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Sachsens Bevölkerungswachstum wird von den Großstädten befeuert

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    Sachsen wächst. Das haben wir an dieser Stelle schon ein paar Mal erzählt. Die drei Großstädte sind zum Schrittmacher der Entwicklung geworden. Allen voran Leipzig. Das bestätigen auch die Zahlen aus dem August 2014. Und die ländlichen Räume verlieren immer weiter. Höchste Zeit für eine andere Politik.

    Aber wird’s die geben? Die CDU, die in Sachsen seit 25 Jahren regiert, tut sich schwer, einen seit Jahren eingefahrenen Kurs zu ändern. Es war ja so einfach, sich auf die diversen Prognosen zu verlassen, die dem Freistaat einen gewaltigen Bevölkerungsschwund bis 2015 voraussagten. Mit diesen Zahlen wurde ein radikaler Sparkurs begründet, mit dem schon mal heftig bei Polizisten, Lehrern, Richtern und Kontrolleuren gespart wurde. Mit Folgen, die schon in der Startphase dieser Schrumpfkur für heftige negative Begleiterscheinungen sorgten.

    Zumindest der damalige Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) bemerkte, dass sich der Wind seit 2009 drehte – und schrieb das natürlich seiner eigenen Wirtschaftspolitik zu. Schön wär’s. Aber das allein war’s wohl weniger. Dafür schlägt seit 2010 ein anderer Effekt zu, vor dem die Wirtschaftskammern schon drei Jahre vorher gewarnt hatten. Nur die hohe Politik wollte es einfach nicht hören, war reineweg vernarrt in ihren Sparkurs. Ab 2010 erreichten die geburtenschwachen Jahrgänge die Berufsausbildung. Was bedeutet: Auf einmal gab es mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Und Stück um Stück wuchsen die halbierten Berufsstarter-Jahrgänge ins Berufsleben hinein. Was auch bedeutete: Junge Leute, die eine Ausbildung und einen Job suchten, mussten nicht mehr nach Bayern oder Schwaben auswandern. Sie konnten da bleiben.

    Jeder, der das erlebt hat, weiß, was das für eine wichtige emotionale Größe ist, wenn sich junge Menschen zu einem Job entschließen und die Chance erhalten, auch ihre Familie in der Heimat gründen zu können. Heute melden die wichtigsten Branchen schon einen spürbaren Fachkräftemangel.

    Was auch bedeutet: Sachsen kann sein Fachkräfteproblem nicht mehr aus eigener Kraft lösen.

    Und schlampert trotzdem weiter wie gehabt.

    Wie lange wird es noch dauern, bis die Wirtschaftsverbände selbst eine Demonstration organisieren und vor dem Dresdner Kultusministerium hupen und die Lautsprecher hochfahren: „Hallo! Frau Kurth! Aufwachen!“

    Denn 10 Prozent Schulabgänger ohne qualifiziertes Zeugnis, das ist eine Blamage für ein modernes Bildungssystem. Erst recht für ein Land, das so stolz ist auf seine hohen technischen Standards.

    10 Prozent Schulabbrecher aber (in Leipzig sogar 15 Prozent), das ist das Eingeständnis einer völlig verpeilten Personalpolitik im Bildungssystem. Da hilft es auch nicht, einen Minister auszutauschen. Da muss eingestellt werden. Denn die Wahrheit ist: Sachsen kann sich überhaupt keine Schulabgänger leisten, die nicht das Zeug zu einer qualifizierten Berufsausbildung haben. Die jungen Leute werden dringend gebraucht.

    Doch wer mag, kann ja die zuständigen Fallmanagerinnen in den Jobcentern fragen, wie diese jungen Leute immer wieder bei ihnen landen, weil auch der gemütvollste Ausbilder ihnen irgendwann sagen muss: Mit diesen Voraussetzungen können wir dich nicht nehmen.

    Über 2.000 sind es allein in Leipzig, von denen viele längst schon im emotionalen Nirwana sind: Gar nicht mehr bereit, sich anzustrengen, um doch noch ins Rennen zu kommen.

    Das ganze Land muss umdenken. Gründlich.

    Und die sächsische Politik muss zur Politik eines (wieder) wachsenden Landes werden, das gerade da investiert und Infrastrukturen stärkt, wo das Land wächst – in den drei Großstädten.

