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Der Dreck muss weg: Das „Projekt Stadtsauberkeit“ ist eine Antwort auf Leipzigs Müll-Problem

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 83, seit 25. September im HandelMüll, Müll, Müll – wohin das Auge reicht. Nicht nur gefühlt hat das Abfallaufkommen, vor allem an öffentlichen Plätzen, in Leipzig zugenommen. Klar: Die Stadt wächst und mehr Menschen produzieren auch mehr Müll. Dafür, dass dieser immer häufiger und in raueren Mengen in den Parks und auf den Straßen landet, gibt es allerdings keine derart einfache Erklärung.

    Zahlreiche mehr oder minder abgelegenen Stellen in der Stadt werden inzwischen als illegale Mülldeponien missbraucht. Das „Projekt Stadtsauberkeit“ der Stadtreinigung Leipzig sagt dieser Entwicklung den Kampf an. Mit einem neuen Konzept möchte Björg Köber, die Leiterin des Projekts, dafür sorgen, dass Leipzig wieder sauberer wird.

    Wer sich regelmäßig in Leipzigs Grün aufhält, der kommt manchmal nicht umhin, die eine oder andere Flasche oder Plastikverpackung aus dem Weg zu räumen, bevor er sich auf der Picknickdecke niederlässt. Vor allem an den Wochenenden sind die Spuren nächtlicher Gelage in den Parks und auf den Grünflächen kaum zu übersehen. Oftmals liegen Zigarettenstummel, Bierdeckel und Co. nur ein paar Meter entfernt von Papierkörben und den orangenen Containern, die die Stadtreinigung jedes Jahr zur „Saison“ aufstellt. Dieses Verhalten nennt man übrigens „Littering“.

    Das „Kleinvieh“ ist aber längst nicht alles. Inzwischen lassen sich ganze Kühlschränke, Fahrräder, Autoreifen oder auch tote Tiere in Wäldern, auf Wiesen und Feldern oder einfach abgestellt neben Glascontainern finden. Ein paar „Hotspots“ sind zum Beispiel der Lene-Voigt-Park nahe der Innenstadt, der Podelwitzer Weg oder der Grüne Bogen in Paunsdorf.

    „Was ich wirklich nicht verstehe: Warum machen die Menschen das? Wenn man schon den Aufwand betreibt und seinen Müll – seien es Elektrogeräte, Möbel oder Grünschnitt – ins Auto lädt, dann kann man diesen doch auch zum nächsten Wertstoffhof bringen, anstatt alles irgendwo im Grünen abzuladen.“

    Eine gute Frage, die Björg Köber da stellt. Es gibt insgesamt 15 Wertstoffhöfe in Leipzig, an denen die Bürger/-innen ihren Sperrmüll abgeben können. „Die Kosten sind in den monatlichen Gebühren enthalten“, erklärt Köber. „Der Beitrag, der dafür berechnet wird, deckt dennoch nicht die Kosten für das große Fahrzeug und die Mitarbeiter/-innen.“

    Nur für die Abgabe von Grünschnitt sind 50 Cent für 100 Liter in Form von Wertmarken fällig. Wer nicht mobil ist, kann die Stadtreinigung Leipzig sogar zur Abholung von Sperrmüll und Elektrogroßgeräten gegen Gebühr beauftragen. „So fallen beispielsweise für die Abholung am Grundstück von bis zu 4 Kubikmeter Sperrmüll 21 Euro in Form einer Wertmarke für die Transportkosten an, die den Mitarbeitern vor Ort übergeben werden. “

    Konsequenzen und Sensibilisierung statt ständigem Hinterherräumen

    Die Beseitigung illegaler Ablagerungen ist Hauptaufgabe des Projektes Stadtsauberkeit. Insbesondere die Hotspots werden jeden Tag kontrolliert und gereinigt. Zudem gehen pro Tag durchschnittlich 33 Meldungen von Bürgerinnen und Bürgern sowie vom Ordnungsamt ein. Zeitnah wird der illegal entsorgte Müll dann von den derzeit 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgeholt. Zwei von ihnen wurden eingestellt, um Graffiti von öffentlichen Bänken, Spielgeräten oder Flächen zu entfernen.

    „Wir wollen aber nicht nur den Abfall wegräumen, sondern auch das bürgerliche Engagement fördern und die Bürger/-innen sensibilisieren. So veranstalten wir regelmäßige öffentliche Sammelaktionen.“ Die erste Aktion fand Ende August statt. Im Abstand von ein paar Wochen wird es weitere Aufrufe geben.

