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Der Versuch des Berlin-Instituts, sich vom blinden Wachstums-Denken ein bisschen zu lösen

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    Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat sich, als es 2000 gegründet wurde, ein nicht ganz unwichtiges Hauptthema gesetzt: Wie verändern eigentlich die globalen demografischen Veränderungen unsere Welt? Am 29. Juni hat es wieder eine Studie zum Thema veröffentlicht, die deutlich macht, wie sehr eigentlich das heute dominierende Wachstumsdenken mit den Veränderungen menschlicher Gesellschaften kollidiert. Auch wenn es die Autoren so nicht sehen.

    Das Problem, das das Institut beschreiben will: „Das Wirtschaftswachstum der Industrieländer hat sich über die Jahre immer weiter verlangsamt. Dahinter stecken strukturelle Gründe wie der demografische Wandel oder eine wachsende Ungleichheit in vielen Staaten. Aus diesem Grund täten die Länder gut daran, sich rechtzeitig auf ein mögliches Ausklingen des Wachstums vorzubereiten.“

    Nur: Die vom unbedingten Wachstumsdenken beherrschten westlichen Gesellschaften können sich ein Wirtschaftsmodell ohne permanentes Wirtschaftswachstum nicht vorstellen. Oder etwas anders formuliert: Die maßgeblichen Ökonomen können es nicht – und da die zuständige Politik sich von diesen Leuten beraten lässt, gibt es praktisch keine Idee, wie man aus dem Teufelskreislauf von „Wachstum um jeden Preis“ aussteigen kann.

    „Wachstum ist das große Ziel – auf internationalen Gipfeln, in den Wirtschaftswissenschaften, im Grundgesetz oder in den Wahlprogrammen nahezu aller Parteien“, stellt denn auch das Institut in seiner Meldung zur Studie fest.

    „Doch ein Wachstum, das den Menschen dient, lässt sich zunehmend schwieriger erreichen“, meint Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

    Und dann macht das Institut deutlich, dass es selbst in dieser Denkfalle sitzt. Denn: In allen Industrienationen habe sich dieses (Wirtschafts-)Wachstum in der Vergangenheit bereits erheblich reduziert. Zum Beispiel in Deutschland: Dort lag das jährliche Wachstum im Mittel der 1950er Jahre noch bei rund acht Prozent; es halbierte sich in den 1960ern und erreichte im Mittel der Jahre 2011 bis 2016 nur noch rund eineinhalb Prozent. Auch die ersten Schwellenländer folgen längst diesem Abwärtstrend.

    Was ein simpler Denkfehler ist. Einfache Prozentrechnung. Je geringer die Wirtschaftskraft eines Landes am Startpunkt ist, umso höher sind in den ersten Jahren logischerweise die Wachstumsraten. Dass (West-)Deutschland in den 1950er Jahren („Wirtschaftswunder“) zweistellige Wachstumsraten erreichte, hat schlicht damit zu tun, dass die Industrie nach Kriegsende am Boden lag und die Wirtschaft, die Städte, die Infrastrukturen erst einmal wieder aufgebaut und in Schwung gebracht werden mussten.

    Wenn eine Wirtschaft dann aber sogar fast Vollbeschäftigung erreicht, der Export boomt und ein gehobener Wohlstand für Viele erreicht ist, ist das Erzeugen zweistelliger Wachstumsraten fast unmöglich. Selbst wenn sich der BIP-Austoß der Wirtschaft immerfort im hohen Milliardenbereich bewegt, wird sich der Zuwachs im Vergleich mit einem sowieso schon höheren Grundsockel prozentual immer weiter verringern. Was anfangs vielleicht noch 10 Prozent entsprach, bedeutet zehn Jahre später noch 5 Prozent, 20 Jahre später vielleicht noch 2,5 Prozent.

    Das heißt: Selbst wenn eine Wirtschaft wie die unsere jedes Jahr in gleicher Größenordnung wächst, sinkt das prozentuale Wachstum ab.

    Für entwickelte Gesellschaften sind 1 bis 1,5 Prozent BIP-Wachstum keine Katastrophe, sondern der Normalzustand. Und man darf auch eines nicht vergessen: Nicht jedes BIP-Wachstum ist auch echtes, belastbares Wirtschaftswachstum. Man denke nur an die oft genug sehr fragwürdigen Geschäftsmodelle mancher Großbanken in den vergangenen Jahren.

    Deswegen ist auch Klingholz’ Verweis auf ein „Wachstum, das den Menschen dient“, falsch.

