Friedrich-Ebert-Stiftung hinterfragt den Sinn der Schröderschen „Arbeitsmarktreformen“

Hat sich in der SPD so langsam herumgesprochen, dass Gerhard Schröders "Agenda 2010" eine Lebenslüge war? Augenscheinlich nicht. Die Partei tut sich schwer mit diesem Erbe, das ihr 2005 nicht nur die Macht gekostet hat, sondern bis heute verkauft wird als Instrument, Deutschland wettbewerbsfähig zu machen. Doch nicht einmal das stimmt. Das Gegenteil ist der Fall, stellt die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung fest.

Oder lässt es von Dr. Alfred Kleinknecht feststellen, Mitarbeiter am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf. Er geht dabei auf einen Faktor ein, den gestandene Unternehmer kennen: das Knowhow der Belegschaft. Denn gerade kleine und mittelständische Unternehmen leben nicht nur davon, dass sich im Betrieb jede Menge Erfahrung und Spezialwissen angesammelt hat. Es ist das größte Pfund, mit dem sie im Wettbewerb wuchern können.

Und wer tatsächlich auf den wilden Zug der „Arbeitsmarkt-Reformer“ aufgesprungen ist und lieber auf flexible, marginale und befristete Arbeitskräfte gesetzt hat, wird oft genug mit Entsetzen aufgewacht sein, wenn er die Folgen bedacht hat. Denn nicht alles kann der Chef allein machen. Er ist schlichtweg darauf angewiesen, dass seine Mannschaft einen Wissens- und Erfahrungsschatz angesammelt hat, mit dem auch in komplizierten Phasen ein professioneller Ablauf gesichert werden kann.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr der Gebrauch des Wortes Profi für kompetente Fachkräfte rar geworden ist in der Wirtschaftsberichterstattung. Heute denkt man dabei nur noch an Fußballer, die sich für teuer Geld verdingen.

Kleinknecht verweist in dem Beitrag, den die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) nun veröffentlicht hat, darauf, dass der Erfolg der deutschen Wirtschaft vor allem darauf beruht, dass sich in den Unternehmen diese geballte Kompetenz angesammelt hat und sich auch über die Generationen vererbt. Kreative Akkumulation nennt er das.

„Zurückzuführen ist diese Entwicklung darauf, dass in reiferen Industriezweigen das Innovationsmodell der ‚kreativen Akkumulation‘ (oder auch das ‚Routinemodell der Innovation‘) dominiert: Hier ist die permanente Weiterentwicklung von (oftmals betriebsspezifischen) Kenntnissen für die schrittweise Verbesserung von Produkten, Prozessen und Systemen zentral. Betriebe sind oft gut in bestimmten Produktlinien, weil sie hier schon seit Jahrzehnten relevantes Wissen gesammelt haben. Hierunter befindet sich auch viel personengebundenes Erfahrungswissen. Die langfristige Bindung von Arbeitskräften an ihre Betriebe erleichtert dabei das Wissensmanagement bzw. die ‚kreative Akkumulation‘ von neuem Wissen. Auch sind Investitionen in die betriebliche Aus- und Weiterbildung bei längerfristigen Arbeitsbeziehungen lohnenswerter.“

Ein System, das schon in den 1990er Jahren unter Beschuss kam, als gerade aus dem konservativen politischen Lager der Druck immer stärker wurde, den deutschen Arbeitsmarkt zu flexibilisieren und die rigiden Regeln für marginale und befristete Beschäftigungen abzuschaffen oder wenigstens zu lockern. Ganz so, als könnte sich die Exzellenz der Unternehmen auch mit auf Zeit angeheuerten Arbeitsbrigaden aufrecht erhalten. Man konnte zwar in den 1980er Jahren regelrecht zuschauen dabei, wie mit solchen Arbeitsmodellen die Industrie in Großbritannien und den USA im Zeitraffer abgewrackt wurde, wollte es aber trotzdem genauso auch in Deutschland haben. Und da ganze Verbände mitmischten, hinter denen vor allem die Großunternehmen standen, die von den neuen „Arbeitsmarktinstrumenten“ noch am ehesten profitierten, entstand auch schleichend, aber nachhaltig ein neues Misstrauen der großen Aktionäre und Manager gegen die Belegschaften.

Ein Misstrauen mit ernsthaften Folgen, wie Kleinknecht feststellt: „Durch die langfristige Bindung von Personal und einen guten Kündigungsschutz entsteht außerdem auf Seiten der Beschäftigten mehr Vertrauen und Loyalität. Dadurch nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass Betriebsgeheimnisse und technologische Kenntnisse an die Konkurrenz weitergegeben werden; bessere Geheimhaltung macht Investitionen in neues Wissen attraktiver. Mit flexiblem ‚hire and fire‘ erodieren dagegen Vertrauen und Loyalität und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Management.“

Mal ganz zu schweigen von der Hire-and-Fire-Mentalität mancher Aufsichtsräte gegenüber einem Management, das den Laden nicht hochprofitabel hält, egal, ob dabei die Substanz leidet. Übrigens ein Aspekt, auf den Kleinknecht nicht eingeht, der aber unbedingt dazu gehört. Denn in einer Welt, in der ein Arbeitsplatz nur noch als lästiger Kostenfaktor betrachtet wird und der Arbeitende als austauschbar, gilt dasselbe auch für das Management.

Und Kleinknecht kommt dann auch auf die Folgen für die Innovationsfähigkeit eines Landes zu sprechen, wenn es seinen Arbeitsmarkt dereguliert. Die sinkt nämlich.

Kleinknecht: „Bahnt sich in Deutschland Ähnliches an? In Deutschland ist mit den Hartz-Reformen mehr ‚Dynamik‘ in den Arbeitsmarkt gekommen. Dies hat nicht nur Konsequenzen für den Arbeitsmarkt. Es wirkt sich auch auf die Innovation aus. Die hohe  Reputation von ‚Made in Germany‘ beruht ja gerade auf der exzellenten Beherrschung des Innovationsmodells der ‚kreativen Akkumulation‘. Mit der größeren ‚Dynamik‘ auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach den Hartz-Reformen (vor allem durch das rasche Wachstum flexibler Stellen) ist zu befürchten, dass die ‚kreative Akkumulation‘ in Zukunft weniger gut funktionieren wird.“

Die Frage, die sich Kleinknecht am Ende stellt, ist eine europäische Frage. Denn die zugkräftige innovative Wirtschaft in Deutschland ist auch der Motor für innovative Entwicklungen in den anderen europäischen Ländern – während Deutschland gerade mit den „Hartz“-Reformen die Entwicklung in der EU sogar ausgebremst hat.

Alfred Kleinknecht: „Will Europa das Funktionieren des Innovationsmodells der ‚kreativen Akkumulation‘ durch Flexibilisierung der Arbeitsmärkte (weiter) untergraben? Wenn ja, dann würde dies nicht nur die Reputation von ‚Made in Germany‘ und die deutsche Exportposition in klassischen Industriezweigen langfristig beeinträchtigen. Es würde zugleich den Aufbau wettbewerbsfähiger Industriezweige in anderen europäischen (Krisen-)Staaten erschweren und den (weiteren) Abbruch des europäischen Sozialmodells fördern.“

Hartz IVInnovationMarginale Beschäftigung
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