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Tanners Interview mit dem Vorsitzenden des NuKLA e.V. Wolfgang E. A. Stoiber

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    In Diskussionen, auch philosophischen, wird mit dem Argument "...es muss sich lohnen!" jegliches freies Denken und Handeln totgeschlagen. Die Wirtschaftlichkeit, die totale Verwertung, die Gewinnmaximierung - all dies sind Aspekte einer inhumanen und destruktiven Religion, die in den Abgrund führt und dabei noch von den meisten Menschen in Europa - und im Westen, diesem sich als Wertegemeinschaft generierenden Durcheinander - beklatscht wird. Da ist es wichtig, auch andere Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Vor allem, wenn es um Gemeingut geht, wie den Leipziger Auwald. Tanner traf auf den Chef des NuKLA e.V. und horchte an ihm herum.

    Guten Tag, Wolfgang E. A. Stoiber. Du bist der Vorsitzende vom Naturschutz und Kunst Leipziger Auwald e. V. – kurz NuKLA. Als dieser veranstaltest Du mit Freunden die Klassischen Kartoffel Konzerte, zum Beispiel am 31.01.2015 – das 25! – in der Alten Börse am Naschmarkt. Da wird der Liedermacher Wolgang Rieck zu Wort und Gesang kommen. Was bringt er uns denn mit?

    Wolfgang Rieck bringt uns die berührende Geschichte der Freundschaft von Tula und Maria Remmy mit Joachim Ringelnatz mit. Wolfgang Rieck hat vor wenigen Jahren im Auftrag des Kulturhistorischen Museums in Wurzen, wo Joachim Ringelnatz herstammt, selbst recherchiert und das Ergebnis zusammengetragen. Dadurch ist dieser Ringelnatzabend nicht ein so bekanntes Ringelnatzprogramm, sondern durchaus etwas besonderes.

    Daneben hörte ich von den Auwaldgesprächen im Radio. Kannst Du uns dazu etwas mehr erzählen?

    Natürlich, die Auwaldgespräche, welche auf Radio Blau in unregelmäßigen Abständen laufen, sollen die Leipziger Bürgerschaft über auwaldrelevante Themen informieren. Zu diesen Gesprächen können alle, welche zu unserem Auenökosystem etwas zu sagen haben, mitmachen. Wir suchen immer Fachspezialisten und Auwaldfreunde, welche ihr Wissen mit den BürgerInnen teilen möchten. Wir wollen mit den Gesprächen natürlich auch auf Chancen und Risiken des Leipziger Auenökosystems hinweisen. Denn leider ist es nicht so, dass im Auwald alles gut ist.

    Ihr macht Euch für den Erhalt des Biotops Auwald stark. Natürlicherweise trefft ihr da auf starken Widerstand der Maximalverwerter, die lieber Motorbootrennen veranstalten würden. Wo sind derzeit die wichtigsten Baustellen für NuKLA?

    Die wichtigste Baustelle ist der Floßgraben im südlichen Auwald, welcher von den Maximalverwertern (tolles Wort, welches Du da verwendest) als wichtigste Motorbootstrecke zwischen den sogenannten „Häfen“ der Stadt und den Seen im Neuseenland erkoren wurde. Doch nicht nur das, der Floßgraben soll auch Hamburg mit dem Zwenkauer See verbinden. Daneben liegt unser Augenmerk auf der Nordwestaue (Burgaue), die im nördlichen Auwald gelegen ist.

    Letztendlich liegt unser Interesse an den Auen der Weißen Elster zwischen Gera/Zeitz und der Mündung in die Saale. Denn in dieser Verbindung liegt der Leipziger Auwald. Und nur in dieser Gesamtbetrachtung macht die Sache auch Sinn, vom Umwelt- und Naturschutz bis zum Hochwasserschutz. Hierzu liegt uns sogar eine Empfehlung der LfULG-Landesamt für Umweltschutz-Landwirtschaft und Geologie vor, welche da aussagt, den Leipziger Auwald zu einem sächsischen Vorzeigeprojekt des Freistaat Sachsen zu entwickeln. Leider haben die Verwaltungsakteure diese weitreichende Möglichkeit noch nicht erkannt. Könnten wir LeipzigerInnen doch stolz auf solch eine Entwicklung sein.

    Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den anderen Naturschutzvereinen und -verbänden in Sachsen und Leipzig?

    Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es mittlerweile so, dass alle anerkannten Leipziger Verbände mit uns in diesen relevanten Themen ganz eng an einem Strang ziehen. Sachsenweit erhalten wir oft großen Zuspruch und viel Unterstützung, da man eigenartigerweise, außerhalb von Leipzig, unseren Zielen eher aufgeschlossen gegenüber steht.

    Wie bist Du ganz persönlich zum Auwaldliebhaber geworden?

    Bereits in 2006 begann ich damals mit dem Rad, meist an fünf Tagen die Woche, von Markkleeberg durch den Auwald nach Gohlis und zurück zu radeln. Insofern bin ich auch nicht der klassische Naturschützer. Ich habe mir vieles erst aneignen müssen. Aber auch wollen, denn um den Auwald und nicht dessen verkommerzialisierten Abklatsch lieben zu können, muss man sich etwas intensiver mit ihm beschäftigen.

    Wie können Menschen Euch unterstützen?

    Wieso uns? Es wäre schön, sie würden den Auwald unterstützen. Der kann das nicht allein. Doch um jemanden zu unterstützen, muss man ihn doch kennen! Sich fragen, was ist der Auwald? Nur ein Wald? Oder gibt es da noch viel mehr? Ein ständiges Auf und Ab des Grundwassers zum Beispiel – und zwar über 9 m und nicht über 30 cm! Warum machen die so einen Bohei um die Bäume und Bäche – ist doch grün?! So, wie wir uns das auch gefragt haben. Um bei der Betrachtung auch unseren eigenen Blickwinkel zu überprüfen. Welches ist unsere Sicht auf den Auwald und insbesondere seine Gewässer? Die Sicht von 1989? Aus dieser Sichtweise ist natürlich alles besser, denn schlechter ging es ja gar nicht mehr. Ist das aber der Anspruch?!

    Oder ist der Blickwinkel nicht eher der, wie sollte der Auwald aussehen? Was ist seine natürliche „Form“. Übrigens auch ein Blickwinkel, den der Gesetzgeber hat. Weshalb z.B. er eine motorisierte Nutzung nur als Sonderfall gestattet. Weshalb er z.B. auch fordert, dass die Gewässer ihre natürliche Struktur zurück erhalten! Wie wir wissen, ist es darum und damit auch um den Auwald, mehr als schlecht bestellt. Die Gewässer haben in der Regel eine Benotung von „4“ oder „5“ erhalten. Setzen! möchte man dazu sagen. Aber an die politisch Verantwortlichen. Nein, Volly, es geht nicht um „uns“. Und ganz praktisch können sie mit uns Geld sammeln und spenden, damit wir in den Auen Grund erwerben können, um dem Auwald wieder die Möglichkeit zu geben, als Auwald zu existieren.

    Wir leben ja in einem kapitalistisch-neoliberalen System. Ist Naturschutz da eigentlich wirklich möglich? Grundgedanke dieses Systems ist ja „Die totale Verwertung“, heißt im Klartext Zerstörung. Gibt es überhaupt ein nachhaltig agierendes System, welches nicht destruktiv wirkt? Was denkst Du?