    Denn ein solches wird in keinem einzigen Land der Welt gemessen. Gemessen wird nur der Wirtschaftsumsatz, egal, ob er den Menschen dient, aus faulen Wertanlagen, Atombomben oder zerstörter Ackerkrume besteht.

    Logisch, dass das eher Leute wie den amerikanischen Harvard-Professor Lawrence Summers, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, besorgt, der vor diesem Hintergrund von einer „säkularen Stagnation“ spricht – „von einer Wirtschaftsschwäche, die über einen sehr langen Zeitraum anhält.“

    „Denn die wichtigsten Wachstumstreiber der Vergangenheit verlieren an Dynamik: Das Bevölkerungswachstum klingt aus, die Gesellschaften altern und die Produktivität erhöht sich trotz digitaler Revolution immer langsamer“, beschreibt das Berlin-Institut die etablierte und sehr eng fokussierte Sicht auf „Wachstum“. „Die Konsummöglichkeiten der unteren Einkommensschichten nehmen aufgrund steigender sozialer Ungleichheit ab und ökologische Schäden wirken zunehmend bremsend auf die wirtschaftliche Entwicklung.“

    Es gibt auch jenseits der etablierten Lehrstühle Wirtschaftstheorien, die genau diese Haltung kritisieren. Und auch für falsch halten. Denn „Konsummöglichkeiten der unteren Einkommensschichten“ nehmen nicht aufgrund „steigender sozialer Ungleichheit“ ab. Als wenn das ein Faktum wäre, das über der menschlichen Gesellschaft liegt: Die soziale Ungleichheit steigt, weil den unteren Einkommensschichten die Einkommen immer weiter gedrückt wurden. Aber sinkender Konsum bedeutet gleichzeitig auch wieder weniger Wachstum. Und es bedeutet Umverteilung der erwirtschafteten Gelder hin in Bereiche, in denen sie nicht mehr produktiv eingesetzt werden – in riesige Aktienfonds zum Beispiel.

    „Politiker und Zentralbanken versuchen diese strukturell bedingte Wachstumsverlangsamung mit den klassischen Instrumenten der Konjunkturpolitik zu bekämpfen – mit staatlich geförderten Investitionsprogrammen oder niedrigen Zinsen“, erklärt Klingholz. „Konjunkturpolitik kann aber strukturelle Probleme gar nicht bekämpfen. In der Folge steigen lediglich die weltweiten Schulden.“

    Das Problem dabei ist, dass sich Staat, Wirtschaft und Gesellschaft lange Zeit auf ein beständiges Wachstum eingerichtet haben. Klingholz: „In unserer heutigen Organisationsform ist der Staat auf Wirtschaftswachstum angewiesen, um seine Schulden bedienen zu können oder um leistungsfähige Sozialsysteme für eine alternde Gesellschaft zu erhalten.“

    Auch die Wirtschaft sei abhängig von Wachstum.

    Ohne Wachstum sinken die Gewinnaussichten, der Investitionsbedarf gehe zurück und der technische Fortschritt verlangsame sich, versucht das Berlin-Institut das (falsche) Wachstumsbild in seinen Konsequenzen zu beschreiben. „Dann drohen massive Jobverluste. Wachsende Arbeitslosigkeit und eine erlahmende Wirtschaft schließlich könnten das tiefe Vertrauen der Menschen untergraben, dass es ihnen von Generation zu Generation immer besser geht. Demokratien konnten sich einst unter Wachstumsbedingungen stabilisieren, weil es mehr an breite Bevölkerungskreise zu verteilen gab. Bei einer anhaltenden Stagnation stehen sie vor einer ungewohnten Bewährungsprobe.“

    Selbst der Blick auf das Deutschland von heute zeigt, wie falsch dieses Bild ist. Obwohl die Wirtschaft brummt, wird kaum investiert. Unter anderem, weil der Staat massiv auf Einnahmen verzichtet und eine Austeritätspolitik fährt, die ihn als Großinvestor immer wieder ausschaltet. Aber Staat kommt ja in diesen „Wachstumsmodellen“ sowieso nicht vor. Von drohenden massiven Jobverlusten kann derzeit auch keine Rede sein. Im Gegenteil: Es herrscht ein wachsender Mangel an Arbeitskräften. Eben weil sich Gesellschaften viel komplexer austarieren, als es das primitive Wachstumsmodell suggeriert.

