Anfangs war auch Stadtrat Thomas Kumbernuß (Die PARTEI) nicht ganz so zuversichtlich, dass sein Antrag, die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße umzubenennen, im Stadtrat eine Mehrheit finden würde. Auch die Leipziger Verwaltung hätte gern an der Namensgebung mit dem von Heine so benannten „Franzosenfresser“ Arndt festgehalten. Und eine Petition versucht, Arndt jetzt gar als typischen Vertreter der deutschen Romantik zu verkaufen. Noch können Betroffene ja Einspruch erheben.

Denn auf Beschluss des Stadtrates vom Januar 2020 soll die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße zwar umbenannt werden. Aber mit Bekanntmachung im Amtsblatt vom 15. Februar 2020 beginnt nun eine einmonatige Widerspruchsfrist. Der Straßenname „Arndtstraße“ bleibt in dieser Phase bestehen und alle amtlichen Dokumente behalten ihre Gültigkeit, teilen das Amt für Statistik und Wahlen und das Ordnungsamt zu dieser Thematik mit.

Anwohner können und müssen die Anschrift in ihren amtlichen Ausweisen und Papieren zu diesem Zeitpunkt noch nicht ändern lassen. Falls bis einschließlich 15. März 2020 Widersprüche gegen die Änderung beim Amt für Statistik und Wahlen eingehen, haben auch diese eine aufschiebende Wirkung – und der Name „Arndtstraße“ ist weiter gültig.

Erst wenn die bekannt gemachte Entscheidung oder mögliche Widersprüche bestandskräftig beschieden sind und die Umbenennung rechtssicher vollzogen ist, können amtliche Dokumente geändert beziehungsweise neu ausgestellt werden, so das Ordnungsamt. Darüber informiere die Stadt rechtzeitig. Um die Kosten und die Umstände für die Anwohner in diesem Fall so gering wie möglich zu halten, informiert die Verwaltung automatisch städtische Ämter und andere Institutionen wie etwa die Deutsche Post, die Stadtwerke und die Familienkasse über die Straßenumbenennung.

Amtliche Dokumente können zudem kostenfrei geändert oder neu ausgestellt werden, hierfür ist auch der Einsatz des „Mobilen Bürgerkoffers“ geplant. Damit kann das Ordnungsamt Verwaltungsdienstleistungen wie die Änderung von Personaldokumenten schnell und direkt vor Ort erledigen, da der Koffer bereits die entsprechende Kommunikations- und DV-Technik beinhaltet. Auch können so gesonderte Terminfenster in der Kfz-Zulassungsbehörde flexibel vereinbart werden. Über die geplanten Einsatztermine und den möglichen Standort werden die Anwohner frühzeitig informiert.

Von der Umbenennung der Arndtstraße sind rund 1.700 gemeldete Einwohner in 64 Hausnummern betroffen. Die Nummern bleiben dabei auch nach der Änderung des Straßennamens bestehen. Und es ist auch nicht die erste Umbenennung, auch wenn die jüngste Petition behauptet, es sei ein Präzedenzfall.

Im Jahr 2001 hatte es aufgrund von Eingemeindungen rund 390 Straßenumbenennungen in Leipzig gegeben, hier mussten etwa 1.800 Hausnummern angepasst werden.

Und wer unbedingt wissen will, wie Arndts Zeitgenossen wirklich über Arndt dachten, der kann bei Heine nachlesen. Und selbst Goethe wurde – was bei ihm eher selten passierte – richtig wütend auf diesen Patrioten, der die Liebe zum Vaterland von Anfang mit Hass auf die Nachbarn, die Franzosen verwechselte. Genau das ist die Linie, die Heimatliebe von Rassismus trennt. Goethe wusste das sehr genau.

In einem Faktenblatt zum Namensstreit an der Universität Greifswald ging zum Beispiel Prof. Dr. Eckhard Schumacher, Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie, auf dieses Thema ein.

Dort schrieb er: „Die Distanz wird gleichermaßen deutlich, wenn man berücksichtigt, wie Goethe davon absieht, sich öffentlich zu Arndt zu äußern, und wie knapp er seine Begegnungen mit Arndt in seinen Tagebüchern verzeichnet. So bleibt es Arndt überlassen, ausführlicher von einer Zusammenkunft bei Theodor Körner im April 1813 zu berichten, bei der Goethe auf die Wut, die die jungen Nationaleiferer gegen Napoleons Frankreich antreibt, selbst mit einem Wutanfall reagiert: ,Schüttelt nur an Euren Ketten, der Mann ist euch zu groß; ihr werdet sie nicht brechen.‘“

Goethe-Zitat am Schauspielhaus. Foto: Ralf Julke
Goethe-Zitat am Schauspielhaus. Foto: Ralf Julke

Und dann kommt er auch noch auf die patriotischen Lyriker zu sprechen, zu denen ja auch Arndt gehörte. Schumacher: „Wichtiger aber ist, wie Goethe in seiner eigenen Arbeit auf die suggestive Überwältigungssprache der nationalen Freiheitslyrik und den aus seiner Sicht ,blinden‘ Patriotismus reagiert. Schroff lehnt Goethe die an ihn herangetragene Bitte ab, aktiv für die Erhebung Deutschlands einzutreten. (…)

Deutlich distanziert sich Goethe von der Faszination für den Freikorpsführer der Freiheitskriege Lützow, die nicht nur Körner in seinem Gedicht ‚Lützows wilde Jagd‘ in Wallungen bringt. Zugleich arbeitet Goethe mit dem west-östlichen Divan an einem Buch, das in vielfacher Hinsicht als eine direkte Antwort auf die ,jungen Leute‘ und mithin auch auf die Sprache und das Denken von Arndt begriffen werden kann. Gegen die Einstimmigkeit der patriotischen Dichter setzt Goethe in den Gedichten des West-östlichen Divans in den Jahren nach 1813 offensiv auf Vielstimmigkeit.“

Und das ist sehr gegenwärtig, wie wir alle wissen. Das Schauspielhaus hat Goethes mahnenden Spruch bis heute an der Fassade hängen – sehr zum Ärger unserer schäumenden Patrioten, die ihre Verachtung für fremde Menschen auch noch für Heimatliebe halten.

Weitere Informationen zum Thema gibt es hier.

Der Stadtrat tagte: Der Süden bekommt eine Hannah-Arendt-Straße + Video

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