    Nun, wir erleben ja gerade diese „totale Verwertung“. (Darf man das sagen, Volly?) Es gibt ein sogenanntes „Touristisches Gewässerkonzept“. „Weiter“ entwickelt zu einem „Tourismuswirtschaftlichen Gesamtkonzept“. Ich unterstelle den Verantwortlichen mal keine Verantwortungslosigkeit. Konstatiere aber den hilflosen und untauglichen Versuch, mittels dieses Konzeptes „Wirtschaft“ und „Arbeitsplätze“ zu generieren. In einem Segment, das lediglich verbraucht. Nämlich Natur. Und Mensch dazu. Denn in diesem Wirtschaftssektor werden weitgehend niedrig bezahlte Tätigkeiten nachgefragt, die darüber hinaus eher prekär sind. Darüber hinaus werden auch öffentliche Mittel in unbekannter Größenordnung regelrecht verbrannt. Was mich besonders wundert, ist der fehlende Protest einer größeren Öffentlichkeit dagegen. Prangern doch beispielsweise die „Montagsspaziergänger“ nötige öffentliche Hilfen für Menschen in Not als verfehlt an, währenddessen vor ihren Augen zig Mio.€ öffentliche Mittel für eine „Aufwertung“ der Natur geradezu verbrannt werden.

    Das Wirtschaftlichkeitsgutachten für den Gewässerverbund (bekannt seit 2002) weist dem Gewässerverbund eine verheerende wirtschaftliche Perspektive aus. Vermutlich steht dieses Gutachten deshalb auch nicht online. Sondern nur die Gefälligkeitsgutachten, die mit der klaren Zielstellung „Verwertung“ erstellt worden sind. Die Kosten aber nicht beziffern. Es gibt in diesem Wassertourismuskonzept, in der motorisierten Gewässernutzung, keine privaten Investitionen, obwohl die „Aufwertung“ der Gewässer ausschließlich privat genutzt wird. Diejenigen, die Natur nutzen wollen, brauchen diese angebliche „Aufwertung“ gerade nicht. Es ist doch schizophren, wenn Natur „aufgewertet“ und damit beseitigt wird, um dann mit Natur für Tourismus zu werben?!

    Ein schönes Beispiel für die Vergesellschaftung der Verluste, währenddessen sich einige Wenige einstecken….

    Aber gibt es positive Möglichkeiten, Wolfgang?

    Es gibt wohl eine Nutzung, die auch ohne Verwertung möglich ist. Doch bedeutet diese Nutzung ein klares Bekenntnis – für die Natur als Lebensgrundlage für uns selbst – vor allen Dingen aber für unsere Nachkommen. Ein Beispiel mögen die Nationalparks sein. Im Harz z. B. oder Fischland-Darß. Diese Nationalparks sind Tourismusmagnete. Sie ziehen Millionen Gäste an – allerdings streng reglementiert. Der Natur wird zurückgegeben. Große Flächen sind überhaupt nicht zu betreten.

    Dieses Bekenntnis kann nur einhergehen mit einem Verzicht auf die Genehmigung einer privat-motorisierten Gewässernutzung und dem Verzicht auf einen weiteren Gewässerausbau. Allenfalls Fahrgastschiffe sind denkbar. Doch auch diese nicht in den geschützten FFH- und SPA-Gebieten des Auwaldes. Dann muss auch der Gemeingebrauch nicht eingeschränkt werden. Das öffentliche Baden und Surfen, insbesondere an den Seen, wäre weiterhin möglich.

    Verbunden werden kann und muss dies mit einer Revitalisierung der Auwälder. Also dem „grünen Wald“, den wir gerade vor unserer Haustür haben, wieder das Wasser zu geben, das er braucht und wieder einen wirklichen Auwald aus ihm zu machen. Besser, ihn selbst „machen zu lassen“. Dem Auwald und die ihm vorgelagerten Wiesen wieder die Möglichkeit zu geben, überschwemmt zu werden. Womit auch noch zig Mio. € an künstlichem Hochwasserschutz unterhalb der Auwälder eingespart werden könnte.

    Ich danke Dir für Deine Antworten!

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    1 KOMMENTAR

    1. Ein sehr schönes Interview. Maximalverwerter merk ich mir,das ist gut. :0)
      Dieses „Es muss sich lohnen“ lohnt sich in Wirklichkeit gar nicht, das merken diese „Maximalverwerter“ aber erst viel zu spät.

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