Warum gehen die Prognosen der Leipziger Bevölkerungszahlen derart heftig auseinander, wie das jetzt in der Vorausschätzung des Statistischen Landesamtes und des Leipziger Amtes für Statistik und Wahlen für Leipzig der Fall ist? Ein Grund ist unübersehbar der Wunsch, die zunehmende Metropolisierung in Deutschland einfach auszublenden. Sie läuft trotzdem mit unübersehbarer Kraft ab. Und wird Leipzig zur 700.000-Einwohner-Stadt machen.

Ob das nun schon 2024 so sein wird oder erst nach 2030 ist zwar nicht egal, aber eher zweitrangig. Denn hier kollidieren die Philosophien der verwendeten Modelle. Und auch wenn Sachsens Regierung vielleicht nicht ihren stillen Wunsch in die Prognose hat einfließen lassen, die Abwanderung aus den ländlichen Regionen in die Großstädte möge nicht so stark ausfallen, so versuchen die Kamenzer Landesstatistiker trotzdem, die Entwicklung der Bevölkerung mit einem lokalen Bezugsrahmen zu erklären.

Das klappt aber nicht mehr, denn Menschen sind mit den neuen Formen des Arbeitens wesentlich mobiler geworden. Mobiler und flexibler. Und mit ihnen wurden die Arbeitsplätze mobil, entwickelten sich völlig neue Arbeits- und Lebensmodelle. Und die sind allesamt auf die dichten Strukturen großer Städte angewiesen. Woanders funktionieren sie einfach nicht.

Deswegen ist der Versuch der Kamenzer Statistiker, für Leipzig und Dresden nach 2020 wieder einen Bevölkerungsrückgang zu prognostizieren, eher ein Witz. Geschuldet den alten Rechenmodellen (die auch das Bundesamt für Statistik noch benutzt), die Wachstumsprognosen auf Landesgrenzen zu beschränken versuchen.

Womit sie auch zum Abbild deutscher konservativer Wunschpolitik werden, die gern versucht, aus der Bundesrepublik ein sehr statisches und abgeschlossenes Gebilde zu machen. Konservative Politik hat eine tief sitzende Abneigung dagegen, ein Land als offen zu denken und als Teil eines großen Mobilitätszyklus zu begreifen, in dem ganze Scharen von Menschen auf der Suche nach dem richtigen Job, der richtigen Ausbildung, dem richtigen Ort zum Leben unterwegs sind. Und wo es egal ist, ob der gesuchte Ort im selben Land oder auch nur auf demselben Kontinent liegt.

Dieser Drang in die Metropolen ist weltweit im Gange. Nur in der Bundesrepublik versuchen ganze Parteien noch immer, das Land wie ein abgeschlossenes Gefäß zu betrachten, in dem Städte nur für ihre zugehörenden Länder eine Rolle spielen.

Aber die Wanderungszahlen für Leipzig sprechen eine andere Sprache.

Und viel spricht dafür, dass vielleicht die Zuwanderungszahlen im Lauf der Zeit etwas zurückgehen, dass aber die Abwanderungszahlen noch lange Zeit unter den Zuwanderungszahlen liegen. Dass Leipzig im Jahr 2015 um rund 16.000 Einwohner wuchs, lag ja vor allem an der riesigen Zuwandererzahl von 41.000 und der Abwanderung von nur 24.000 Menschen. Die Stadt hat einen gewissen Klebeeffekt: Wer hier nach Studium und Ausbildung eine Arbeit findet und eine Familie gegründet hat, bleibt in der Regel da.

Die Fachleute streiten sich (zumindest in dem von Leipzig beauftragten Expertengremium) eher darüber, wie groß der Wanderungsüberschuss in den nächsten Jahren ist, ob er bei über 10.000 im Jahr bleibt, oder ob er auf 8.000 oder 5.000 zurückgeht.

Keinen Zweifel gibt es aber darüber, dass Leipzig vor allem aufgrund des Wanderungsüberschusses weiter wächst. Auch nach 2020. Und damit steht die Leipziger Prognose in vollem Gegensatz zur Landesprognose, die nach 2020 eine Stagnation in Leipzig sieht.

Aber wenn Leipzig auch in den nächsten 15 Jahren jedes Jahr um die 10.000 Einwohner als Wanderungsgewinn verbucht, dann bedeutet das ganz zwangsläufig, dass Leipzig bis 2030 satte 150.000 Einwohner mehr verbucht als 2015.

Weil aber nach 2020 natürlich alle Prognosen immer unsicherer werden, hat die beauftragte Expertengruppe wieder drei Szenarien ausgerechnet.

Das niedrigste Szenarium sieht bis zum Jahr 2030 einen Anstieg der Leipziger Bevölkerungszahl auf 675.000.

In der mittleren Variante wächst Leipzig bis 2030 auf 720.000 Einwohner.

In der optimistischsten Variante könnte die Bevölkerungszahl aber auch auf 770.000 wachsen.

Das klingt alles mächtig gewaltig. Aber man darf nicht vergessen, dass Leipzig schon einmal über 700.000 Einwohner hatte. Das war 1933 mit 713.000 Einwohnern. Und das auf einem viel kleineren Stadtgebiet, halb so groß wie heute. Wobei man auch nicht vergessen darf: Damals lebten wesentlich mehr Menschen in einer Wohnung, die Familien waren wesentlich kinderreicher. Von den 770.000 muss man eigentlich deshalb die 1999 und 2000 eingemeindeten 70.000 Einwohner abziehen, dann hätte man mit diesen 770.000 Einwohnern so ziemlich das Einwohnerniveau von 1933 wieder erreicht.

Das Niveau von 1989 erreicht Leipzig übrigens auch erst wieder, wenn es offiziell die 600.000-Einwohner-Marke erreicht, denn 1989 hatte Leipzig noch 530.000 Einwohner im damals kleineren Stadtgebiet. Trotzdem ist Oberbürgermeister Burkard Jung von den Zahlen aufs Höchste alarmiert. Denn von seinen Finanzen und Steuereinnahmen ist Leipzig auf so ein Wachstum überhaupt nicht eingerichtet.

Was das Wachstum an Leipzig für Herausforderungen stellt, das listen wir gleich an dieser Stelle mal auf.

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