Wie kommt es eigentlich, dass Leipzig und Dresden im Feld nach vorne preschen?

"Nur noch München und Stuttgart vor Dresden: Großstadtranking der SGB II-Quoten (Hartz IV)". Da staunt auch Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ). Geht's Dresden wirklich so gut? Oder gar Leipzig, das sich in dieser Statistik ebenfalls unaufhörlich nach oben arbeitet? Der letzte Platz in diesem "Ranking" ist schon seit 2006 Geschichte.
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Aber Statistiken zeigen immer nur einen Ausschnitt. Selten verraten sie, warum die Dinge so geschehen. In anderen Zeiten hätte man durchaus vermuten können, die Aufholer-Städte würden in wahnsinniger Eile ihren Reichtum vermehren, die Löhne würden überdurchschnittlich steigen und die ehemaligen „Armutshauptstädte“ würden sich zu neuen „Boomtowns“ entwickeln. Hatten wir alles schon. Stimmt aber alles nicht.

Nur der Effekt ist unübersehbar: „In den Jahren 2006 bis 2009 belegte Dresden (Sachsen) im Vergleich der jahresdurchschnittlichen SGB II-Quoten (Anteil der Bevölkerung im Alter von 0 bis zur gesetzlichen Regelaltersgrenze) Rang  9  unter den 15 Großstädten mit einer Bevölkerung von über 400.000. Nach 2009 stieg Dresden in diesem Großstadtranking der SGB II-Quoten (Hartz IV) „unaufhaltsam“ auf Rang 3. Lediglich in den beiden „unerreichbaren“ Großstädten München (seit  Einführung von Hartz IV immer Rang 1) und Stuttgart (seit Einführung von Hartz IV immer Rang 2) wurde in diesem BIAJ-Großstadtvergleich eine geringere SGB II-Quote ermittelt als in Dresden“, schreibt Schröder und hat auch gleich noch die entsprechenden Grafiken gemalt, die wie Platzierungen in einer Bundesligatabelle aussehen.

„Zu den Aufsteigern in diesem Großstadtranking der SGB II-Quoten gehört auch Leipzig (ebenfalls Sachsen): Im ersten Jahr nach Einführung von Hartz IV (2005) noch auf dem letzten Rang (Rang 15) belegt die Stadt Leipzig seit 2014 Rang 10 vor der Freien Hansestadt Bremen auf Rang 11. So wie für die Stadt Dresden Rang 2 ‚unerreichbar‘ ist, ist dies für die Stadt Leipzig der Rang 9, den seit 2010 die Stadt Köln belegt“, stellt Schröder fest. „Ganz anders stellt sich dies (neben der Region Hannover) insbesondere für die Stadt Essen (Nordrhein-Westfalen) dar: 2006 im Großstadtranking der SGB II-Quoten noch direkt hinter Dresden auf Rang  10, sank Essen bis 2012 auf Rang 14 unter den 15 Großstädten. Diesen Rang 14 hat Essen nach 2012 nicht wieder verlassen. Und: Der Abstand der SGB II-Quote der Stadt Essen zu der SGB II-Quote der Bundeshauptstadt Berlin (seit 2006 immer Rang 15) hat sich auch nach 2012 weiter deutlich verkürzt.“

Heißt im Klartext: Auch Berlin wird in den nächsten Jahren den Marsch auf vordere Tabellenplätze beginnen.

Aber der Grund liegt nicht wirklich im Reichtum des Ostens begründet. Tatsächlich sind die SGB-II-Quoten im Osten sogar für die hiesigen Verhältnisse noch zu hoch. Darüber haben wir oft genug berichtet. Das liegt schlicht daran, dass für die meisten Menschen in „Hartz IV“ der Status abseits des Arbeitsmarktes mittlerweile manifest ist. Sie haben kaum Chancen, am Aufschwung des Arbeitsmarktes teilzunehmen, weil ihnen oft die Qualifikationen fehlen, oft sind sie aber auch schon zu alt, gesundheitlich beeinträchtigt oder völlig demotiviert.

Und die drei ostdeutschen Städte im Ranking (Berlin, Dresden und Leipzig) profitieren vor allem von der starken Zuwanderung junger, gut ausgebildeter Fachkräfte, die bei den vorhandenen Unternehmen mit Handkuss genommen werden. Der Hunger nach Fachkräften ist da. Das ist der Hauptgrund, warum die SGB-II-Quoten in den drei genannten Städten parallel mit der Arbeitslosenquote sinken. Gleichzeitig sorgen natürlich die steigenden Bevölkerungszahlen auch dafür, dass der prozentuale Anteil der „Hartz IV“-Empfänger sinkt.

Den größten rechnerischen „Gewinn“ des zunehmenden Nachwuchsmangels (und um den geht es im Osten vor allem), haben die Landkreise, die oft genug nur noch halb so hohe Arbeitslosen- und SGB-II-Quoten wie die Großstädte haben. Was in der Folge natürlich bedeutet, dass die Unternehmen in den ländlichen Regionen die ersten sein werden, die keinen Nachwuchs mehr finden.

Was Paul M. Schröder da auflistet, ist also eher ein indirekter Effekt, auch wenn die ostdeutsche Wirtschaft in Teilen seit 2010 tatsächlich etwas Tritt gefasst hat und auch wieder mehr Arbeitsplätze bereitstellt.

Aber Hauptgrund für die etwas stärker sinkenden SGB-II-Quoten in den drei ostdeutschen Großstädten ist und bleibt der wachsende Fachkräftemangel, der sie einerseits zu Jobmotoren macht, andererseits die Abwanderung aus den ländlichen Regionen am Laufen hält. Das sieht dann zwar bei den Bevölkerungszahlen schön aus, tut den Landkreisen ringsum aber gar nicht gut.

FachkräftemangelDemografieHartz IVBIAJ
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