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Wer Ungleichheit predigt, zerstört die Wachstumsgrundlagen der Gesellschaft

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    Am Montag gab es zwei Meldungen, die so hübsch nebeneinander her schwammen wie ein Schwan und eine Stockente. Das Bundesamt für Statistik meldete „8,0 Millionen Empfängerinnen und Empfänger von sozialer Mindestsicherung am Jahresende 2015“. Jeder zehnte Deutsche ist also auf staatliche Mindestsicherung angewiesen. Und die Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte eine Studie: „Zunehmende Ungleichheit verringert langfristig Wachstum“.

    Die Meldung des Statistischen Bundesamtes hat ja die zunehmende Ungleichheit belegt: Waren 2014 noch 9,1 Prozent der Bundesbürger auf staatliche Hilfe angewiesen, waren es schon ein Jahr später 9,7 Prozent. Was die Debatte natürlich bestätigt: Arm und Reich driften in Deutschland immer weiter auseinander. Und trotz steigender Beschäftigung und Mindestlohn ist der Anteil der Bedürftigen gestiegen.

    Die Friedrich-Ebert-Stiftung wollte nun einmal wissen, ob das auch wirtschaftliche Auswirkungen hat und hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin damit beauftragt, das einmal auszurechnen. Was dieses auch gemacht hat – mit Einschränkungen.

    Denn auch das DIW ist schon längst auf einer neoliberalen Interpretationsschiene. Deswegen kommen viele Fakten, die die „Wirtschaftskraft“ Mensch beschreiben, in den Berechnungen des DIW nicht vor. Dort gibt es nur ein Modell des Menschen, der seine Produktivkraft selbst optimiert, sich qualifiziert und fit hält, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

    Stichwort: Humankapital.

    Der Mensch betrachtet sich selbst als Produktivkapital, das es möglicht zu mehren gilt. Was dann vor allem frühzeitig Investitionen in Bildung, Qualifikation und Karriere bedeutet. Wer mit einem hohen Kapital startet und entsprechend viel investiert, erreicht nicht nur höher dotierte und irgendwie produktivere Positionen, sondern hat auch wieder mehr Geld zur Verfügung, um immer weiter in Konsum, Produktivität, Fitness und Qualifizierung zu investieren.

    Was zumindest ein Seitenlicht auf die Tatsache wirft, dass hohes Einkommen und hohe Umsätze gern mit Produktivität verwechselt werden. Wenn man diese Denkweise zu Ende denkt, ist ein Bankmanager, der mit hochriskanten Finanzprodukten gewaltige Umsätze macht, ein hochproduktiver Mann. Ein armes Schwein aber, dem frühzeitig das Geld fehlt, eine höhere Qualifikation und einen hochdotierten Job zu erlangen, der kann sein Leben lang rabotten und seine Arbeitszeitleistung ins Gigantische steigern – aus Sicht der DIW-Betrachtung bleibt er höchst unproduktiv. Und da er sich nichts leisten kann und kein Geld hat, um weiter zu investieren, mindert das in der Konsequenz auch die Wirtschaftsleistung des Landes.

    Das klingt dann in der Kurzfassung der DIW-Studie so: „Kontrafaktische Simulationen des Modells für die deutsche Volkswirtschaft zeigen, dass der Anstieg der Ungleichheit in Deutschland zwischen 1991 und 2015 die wirtschaftliche Entwicklung merklich gedämpft haben dürfte. Wäre die Einkommensungleichheit gemessen am Gini-Koeffizienten der Nettohaushaltseinkommen auf ihrem Niveau des Jahres 1991 geblieben, so hätte das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2015 um 40 Milliarden Euro höher gelegen als tatsächlich beobachtet. Die Modellergebnisse legen mithin nahe, dass das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der deutschen Vereinigung um jahresdurchschnittlich gut einen halben Zehntel-Prozentpunkt niedriger ausgefallen ist als es bei gleichbleibender Einkommensverteilung gewesen wäre. Dabei sind gerade in den vergangenen Jahren die Auswirkungen der vor allem seit der Jahrtausendwende merklich gestiegenen Ungleichheit erkennbar, denn insbesondere der in quantitativer Hinsicht bedeutende Humankapitalkanal wirkt sich erst mit einiger Verzögerung negativ auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung aus. Trotz der in den vergangenen Jahren recht stabil gebliebenen Einkommensverteilung dürfte dies den Simulationsergebnissen zufolge auch in den kommenden Jahren noch eine Wachstumsminderung nach sich ziehen.“

    Das bereiten wir jetzt mal nicht so scheinwissenschaftlich wie „Spiegel Online“ auf. Vor allem weil die meisten dieser Kurven nur auf Annäherungen beruhen, wesentlich stärker wirksame Faktoren aber völlig ausblenden. Da geht es nämlich nicht nur um halbe Zehntelprozente, sondern um ganze.