    Dabei können sich die Leipziger/-innen aktiv beteiligen; sowohl durch das Mitsammeln als auch indem sie Gegenden melden können, die eine „Räumungsaktion“ nötig haben. Das Projekt bündelt außerdem verschiedene Initiativen und Netzwerke, um gemeinsam für die Sauberkeit der Stadt aktiv zu sein.

    Darüber hinaus wurde die Stadtreinigung Leipzig vom Stadtrat beauftragt, ein Konzept zur Implementierung von „Umweltdetektiven“ zu erarbeiten. „Daran arbeiten wir derzeit und lassen unsere Erfahrungen einfließen“, erläutert die Projektleiterin. In der Zwischenzeit bleibt wohl nur das Hinterherräumen. „Unser Ziel ist natürlich aber, den Müll zu vermeiden, bevor er überhaupt entsteht. Deshalb ist die Sensibilisierung der Bevölkerung so wichtig für uns.“

    Gehört der öffentliche Raum denn nicht allen?

    Warum aber verdrecken wir unser eigenes Umfeld? Wir haben die große Freiheit, Raum in der Stadt für uns beanspruchen zu können. Er gehört allen, wir können ihn nutzen und uns darin frei bewegen. Dass mit diesem Recht aber auch eine Verantwortung einhergeht, scheint so manchem nicht klar zu sein. Dafür gäbe es schließlich Arbeiter/-innen, die den Dreck der anderen wieder wegmachen.

    Die allerdings sind eigentlich für die regelmäßige Leerung der städtischen Papierkörbe und Mülltonnen verantwortlich und für die Pflege der Grünanlagen. Für das ständige Hinterherräumen fehlt es schlicht an Personal und an Geld. Denn, wie Björg Köber schildert, nahmen die illegalen Ablagerungen extrem zu.

    „Im ersten Halbjahr 2020 haben wir bereits 3.868 Kubikmeter Müll eingesammelt, außerdem insgesamt 1.579 Elektrogeräte. Mal im Vergleich: 2016 waren es 1.186 Kubikmeter Müll und 930 elektronische Geräte.“ Die Kosten für die Entsorgung mauserten sich dadurch auf 286.000 Euro in 2019, wobei die Personal- und Fahrzeugkosten noch nicht einmal mit eingerechnet sind. Tendenz eher steigend.

    Hinzu kommen die regelmäßigen Erneuerungen von Müllbehältnissen, die gerne mal kaputtgetreten und angezündet werden. „Im Clara-Park wurden Mülleimer auch schon abmontiert und in den Teich geworfen, die musste die Feuerwehr dann wieder herausholen. Auch solche Einsätze verursachen zusätzliche Kosten.“

    Könnte dieses Geld nicht wesentlich sinnvoller an anderer Stelle eingesetzt werden, wenn jeder seinen eigenen Dreck wegräumen würde? Wieso fühlen wir uns weder für unser eigenes Handeln, noch für das unserer Mitbürger/-innen verantwortlich? „Heutzutage sind wir eine Gesellschaft, die gern wegschaut. Was aber spricht denn dagegen, wenn sich die Bürger/-innen auch von sich aus auf ‚Umweltsünden‘ ansprechen?“ Denn der herumliegende Müll ist nicht nur lästig, sondern auch schädigend für Pflanzen und Tiere und letztendlich auch für den Menschen.

    Das Bewusstsein dafür sollte im besten Fall im Kindesalter vermittelt werden. Wenn Hänschen lernt, sein Bonbonpapier fein säuberlich in den Papierkorb zu befördern, wird Hans das als Erwachsener höchstwahrscheinlich noch immer beherzigen. Auch darum ist die Leipziger Stadtreinigung bemüht. Mit Führungen durch das Unternehmen und den städtischen Wertstoffhöfen sowie Fachberatungen in Kitas und Schulen soll das Thema von klein auf zum Alltag gehören.

    „Da hat sich auch die Erziehung geändert. Ich habe schon erlebt, dass Eltern ihren Kindern aktiv erlaubt haben, Müll einfach fallen zu lassen“, erzählt Köber. Doch es sind längst nicht nur junge Menschen, die den Abfall überall in der Stadt verteilen. Ein jeder muss sich an die eigene Nase fassen. Damit das Problem nicht erst dann zum Thema wird, wenn wir im Müll „schwimmen“.

    Die neue „Leipziger Zeitung“ Nr. 83: Zwischen Ich und Wir

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