6.3 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Endlich gibt’s die berechtigte Hoffnung, dass der Osten nicht wie der Westen wird

Mehr zum Thema

Mehr

    Man kann Studien so anlegen, dass alte Vorurteile bestätigt werden. Man kann aber auch versuchen, sich selbst ein bisschen verblüffen zu lassen. So hat es das Berlin-Institut versucht, das pünktlich zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit ein paar Fragen zur Bevölkerung und Entwicklung gestellt hat. „So geht Einheit“ heißt die Studie. Welches Bild haben Ost- und Westdeutsche voneinander und von sich selbst?

    Das ist nur eines von 25 Themenfeldern, in denen diese Studie der Frage nachgeht, wie weit das einst geteilte Deutschland in den vergangenen 25 Jahren zusammengewachsen ist. Oder ob es das überhaupt ist.

    Fast die Hälfte der Deutschen ist auch ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung der Ansicht, dass es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gibt. So nimmt gut ein Drittel derjenigen Ostdeutschen, die generelle Unterschiede nicht abstreiten, Westdeutsche als arrogant wahr. Diese wiederum empfinden ihre Mitbürger im Osten teilweise als unzufrieden und anspruchsvoll. Die einzige Gemeinsamkeit bestehe darin, dass sowohl Ost- als auch Westdeutsche ihre Landsleute im jeweils anderen Teil Deutschlands für besserwisserisch halten.

    „Das Ergebnis hat uns selbst erstaunt“, meint Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts. „Ob bei der Bevölkerungsentwicklung, der Wirtschaftskraft, den Vermögen, den Erbschaften oder der Größe der landwirtschaftlichen Betriebe – überall zeichnet sich ziemlich exakt die alte Grenze ab.“

    Nicht immer schneide dabei der Osten schlechter ab. Zwar verdienen Ostdeutsche nach wie vor nur drei Viertel des Durchschnittseinkommens Westdeutscher, sie arbeiten im Jahresdurchschnitt länger und weisen dennoch eine geringere Produktivität aus – eine Folge der kleinteiligen Wirtschaftsstruktur, die nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie entstanden ist, interpretiert es das Berlin-Institut und zeigt damit, das es nicht wirklich tief in der Materie steckt. Da ist es kein Wunder, dass sich die Studienbesteller wundern.

    Aber der Vorteil an der Befragung ist: Viele kleine Puzzle-Teile ergeben auch ein Bild. Man muss sie nur richtig zusammensetzen. Wenn dabei „Besserwessis“ und „Jammerossis“ herauskommen – wie im Kommentar zur Studie thematisiert, kommt der alte, falsche Interpretationsmüll dabei heraus. Im Faktenreichtum wird dann viel deutlicher, was für einen gewaltigen Transformationsprozess der Osten seit dem 1. Juli 1990 durchgemacht hat. Das ist übrigens – auch wenn es die symbolversessenen Politiker nie glauben werden – der tatsächliche Tag der deutschen Einheit. Da wurde im Osten die D-Mark eingeführt, ab da unterlag der Osten zwangsläufig allen Spielregeln des Westens und war wirtschaftlich dazu verdammt, sich anzupassen – was er ja bekanntlich nur in Teilen geschafft hat, weil man westwärts der Demarkationslinie glaubte, man könne den Osten einfach abwracken, die Millionen gut ausgebildeter Arbeitskräfte einkassieren – und die Sache wäre paletti.

    Das Ergebnis war genau das, was  heute die ganze Bundesrepublik zu dramatischen Veränderungen zwingt: Eine radikale Bevölkerungsflucht aus den ländlichen Räumen, ein dramatischer Geburteneinbruch, eine Überalterung der Regionen außerhalb der Großstädte und – seit fünf Jahren in ganz Deutschland zu beobachten: der dramatische Run auf die Großstädte, das Lebensmodell, das (noch) Zukunft verspricht. Denn auch das hätte man wissen können: Wer ganze Landstriche derart entvölkern lässt, bringt das ganze Finanzierungssystem für Infrastrukturen und Sozialsysteme ins Wanken.

    Was zur Folge hat, dass viele Erscheinungen, die vorher für den Osten typisch waren, mittlerweile auch im Westen immer stärker werden – angefangen vom Wunsch nach gesellschaftlicher Kinderbetreuung über das Zusammenleben in nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften bis hin zur zunehmenden Säkulisierung. Daran ist nicht mal die PDS/Linkspartei schuld. Wenn ein Land sich derart verändert, lösen sich zwangsläufig auch die alten, stark religiös geprägten Milieus auf.

    Und dann war ja noch dieses ebenfalls 1990 so richtig durchgestartete Programm der „Liberalisierung des Arbeitsmarktes“, das 2005 seinen Höhepunkt fand mit der Einführung von „Hartz IV“. Gerade der Osten wurde dabei zu einem Testfeld für alle Arten der flexiblen, mobilen und marginalen Beschäftigungen. – Ergebnis bis 2010: Ein rasanter Verlust von Sicherheit im Arbeitsmarkt und ab 2000 sogar ein grassierender Einkommensverlust im Osten, der erst ab 2010 gestoppt wurde, als sich das Phänomen der geburtenschwachen Jahrgänge auf dem Arbeitsmarkt als künftiger Fachkräftemangel meldete.

