie jetzt bei den waldbaulichen Maßnahmen getötet werden?

    Da wir zudem immer noch nicht wissen, wo im hiesigen Auwald bspw. die Mopsfledermaus ihre Wochenstubenreviere hat bzw. hatte, ist es sehr wahrscheinlich, dass bereits jetzt durch die bisherigen forstwirtschaftlichen Maßnahmen Wochenstubenreviere zerstört worden sind, was unter Umständen gravierende Folgen für lokale Populationen hat. Auch unzählige weitere Organismen werden unter den Maßnahmen gelitten haben. Die unter FFH-Siegel als schutzbedürftig genannten Arten sind ja Zielarten, oder Leitarten, Zeigerarten oder Leuchtturm-Arten. Ihr Vorkommen ist für Kundige der Hinweis, dass da eine ganze Lebensgemeinschaft steckt, die ebenso schutzwürdig und schutzbedürftig ist. Und das soll sogar durch Maßnahmen im Namen der Artenvielfalt geschehen sein?

    Es wäre deshalb der Sache weitaus dienlicher, Eichen, so man sie fördern mag, dort zu schützen, wo sie erstens aktuell altern und bereits Habitatbäume sind, und zweitens dort, wo sie sich aktuell auch selbst verjüngen: in den Hecken und Säumen entlang von Wiesen, Weiden, Lichtungen und Waldrändern. Hierzu ist ein Umdenken nicht nur im Auwald, sondern um den Auwald erforderlich. Heinrich Benjes sagte einst: „Eine Hecke zieht Tiere an wie ein Magnet, sie ist der Finger an der Hand des Waldes“.

    Der Auwald als aktuell bestehender Lebensraum für Eremit und Mopsfledermaus als Schirmarten und einer Vielzahl weiterer Arten in ihrem Gefolge sollte unbedingt vorerst so bestehen bleiben, wie er ist. Kleinere Eingriffe im Rahmen von Wegesicherung werden sowieso auch in Zukunft entlang von Straßen und offiziellen Wegen durchgeführt werden. Großflächige künstliche Auflichtungen hat es in der Vergangenheit wohl nun genug gegeben – zu welchem bitteren Preis, können wir nur erahnen. Ob im FFH-Gebiet nun exakt soundsoviel Prozent Eichen stehen oder nicht, ist für die Arten anscheinend nicht einmal relevant – Käfer und Fledermäuse lesen selten Managementpläne und gehen offenbar auch gern in alte Stark-Eschen.

    Die bisher geschaffenen Femellöcher sollten nun erst einmal beobachtet werden, ob sie wirklich den Nutzen bringen, wie behauptet wird. Bei einigen sieht es momentan nicht besonders beeindruckend aus, was man dort schuf.

    Es sind auch Femellöcher zu finden, auf denen mit fremdländischen Baumarten wie Roteiche, Schwarznuss und Edelkastanie experimentiert wird, und das auf Naturschutzflächen. Was daran auentypisch sein soll und inwiefern solches zielführend ist in Lebensraumtypen, welche als Hartholzaue eingeordnet wurden, ist rätselhaft.

    Schwarznussanpflanzung in einem im Auwald geschlagenen Femelloch. Foto: NuKLA e.V.
    Schwarznussanpflanzung in einem im Auwald geschlagenen Femelloch. Foto: NuKLA e.V.

    Derlei Experimente sollten zwingend zumindest so lange unterbrochen werde, bis zumindest ein mittelfristiger Nutzen für die Artenvielfalt nachgewiesen werden konnte – und bis die Aue wieder einen längeren Zeitraum auentypische Wasserstands-Schwankungen erhalten hat – also die Wiederbelebung begann. Die ebenfalls mit diesem Ziel künstlich angelegten Mittelwaldflächen lassen da eher wenig Positives erahnen.

    Die dadurch gewonnene Zeit gäbe Raum für dringende weitere Forschungen, bevor man das Kind weiter mit dem Bade ausgießt. So ist es z. B. absolut wichtig herauszufinden, wo bspw. die Mopsfledermaus ihre Wochenstubenreviere (noch?) hat. Auch sollte man dringend Eschen als Habitatbäume neu untersuchen und bewerten, sie scheinen doch wichtiger zu sein, als man bisher verlauten ließ, vor allem da sie offenbar derzeit beliebte Brutbäume für bedrohte Arten wie Rosenkäfer und/oder Eremiten waren und sicher irgendwo noch sind.

    Vor allem jedoch wäre diese Zeit prioritär dafür zu nutzen, die auentypischen Bedingungen wieder herzustellen, um dann zu schauen, inwiefern sich das FFH-Gebiet und seine Baumartenzusammensetzung entwickeln werden. Erst dann lässt sich abschätzen, inwiefern der Mensch tatsächlich künstlich eingreifen und den Wald „umbauen“ muss. Es ist sehr wahrscheinlich, dass man dann feststellt, dass gar nicht eingegriffen werden muss, wenn auentypische Bedingungen wieder wirken dürfen!

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