    Von Dezember 2013 bis August 2014 nahm Sachsens Bevölkerung von 4.046.385 auf 4.046.542 zu. Sieht noch nicht nach viel aus. Aber in den Vorjahren gab es zuletzt vierstellige, davor fünfstellige Bevölkerungsrückgänge. Wobei der Rückgang auch 2013 vor allem aus dem Defizit von Geburten und Sterbefällen resultierte. Zum Wachstum gehören vor allem zwei wesentliche Faktoren: Die wichtige Rolle der Universitätsstädte, die auch junge Menschen aus den westlichen Bundesländern nach Sachsen locken, und die verstärkte Zuwanderung aus dem Ausland, gegen die der sächsische Innenminister kämpft, als kämen hier die personifizierten Übel selbst ins Land – und nicht die echten Zukunftschancen Sachsens. Denn selbst wenn all diese jungen Menschen keine qualifizierten Abschlüsse haben sollten (viele haben sie aber), hätte der Freistaat genügend Ressourcen, sie allesamt auszubilden und ihnen den Weg auf einen immer hungrigeren Beschäftigungsmarkt zu öffnen.

    Denn Sachsen hat ohne Zuwanderung keine Chance. Es würde schlicht vergreisen und in den vom Statistischen Landesamt 2009 errechneten Abwärtstrend geraten. Wenn man Sachsen als abgeschottete Insel betrachten würde (wie es die sächsische CDU gern tut), dann würden die Prognosen stimmen. Genau so. Und gute Nacht.

    Zum Glück ist Sachsen keine Insel.

    Und tausende Menschen, die aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt flüchten, sehen hier eine echte Hoffnung, wieder eine Arbeit zu finden und eine Familie zu ernähren, an Kultur, Sprache und Gesellschaft teilzuhaben sowieso.

    Und am liebsten gehen sie natürlich in die Großstädte – weil dort die Infrastrukturen aufnahmefähiger sind, aber auch, weil Stadtgesellschaften meist aufgeschlossener sind als Landgemeinden.

    Das Ergebnis: Allein Leipzig hat von Dezember 2013 bis August 2014 seine (amtliche) Einwohnerzahl von 531.562 auf 537.155 gesteigert, Dresden im gleichen Zeitraum von 530.754 auf 532.509. Auch Chemnitz ist leicht gewachsen von 242.022 auf 242.758.

    Und das Wachstum konzentriert sich komplett auf die drei Großstädte.

    Alle Landkreise haben – wie in den Vorjahren – deutlich eingebüßt.

    Die Einwohnerzahl der Landkreise sank von 2.742.047 auf 2.734.120 – ein Minus von 7.927.

    Die drei Großstädte konnten ihre Einwohnerzahl hingegen von insgesamt 1.304.338 auf 1.312.422 steigern – ein Plus von 8.084. Sie wachsen also stärker als die ländlichen Räume an Einwohnern verlieren. Zumindest die Kommunen direkt im Speckgürtel der drei Großstädte wissen, was das heißt, denn sie werden mitgezogen und profitieren von der Verkehrsanbindung. Wenn die modern und vorhanden ist. Aber wie wir aus dem MDV-Gebiet wissen: Die Granden in ihren kleinen Nestern tun sich schwer, Vernetzung tatsächlich modern zu denken. Ein Trauerspiel.

    Aber gerade Vernetzung ist das Thema der Zeit. Die Zukunft des Landes wird von der Verstärkung der Netzknoten abhängen. Und wer nach Chemnitz schaut, sieht, wie Landes- und Bundespolitik so ein Thema verschlafen können. Aber in der Landespolitik könnte – und muss – das neue Wachstumsdenken Widerhall finden. Ein paar kleine Korrekturen der alten Schrumpfungspolitik reichen da nicht.

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    4 KOMMENTARE

    1. Hallo,

      nein, das wollte ich nicht. Der von Ihnen verlinkte Kommentar ist nämlich gar nicht von mir. Da als Account-Name hier automatisch der Vorname benutzt wird, ist es auch nicht verwunderlich, daß es mehrere Stefans gibt. 🙂

    2. Lieber Leser Stefan, vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Zahlendreher im Text geändert.

    3. „Die Einwohnerzahl der Landkreise sank von 2.734.120 auf 2.742.047 – ein Minus von 7.927.“
      Das ist aber ein Plus von 7927.
      Entweder stimmt die Argumentation nicht oder es gibt einen Zahlendreher.

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