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Öko? Logisch. (9): Zu gut für die Tonne – Wie wird der Teufelskreislauf der Verschwendung durchbrochen?

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    Fünf Minuten vor Feierabend sind die Regale voll. Was landet nun in der Tonne? Und wird in den privaten Haushalten womöglich noch mehr weggeschmissen? Wer ist schuld an der Verschwendung, und wie lässt sich Abhilfe schaffen? „Verwenden statt verschwenden“ heißt das Motto der Lebensmittelretter-Plattform Foodsharing.de. 2011 entstand die Idee, für die sich 2015 auch eine Regionalgruppe in Leipzig gründete.

    „Auf unserer Plattform foodsharing.de werden sowohl von privat zu privat Lebensmittel weitergegeben als auch bei kooperierenden Betrieben Lebensmittel abgeholt, um sie weiterzugeben“, erläutert Pressesprecherin Kerstin Bergmann. Das Engagement und die Weitergabe der Lebensmittel seien komplett geldfrei und ehrenamtlich.Und das Problem der Lebensmittelverschwendung? „Das fängt schon viel eher an – vor den Supermärkten.“ Schuld sei die Überproduktion, die die Lebensmittel viel zu günstig werden ließe. Und da das Wegschmeißen von Lebensmitteln politisch nicht sanktioniert wird, bieten Supermärkte ein großes Angebot an Waren an, woran die Kundschaft dann auch gewöhnt ist, argumentiert Bergmann. „Eine gegenseitige Abwärtsspirale, die da erschaffen wurde, immer weiter in Richtung Lebensmittelverschwendung.“

    Etwas anders sieht es Werner Wehmer, Vorstandsvorsitzender der Tafel Leipzig. Mit seinen 95 ebenfalls fast vollständig ehrenamtlichen Helfern versorgt er in sechs Ausgabestellen 15.000 Bedürftige in Leipzig und Umland. Woche für Woche. Nahezu alle Supermarktketten und Großbäckereien sind mit im Boot, um den Überfluss vor der Tonne zu retten und dabei etwas Gutes zu tun.

    „Wir nehmen den Supermärkten das ab, was die wegschmeißen müssten“, so Wehmer. Und Wegschmeißen hieße zertifiziertes Entsorgen, zum Beispiel durch ReFood, also durchaus etwas kostspieliger. Daher setzt in seinen Augen bereits ein Umdenken bei den Supermärkten ein – in Form starker Rabatte zum Feierabend hin. Und wäre kein Vollangebot bis zum Feierabend vorhanden, würden die Supermärkte dies mit einem Kundenrückgang bezahlen.

    Fakt ist: Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) werfen wir pro Kopf 75 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg. Die andere Hälfte der insgesamt zwölf Millionen Tonnen fällt bei Produktion, Verarbeitung und Handel an. Ein Luxusproblem, welches in Mosambik, Bolivien oder Laos unbekannt sein dürfte. Daher will das BMEL das Ziel der UNO erreichen, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren.

    Eigentlich kein Problem, denn die Hälfte dessen, was wir in die Tonne schmeißen, ist noch essbar.

    Mindesthaltbarkeit ist kein Verfallsdatum, und optische Mängel sind auch kein Grund. „Zu gut für die Tonne“ heißt der seit 2016 verliehen BMEL-Preis, den der Grimmaer Lebensmittelhändler „Im Angebot“ gleich im ersten Jahr gewann. „Im Angebot“ gibt Lebensmitteln, deren Mindestverkaufsdatum, jedoch nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, eine zweite Chance – preislich stark reduziert.

    Angefangen mit einem kleinen Geschäft im Herbst 1997 hat das Unternehmen nunmehr sechs Filialen zwischen Bernburg und Oschatz, zwei davon in Leipzig. Geschäftsführer Patrick Lüdtke erwartet für die kommenden Jahre eine ähnliche Dynamik, aber auch, „dass immer weniger Lebensmittel ohne Verwendung bleiben – eine tolle Sache!“

    Das Schlüsselereignis war, das Vernichten von Ware, die kurz vor dem MHD-Ende war, zufällig mit anzusehen. Fast das Gleiche berichtet Johanna Paschek von „Too Good To Go“. Die App, mit der Bäcker oder Gastronomiebetriebe kurz vor Feierabend reduzierte Mahlzeiten verkaufen können, entstand, weil ein Restaurant sein lückenlos bestücktes Buffet zum Ladenschluss wegschmeißen wollte.

    „Too Good To Go“ hat den BMEL-Preis „Zu gut für die Tonne“ 2019 gewinnen können. Denn die App hat bereits 50 Millionen Mahlzeiten vor der Tonne gerettet – in 15 Ländern. „Too Good To Go“ ist ein Berliner Unternehmen mit 800 Mitarbeitern. Deren Lohnkosten und die weitere Expansion werden von den Einnahmen gedeckt. 4,8 Millionen Deutsche nutzen die App, die in Leipzig 150 Partnerbetriebe hat.

    „Gemeinsam haben wir seit unserem Start im Jahr 2016 mehr als 170.000 Mahlzeiten vor der Tonne gerettet und damit 425.000 Kilogramm CO2-Äquivalente eingespart“, so Paschek. Sehr wichtig sei die Sensibilisierung rund um das Thema Lebensmittelverschwendung, denn im Moment enden zwei Drittel aller Lebensmittel in der Tonne.

    „Die Reduzierung von Food Waste ist der größte Hebel, um den CO2-Ausstoß herunterzufahren und die Klimakrise einzudämmen“, betont Paschek. „Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, wäre es der drittgrößte CO2-Emittent hinter den USA und China!“

    Viele Betriebe reduzieren die Menge an überschüssigen Lebensmitteln im Laufe der Partnerschaft mit „Too Good To Go“, obwohl Überproduktion heutzutage oft ein fester Bestandteil des Systems ist.

    Auch Malte Reupert unterstreicht die Verantwortung aller entlang der Wertschöpfungskette. Private Haushalte sollten nicht zu viel Ware einkaufen. So wie in seinen drei „Biomare“-Filialen Lebensmittelrettung integrierter Bestandteil des eigenen Geschäftsmodells ist.

    Qualitativ nicht mehr optimale Ware werde erstens preisreduziert, zweitens in der Produktionsküche verarbeitet und drittens an die Mitarbeiter verschenkt. „Und für die Warenmengen, die wir täglich bewegen, fällt bei uns der Biomüll tatsächlich in überschaubaren Mengen an.“

    Reupert spricht weniger von Schuld, als vielmehr von Zusammenhängen und Verantwortung. Also nicht so viel bedauern und von einer besseren Welt träumen, sondern selbst weniger verschwenden.

    „Öko? Logisch. (9): Zu gut für die Tonne – Wie wird der Teufelskreislauf der Verschwendung durchbrochen?“ erschien erstmals am 26. März 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

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    1 KOMMENTAR

    1. Ein Stichwort, welches in dem Beitrag fehlt, ist das Containern. Und auch wenn Abfall juristisch noch seinem letzten Besitzer gehören mag, wenn er schon im Mülleimer auf der Straße liegt, ist Containern ökologisch und wahrscheinlich auch sozial sehr positiv zu sehen.

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