    „Tendenz zu atypischer Beschäftigung“, schreiben die Studien-Autoren lakonisch. Bis 2010 die Regel. Seitdem sind auch die Unternehmer ins Grübeln gekommen, die vorher so von marginaler Beschäftigung als Jobmotor geschwärmt haben. Manche begreifen es nur ganz langsam, was der gewaltige Geburteneinbruch der 1990er Jahre für den heutigen ostdeutschen Arbeitsmarkt bedeutet: „Dass sich der Abstand zwischen Ost und West bei der Arbeitslosigkeit trotzdem verringert hat, geht vor allem darauf zurück, dass in Ostdeutschland die Zahl der Erwerbspersonen seit 2008 um etwa 400.000 Personen zurückgegangen ist, eine Folge der Abwanderung vor allem junger Menschen sowie des extremen Geburteneinbruchs zu Beginn der 1990er Jahre.“

    Die Studie weist auch nach, dass vieles, was in ostdeutschen Medien (auch in den von der Studie gelobten regionalen Tageszeitungen) als Fakt verkauft wird, nicht stimmt. Was eine Menge mit den so genannten Vorurteilen gegenüber Ausländern zu hat, die sich auf ostsächsischen Straßen gern austoben. „Ostdeutsche leben nicht unsicher, fühlen sich aber so“, lautet eine Überschrift zum Thema. Dafür entdecken die Autoren ein „Erbe der DDR-Trinkkultur“. Ist der höhere Alkoholverbrauch das tatsächlich oder zeugen höhere Quoten bei Alkohol- und Tabakgenuss nicht eher davon, dass für die Befriedigung anderer Lüste und Süchte das Geld im Osten nicht reicht? Ein Indiz dafür sind die hohen Alkoholpegel in Bremen und Berlin.

    Man kann sich auch irre machen lassen von der Ost-West-Proplematik, wenn man die wirtschaftlichen Ursachen ausblendet. Auch in der DDR war Saufen oft genug der Ersatz für fehlende Alternativen.

    Wie komplex scheinbar simple Verhaltensweisen sind, stellen die Autoren der Studie ganz lapidar beim Thema Wahlverhalten fest: „Dieser neuerliche Aufwind für den rechten Teil des politischen Spektrums ist nicht zuletzt Zeichen einer Protesthaltung gegenüber einem Parteiensystem, das sich schwer tut, in einer vernetzten Welt verständliche Antworten auf brennende Fragen zu liefern.“

    Das Stichwort in diesem Satz ist die „vernetzte Welt“. Doch während die Prozesse, die die Bürger erleben, in solchen großen, vernetzten Strukturen passieren, agieren die Politiker immer noch kleinteilig und oft genug auch kleinkariert.

    Was lernt man am Ende? – Dass Autoren solcher Studien immer noch glauben, sie müssten ein „Zusammenwachsen“ von Ost und West herbeiwünschen, obwohl die Hälfte der Studienergebnisse zeigt, dass die Unterschiede zwischen Nord und Süd genauso groß sind wie die von Ost und West.

    Deswegen können wir diese Behauptung aus der Pressemitteilung des Berlin-Instituts nur in Anführungszeichen bringen: „Viele der Unterschiede, die sich 25 Jahre nach der deutschen Einheit noch immer finden, gehen darauf zurück, dass die Jahre der Teilung unter gänzlich unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen nachwirken.“

    Diese Auffassung teilen wir nach Lesen der Studienergebnisse nicht mehr, auch wenn einige Forscher den zunehmenden Atheismus, die Kita-Betreuung und hohe Erwerbsquoten von Frauen gern dem Erbe der alten DDR zurechnen. Doch auch dort hatten diese und andere Faktoren gar keine ideologischen Gründe, sondern simple wirtschaftliche Zwänge.

    Da ist es eher erstaunlich festzustellen, wie die heutige Bundesrepublik auf einmal unter ähnlichen wirtschaftlichen Zwängen agiert. Na so was? Regiert vielleicht die Linkspartei? Tut sie nicht.

    Deswegen stimmt diese Aussage zur Beschreibung der Unterschiede noch eher: „Auch die gewaltigen Umbrüche, die vor allem die Ostdeutschen nach dem Fall der Mauer erlebten, hinterlassen nach wie vor ihre Spuren.“

    Der Osten war nun mal die Region, die ab 1990 die größte Transformation (samt Verlust von Wirtschaftskraft und Arbeitskräften) hindeichseln musste. Und die schöne Botschaft an alle Brüder und Schwestern in Berlin und anderswo: Die Mauer ist weg. Und der Transformationsprozess, den auch Helmut Kohl 1990 noch glaubte, auf den Osten beschränken zu können, hat seit 1998 allmählich und in letzter Zeit immer stärker auch den Westen erfasst.

    Deswegen unterschreiben wir auch das simple Fazit von Reiner Klingholz nicht: „Einheit ist eben kein politischer Willensakt, sondern ein langsamer Prozess, der mindestens noch eine Generation dauert.“

    Quatsch mit Soße. Auch in ein oder zwei oder drei Generationen wird der Osten noch klar unterschieden sein von einigen Regionen im Westen. Er wird sogar noch ganz anders verschieden sein, als es sich die diversen Spätromantiker so denken, viel mehr Transitregion sein als heute, noch viel mehr Experimentierlabor für neue demografische Experimente. Denn nichts anderes ist da am 1. Juli 1990 gestartet. Und nichts ist so närrisch wie diese von Instituten und Medien verbreitete Hoffnung, irgendwann würde der Osten genauso wie der Westen sein. Das war schon 1990 eine Horrorvorstellung. Und die frohe Botschaft ist: Es wird niemals so sein.

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