Eigentlich war im Juni 2025 nach zähen Debatten alles geklärt: Leipzigs Stadtrat hatte den vom Regionalen Planungsverband vorgeschlagenen Gebieten für den Windkraftausbau im Leipziger Südwesten zugestimmt. Doch schon im April hatte Sachsens damals neue Infrastrukturministerin Regina Kraushaar das Fass erneut aufgemacht und wollte das Ausbauziel für Windkraft auf 2 Prozent der Landesfläche wieder zurückdrehen auf die bundesweit verbindlichen 1,3 Prozent.

Das ändert zwar nichts daran, dass Sachsen seine Windkraftgebiete ausbauen muss. Aber es öffnete Tür und Tor für neue nebulöse Diskussionen. So auch wieder am 29. April 2026 in der Ratsversammlung.

Denn die Sächsische Staatsregierung folgte den Vorstellungen von Regina Kraushaar und drehte ausgerechnet an der Stellschraube, mit der Sachsen erstmals so etwas wie eine Vorreiterrolle beim Windkraftausbau einnehmen sollte, und einigte sich auf das 1,3-Ziel bis 2027.

Die 2 Prozent wurden auf 2032 verschoben. Mit dem Ergebnis, dass alle Regionalen Planungsverbände ihre Teilfortschreibungen erneuerbare Energien, die sie unter Hochdruck erarbeitet hatten, wieder aufschnüren und die Zahl der Windvorranggebiete wieder reduzieren mussten. Auch der Regionale Planungsverband Westsachsen.

Der CDU-Antrag

Ein riesiges Einfallstor für alle Windkraftgegner, die schon die erste Planungsphase genutzt hatten, Stimmung gegen neue Windkraftanlagen zu machen. Auch im Leipziger Südwesten. Die CDU-Fraktion im Leipziger Stadtrat versuchte die auflammende Diskussion dadurch einzufangen, dass sie einen Antrag schrieb.

In dem sie forderte: „Im Rahmen der Neuauslegung der Teilfortschreibung erneuerbare Energie des Regionalplan Westsachsen sind die Vorranggebiete 4b und 4c der Art zu reduzieren, dass die Mehrfachbelastung des Ortsteils Knautnaundorf deutlich reduziert wird. Dazu ist die Stellungnahme der Stadt Leipzig im Rahmen der Neuauslegung eindeutig zu fassen.

Durch die Stadtverwaltung als Genehmigungsbehörde für die Errichtung und das Repowering von Windkraftanlagen ist in jedem Fall darauf hinzuwirken, dass sich die Wohnbevölkerung Knautnaundorfs an den Investitionen direkt beteiligen kann. Dazu sind Verhandlungen mit dem Investor zur Einbindung von Bürgerenergiegenossenschaften oder ähnlichen Formaten durch die Verwaltung zu führen.
Der Ortschaftsrat wird unterstützt, die verpflichtende Ertragsbeteiligung zur Verbesserung der Lebensqualität aller Einwohnerinnen und Einwohner von Knautnaundorf einsetzen zu können. Dazu gehört auch die Vorfinanzierung von größeren Investitionen.

Darüber hinaus ist die Lebensqualität in Knautnaundorf durch Maßnahmen vergleichbar dem Nordraumkonzept zu stärken. Dazu sind insbesondere Maßnahmen zur Verbesserung der ÖPNV-Anbindung an die Innenstadt, der besseren Erreichbarkeit des Zwenkauer Sees sowie weitere Naherholungsangebote zu prüfen.“

Sabine Heymann (CDU) im Leipziger Stadtrat am 29.04.2026. Foto: Jan Kaefer
Sabine Heymann (CDU) im Leipziger Stadtrat am 29.04.2026. Foto: Jan Kaefer

Die Leipziger Stellungnahme

Also einige Forderungen, die 2025 in der Leipziger Beschlussfassung nicht durchsetzbar waren. Dabei hatten Leipzigs Planer inzwischen schon reagiert. Sie selbst können die ausgewiesenen Vorranggebiete nicht selbstständig reduzieren. Das war auch schon 2025 Thema in der Debatte. Sie können sich nur an den Regionalen Planungsverband wenden mit der Bitte, das zu tun.

Und genau das sei schon geschehen, teilte das Stadtplanungsamt in seiner Stellungnahme mit: „Die Stadt Leipzig hatte bereits in ihrer Stellungnahme zum Entwurf der Teilfortschreibung erneuerbare Energien des Regionalplans Leipzig-Westsachsen vom 07.07.2025 das Thema Überlastung und Anlagen-/Flächenreduzierung im Südwesten aufgegriffen:

‘In diesem Sinne bittet die Stadt Leipzig für die Gebiete 4a-c zu überprüfen, ob eine Überlastung des Gebiets und ggf. Gefährdung des Schutzgutes Mensch aufgrund von vorhandenen Raumnutzungen – wie bereits vorhandene Windkraftanlagen, dem Kies-Sand-Tagebau, die Autobahn A38, die Bundesstraße B 186, die Bahnlinie Leipzig-Gera, zwei Gewerbegebiete (inkl. Techno-Disko und Geruch emittierenden Betrieben), den Sendemast und die Südabkurvung des Flughafens Leipzig-Halle – vorliegt. Wenn ja, sollte dargelegt werden, in welcher Art und Weise dieser Überlastung bei der Ausweisung der Gebiete Rechnung getragen werden kann.