    Schon wenn man allein die oben genannte Zahl nimmt: Fast acht Millionen Menschen, die zur Abdeckung ihrer simplen Lebensbedürfnisse staatliche Beihilfe brauchen. Ein Zehntel der Gesellschaft, das im Grunde kein Geld zur Verfügung hat, um in irgendetwas zu investieren – sei es die eigene Bildung, den eigenen Hausrat, die Bildung der Kinder oder vielleicht eine Geschäftsidee. Denn – nur so am Rande: Auch der Rückgang von Unternehmensgründungen hat damit zu tun, dass mindestens ein ganzes Zehntel der Gesellschaft kein Geld hat, um es in kluge Zukunftsideen zu stecken.

    Wobei die Zahlen der Sozialtransfers ja noch nicht beschreiben, wie viele Menschen gerade so über die Runden kommen, ohne um Hilfe bitten zu müssen.

    Die DIW-Studie nennt 40 Milliarden Euro als mögliche Differenz in der Gesamtwirtschaft. Aber das auch erst für das letzte Jahr. Aber wie viel „Produktivität“ haben eigentlich erst all die „Arbeitsmarktreformen“ seit Gerhard Schröder gekostet? Und wie viel Produktivität haben die Reformen nach 1990 im Osten eigentlich vernichtet? Wie viel „Produktivität“ wird einfach unentlohnt abgeschöpft, seit unbezahlte Praktika und Probezeiten zum Normalzustand in Deutschland geworden sind?

    Und da ist dann noch die Frage: Wie wirkt sich eigentlich das Vorhandensein ganzer gesellschaftlicher Bereiche aus, die von der Beteiligung an hoher Produktivität und hohen Einkommen auch 1990 schon ausgeschlossen waren? Denn die Verarmung weiter Bevölkerungsteile hat ja nicht erst 1990 begonnen. Die 40 Milliarden Euro beschreiben ja nur den Produktivitätsverlust, der seitdem obendrauf kam.

    Aber zumindest macht die ganze Rechnerei deutlich, dass ein Land sein wirtschaftliches Fundament zerstört, je mehr Menschen es in die Bedürftigkeit abschiebt. Denn was die DIW-Studie nur indirekt feststellt, ist die simple Tastsache, dass nicht das Geld und nicht irgendwelche Rohstoffe die Produktivität einer Gesellschaft ausmachen, sondern qualifizierte Menschen, die auch bezahlt werden für all die Leistungen, die sie der Gesellschaft erbringen. Die DIW-Berechnung zeigt, wie man menschliche Produktivität langfristig einfach entwerten und zerstören kann.

    Der so sehr aufs Aussortieren fixierte Neoliberalismus zerstört seine eigene Grundlage.

    Oder in der DIW-Formulierung: „Die Simulationen weisen darauf hin, dass der in quantitativer Hinsicht bedeutendste Mechanismus, über den die Ungleichheit auf das Wirtschaftswachstum wirkt, der Humankapitalkanal ist, dessen Wirkungsverzögerung erheblich ist. Vor diesem Hintergrund sind politische Maßnahmen von umso größerer Bedeutung, die geeignet sind, die Chancengleichheit und Durchlässigkeit im Bildungssystem zu verbessern.“

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    2 KOMMENTARE

    1. Sehr guter Artikel.
      Und eigentlich legen die Statistiken und Untersuchungen nur das offen, was Lieschen Müller auch ohne komplexes Zahlenwerk anhand gesunden Menschenverstandes herzuleiten wusste…und – eine für mich drängende Frage – was wird sich ändern? Wer kann etwas ändern?

    2. Humankapital ist ein geiles Wort. Gleichzeitig ekelhaft und zutreffend und beschreibt mit einem Wort den Zustand unserer Gesellschaft. Schon irgendwie widerlich.

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