385.000 Euro für ein Stück Kasernengefühl

Leipzig hat die Absicht, eine alte Mauer wieder aufzubauen

Für alle LeserDenkmalschutz nimmt manchmal seltsame Wege. Bis zum großen Umbau der LVB-Haltestelle Georg-Schumann-Straße/S-Bahnhof-Möckern stand auch noch ein altes Relikt aus Zeiten, als sich hier die König-Georg-Kaserne befand: ein ziegelgemauertes Stück der Kasernenmauer. Einsturzgefährdet, wurde sie kurzerhand abgerissen. Jetzt soll sie auf Beschluss des Oberbürgermeisters wieder aufgebaut werden.

Und das wird nicht billig. „Das Bauwerk diente vor 1990 zur Abgrenzung eines Kasernengeländes (Kasernenmauer). Nach 1990 wurde die Kaserne aufgegeben und unterschiedliche Institutionen und Einrichtungen übernahmen den denkmalgeschützten Gebäudekomplex“, heißt es in der Verwaltungsvorlage zum Beschluss des OBM vom 29. Oktober. „Parallel zur Georg-Schumann-Straße stand bis Ende 2016 die einsturzgefährdete Umgrenzungsmauer. Sie musste wegen Gefahr in Verzug vollständig zurückgebaut werden. Mit dem hier vorgelegten Baubeschluss soll die kulturhistorisch relevante Mauer wieder aufgebaut werden.“

Das ist Leipziger Denkmalschutz. Schon vor Jahren wurden die anderen Mauerteile Richtung Arbeitsagentur deutlich zurückgebaut und auf die Feldsteinmauersockel reduziert. Das Tor wurde entfernt. Das alte Kasernengelände verlor seinen abweisenden Kasernencharakter. Aber ausgerechnet diese Klinkermauer (deren Schwestern man an den im Gohliser Norden noch bestehenden Bundeswehrkasernen in aller Schönheit bestaunen kann), soll jetzt für den Preis eines Einfamilienhauses wieder aufgebaut werden.

Gegenlichtaufnahme der wirklich nicht ansehnlichen Mauer (links im Bild) aus dem Jahr 2014. Foto: Ralf Julke

Gegenlichtaufnahme der wirklich nicht ansehnlichen Mauer (links im Bild) aus dem Jahr 2014. Foto: Ralf Julke

Nicht aus Nützlichkeitsgründen und auch nicht aus ästhetischen, sondern weil man diesem Mauerstück eine kulturhistorische Relevanz zuschreibt. Sollen sich ältere Leipziger, die hier ihren Wehrdienst abschrubben mussten, auch noch bis ins Greisenalter daran erinnern, wie sie hier das Gehorchen lernten? Manchmal sind Entscheidungen im Leipziger Denkmalschutz wirklich nicht nachvollziehbar. Zuletzt ja erlebt bei den Brücken in der Elsteraue.

Die Gesamtkosten für den Wiederaufbau der roten Klinkermauer betragen 358.500 Euro. Förderung gibt es dafür keine. Die Stadt muss die Wiedererrichtung allein finanzieren. Wieder aufgebaut werden soll die Mauer 2020. Und danach schlägt die Pflege der Mauer nach Kalkulationen der Stadt tatsächlich mit 1.350 Euro jährlich im Budget des Verkehrs- und Tiefbauamtes zu Buche. Die Gelder werden wohl allein schon für die regelmäßige Entfernung von Graffiti fällig werden, die an solchen Mauern in Leipzig immer wieder auftauchen.

Vielleicht sollte in Leipzig tatsächlich einmal darüber diskutiert werden, was wirklich kulturhistorische Relevanz hat und was nur der Versuch ist, ein paar Vergangenheitsrelikte als Kopie mit teuren Pflegekosten zu erhalten.

Junge, frische Ideen für das Kasernengelände in Leipzig-Möckern

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Möckern
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