Was fliegt an einem Samstagmittag in der Leipziger Innenstadt durch die Gegend? Richtig, Essen. Normal. Leider normal ist zumindest, dass weltweit an jedem Tag tonnenweise Lebensmittel im Müll landen. Ihr einziger Fehler ist ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum. Diese Lebensmittel allerdings aus Mülltonnen zu retten, ist strafbar. Mit einer Aktion auf dem kleinen Wilhelm-Leuschner-Platz machten Aktivist/-innen auf diese Missstände aufmerksam.

Tonnenweise genießbare Lebensmittel für

„Wir feiern heute die jährliche Essensschlacht. Es ist ein Tag, an dem wir alle zusammenkommen, unsere Unterschiede vergessen und viel Spaß miteinander haben werden. Dank der 18 Millionen Lebensmittel, die pro Jahr in Deutschland in der Tonne landen, können wir diese wundervolle Veranstaltung stattfinden lassen.“

Mit diesen Worten, gemeint als Satire, eröffneten die Aktivist/-innen aus Leipzig, die sich mit dem Aufstand der letzten Generation solidarisieren, ihre Essensschlacht.

Der Aufstand der letzten Generation ist eine Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung, die sich dafür einsetzt, gute Lebensmittel für jeden Menschen erschwinglich zu machen und einen Wandel in der Agrarwirtschaft zu vollziehen. Unter dem Motto „Essen retten Leben retten“ blockierten Aktivist/-innen der Kampagne in dieser Woche mehrere Straßen in Berlin, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen.

Zurück zur Schlacht in Leipzig: Als Wurfgeschosse dienten Obst, Gemüse, Kekse und Brötchen, aber auch etliche Tulpensträuße. Vieles davon legt, bevor es in deutschen Supermärkten in die Regale kommt, lange Wege zurück. Ihre „Beute“ hat die Gruppe in den letzten drei Nächten an verschiedenen Supermärkten in der Stadt zusammencontainert.

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede, wie uns eine junge Frau erzählt. So zeigten sich einige Märkte durchaus kooperativ und sehen davon ab, die Tonnen am Abend wegzuschließen. Andere Läden wiederum hüteten die sogenannten Abfälle wie einen Schatz hinter hohen Zäunen und dicken Schlössern.

In Deutschland ist das Containern strafbar. Wer erwischt wird, muss mit einer Anzeige wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch rechnen. Denn hierzulande wird der Müll als Eigentum gezählt. Und wer sein Eigentum lieber einbehält, um die Kund/-innen die „perfekte Ware“ im Markt kaufen, ist somit im Recht. Nichts, was nicht geändert werden könnte: In Frankreich beispielsweise ist die Verschwendung von Lebensmitteln strafbar, nicht das Retten. Dort sind die Supermärkte dazu verpflichtet, unverkauftes und noch genießbares zu spenden.

„Ein Schlag ins Gesicht“

In Deutschland aber landen noch genießbare Lebensmittel zuhauf ungestraft in der Tonne. „Für Menschen, die sich kein Essen leisten können, ist das ein Schlag ins Gesicht“, kritisiert Lena im Gespräch mit der LZ. Sie gehört zu der Gruppe, die die Protestaktion organisierte.

„Wir produzieren in Deutschland über 220 Millionen Tonnen Müll pro Jahr.“ Über die Hälfte würde allein durch die Produktion und den Transport „unbrauchbar“ gemacht. „Die Lebensmittel haben dann nicht mehr die ‚perfekte‘ Form oder Größe und wird deshalb im Supermarkt nicht mehr verkauft.“ Woher der Anspruch kommt, dass das Essen, bevor es auf unsere Teller kommt, perfekt geformt sein muss, erscheint allerdings schleierhaft.

Für Lena ist klar: Diese Art zu denken und die damit einhergehende pure Verschwendung von Lebensmitteln, muss sofort aufhören. „Wir steuern auf eine Welt zu, die wir uns gar nicht vorstellen können. Es ist absolut wichtig, jetzt eine Agrarwende herbeizuführen. Ich will mir die Situation nicht ausmalen, wenn irgendwann eine Lebensmittelknappheit herrscht.“

Einen kleinen Ausblick auf kurzzeitige Knappheit konnten die Menschen in Deutschland ja bereits zu Beginn der Corona-Krise beobachten; und damals ging es nur um Toilettenpapier.

„Wir fordern, dass ein Essen-Retten-Gesetz so schnell wie möglich kommt“, betont die junge Aktivistin. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf gäbe es bereits. Und vielleicht auch einen kleinen Ausblick in die richtige Richtung: Cem Özdemir, der neue Minister für Ernährung und Landwirtschaft im deutschen Bundeskabinett, zumindest, äußerte vor einigen Wochen, dass es „absurd“ sei, dass Containern noch immer illegal sei.

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