    Was das Institut dann daraus ableitet im Vorgriff auf einen möglichen Bevölkerungsrückgang wegen zu geringer Geburtenzahlen liest sich dann so: Dass sich aus der Wachstumsschwäche zumindest eine „ökologische Dividende“ ergibt, weil weniger Güter auf den ersten Blick auch weniger Energie- und Rohstoffverbrauch bedeuten, sei laut Klingholz nicht sicher: „Die Politik könnte mit Konjunkturprogrammen reagieren, die Umwelteffekte außer Acht lassen. Sie könnte Umweltvereinbarungen wie das Pariser Klimaabkommen umgehen, weil sie kurzfristig das Wachstum behindern, oder alte, schädliche Technologien wie die Kohleindustrie wieder zum Einsatz bringen.“

    Unübersehbar: Das Berlin-Institut begreift nicht einmal den ökologischen Umbau einer Gesellschaft als Wachstumsmoment, kann sich auch nicht vorstellen, dass ein nachhaltiger Wirtschaftsumbau nicht nur deutlich mehr „ökologische Dividende“ mit sich bringt als alle Gedankenspielereien mit einem Ausstieg aus dem Klimaabkommen. Unübersehbar: Das alte, schmalspurige Wachstumsmodell ist überhaupt nicht geeignet, den künftigen demografischen und ökologischen Wandel unserer Gesellschaft zu beschreiben.

    Aber so eine Ahnung kommt auch beim Berlin-Institut auf: „Erst wenn Politik und Wirtschaft künftig das Wachstum auf jene Bereiche konzentrieren, die nachweislich zu einer Verbesserung der Umweltsituation beitragen, und gleichzeitig jene Unternehmen vom Markt verschwänden, die für große Umweltschäden verantwortlich sind, hätte säkulare Stagnation unter dem Strich einen ökologischen Nutzen.“

    Das aber geht nur über klare Regularien. Etwas, was es in den herrschenden Ökonomie-Modellen gar nicht geben darf.

    Und dann fegt man den großspurigen Harvard-Professor Lawrence Summers einfach vom Tisch: „Bisher ist unklar, ob es sich bei dem erkennbaren Wachstumsrückgang tatsächlich um eine säkulare Stagnation handelt.“

    Warum zitiert man diesen Mann, der die Deregulierung der Finanzmärkte genauso befürwortete wie den Export von Giftmüll in Entwicklungsländer, dann überhaupt erst? Der Mann gehört eindeutig zum alten, umweltzerstörerischen Wirtschaften. Über ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell, das unsere Lebensgrundlagen als Menschheit erhält, hat er nicht mal nachgedacht.

    Aber mit reiner Profitgier macht man nun einmal keine zukunftsfähige Wirtschaft.

    Was raten dann also die Fährtensucher aus dem Berlin-Institut? „Die betroffenen Länder sollten sich aber auf jeden Fall mit einem ‚Plan B‘ auf eine längerfristige Schwäche vorbereiten und ihre Systeme rechtzeitig von den heutigen Wachstumszwängen befreien – so fordert es das Berlin-Institut. Sie müssen Mittel und Wege für ein Wohlergehen ihrer Bevölkerung bei weniger oder in Abwesenheit von Wachstum finden.“

    Stimmt. So irgendwie zur Hälfte.

    Die andere Hälfte ist falsch. Der Umbau einer Gesellschaft auf eine andere Art des Wirtschaftens darf nicht als sinnfreier „Plan B“ in der Schublade liegen, er muss ganz offensichtlich Plan A sein, der wirklich verfolgt wird. Stichwort: Klimawandel.

    Wir haben überhaupt keine Generation mehr Zeit, unsere Wirtschaftsweise klima- und umweltschonend zu gestalten. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass die bisherige Art des Wirtschaftens auch dazu geführt hat, dass Billionenbeträge virtuellen Geldes um den Erdball rauschen und längst keine Deckung mehr im echten Wirtschaftsleben haben, gigantische Beträge, die ganze Staaten verschlingen oder umpusten können. Geldmengen, die andererseits aber selbst Ergebnis eines Wachstums um jeden Preis sind, nur dass sie immer seltener wieder zurückfließen in die Wirtschaftskreisläufe und damit auch keine wirklich greifbaren Werte mehr erzeugen.

    Vieles an den gegenwärtigen Wachstumsmodellen ist nichts als heiße Luft. So kann das tatsächlich nicht weitergehen. Aber solange die alte Schmalspurökonomie die westlichen Wirtschaften intellektuell dominiert, findet ein wirklich nachhaltiges Wirtschaftsdenken sichtlich keinen Platz. Und alle starren wie hypnotisiert auf die Wachstumszahlen.

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