Des Weiteren wird um Überprüfung und ggf. entsprechender Anpassung der Gebiete 4a-c zur grundsätzlichen Einhaltung des Mindestabstands von 1000m zu vorhandenen Siedlungsflächen gebeten. Es wird zudem darum gebeten, zu prüfen, ob zusätzlich eine Anlagen-/Flächenreduzierung zur Minderung der Überlastung festgeschrieben werden kann.’

Die Thematik wird in der Stellungnahme zur Neuauslegung der o.g. Teilfortschreibung des Regionalplans, welche im II. Quartal stattfinden soll, vertiefend behandelt werden. Wie dies erfolgt, hängt allerdings auch davon ab, welche Änderungen beim Zuschnitt der Gebiete 4b und 4c der Planungsverband bereits im überarbeiteten Entwurf des Plans vorgenommen hat, welche weiteren Vorranggebiete Windenergienutzung im Stadtgebiet ausgewiesen werden und welche Methodik der Flächenauswahl zugrunde liegt.

Die Stellungnahme zur o.g. Neuauslegung wird nach vorlaufender Gremienbeteiligung dem Stadtrat zum Beschluss vorgelegt, sodass die politische Ebene ihre Belange in die Stellungnahme einbringen kann.“

Die Beteiligung des Regionalen Planungsverbandes läuft gerade

Am 20. April hat der Regionale Planungsverband nun den 2. Entwurf der „Teilfortschreibung erneuerbare Energien“ zur Öffentlichkeitsbeteiligung freigegeben.

Dass der AfD an einem geregelten Verfahren gar nichts liegt, machte die Fraktion im Leipziger Stadtrat dann mit einem Änderungsantrag deutlich, in dem sie gleich mal eine „eine Reduktion, wenn nicht sogar Streichung“ der für Knautnaundorf vorgesehenen Voranggebiete forderte. Das darf man wohl eine Holzfällermethode nennen.

Auch wenn es AfD-Stadtrat Christian Kriegel am Rednerpult als Erhören des Willens der Bevölkerung verkaufte. Aus Sicht von Linke-Stadträtin Susanne Scheidereiter freilich war es nichts als Stimmungsmache.

Susanne Scheidereiter (Die Linke) im Leipziger Stadtrat am 29.04.2026. Foto: Jan Kaefer

Und das Suggerieren einer Alternative, die keine ist. Was selbst CDU-Stadträtin Dr. Sabine Heymann in ihrer Rede thematisiert hatte. Denn Leipzig ist nun einmal als Großstadt ein Ort, der jede Menge Energie braucht. Und die Stadt kann nicht einfach davon ausgehen, dass ganz allein die Landkreise den Strom aus erneuerbaren Anlagen liefern. Da Leipzigs Stadtgebiet größtenteils verbaut ist, gibt es ohnehin schon nur wenige Flächen, die für Windkraft überhaupt zur Verfügung stehen. Und die liegen alle im Südwesten.

Für die Bewohner von Knautnaundorf ist das eine Zumutung. Das hatte ja auch das Stadtplanungsamt zugestanden. Aber die sieben Anlagen, die jetzt schon auf Knautnaundorfer Flur stehen, werden ja sogar bereits repowert, wie Ortsvorsteher Matthias Kopp am 29. April erklärte. Die Anlagen werden deutlich größer als ihre Vorgänger. Vier sind schon ersetzt, an der fünften wird gerade gearbeitet.

Und wenn die Stadt dafür sorgt, dass die Knautnaundorfer irgendwie an den Erträgen der Anlage beteiligt werden, wäre das ok, so Kopp. Laut Aussage des Stadtplanungsamtes ist der Anlagenbetreiber auch bereit dazu.

Nächste Debatte in der Mai-Ratsversammlung

Dass die Knautnaundorfer freilich in naher Zukunft – wie in Aussicht gestellt – einen direkten Zugang zum Zwenkauer See bekommen, daran zweifelte Kopp. Die Bahnstrecke schneidet den Ortsteil regelrecht ab vom Zwenkauer See, an dessen Ausbau auf Leipziger Seite mit Freizeitangeboten überhaupt noch nicht zu denken ist.

Aber Sabine Heymann beließ es nicht bei ihrem CDU-Antrag, auf den die AfD so freudig aufgesprungen war. Sie stellte den Verwaltungsstandpunkt zur Abstimmung, der ja auf das eigentliche Beteiligungsverfahren verwies, das gerade läuft. Während der Holzfäller-Antrag der AfD-Fraktion mit 12:46 Stimmen bei 7 Enthaltungen abgelehnt wurde, bekam der Verwaltungsstandpunkt eine deutliche Mehrheit von 48:13 Stimmen bei 2 Enthaltungen.

Über die Stellungnahme der Stadt Leipzig zum 2. Entwurf der „Teilfortschreibung erneuerbare Energien“ des Regionalplans Leipzig-Westsachsen wird dann wohl in der Mai-Ratsversammlung entschieden. Und wohl auch wieder heftig diskutiert, weil mindestens eine Fraktion im Stadtrat mit allen Lanzen, die sie im Don-Quijote-Arsenal findet, gegen die Ausweisung von Windvorranggebieten anreitet.

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