Wie in Leipzig die Erwerbseinkommen auseinanderklaffen

Für alle LeserEs hat ein bisschen gedauert. Aber es braucht seine Zeit, über 2.500 ausgefüllte Fragebögen zur „Bürgerumfrage 2016“ auszuwerten und daraus dann ein 100 Seiten dickes Berichtsheft zu machen, das auch ein bisschen erklärt, was die teilnehmenden Leipziger eigentlich gesagt haben. Aus Sicht der Stadt eigentlich lauter positive Sachen. Nur der Journalist schaut wieder skeptisch auf die Zahlen.

Sagen die Zahlen wirklich das, was da steht? Oder fehlt was? So, wie Kollege Helge-Heinz Heinker nach den Leipzigern fragte am Montag, 7. August, bei der Vorstellung des Berichts, die eben nicht ihre Fragebögen ausgefüllt haben. Kann es sein, dass gerade die Menschen aus armen und bildungsfernen Haushalten die dicken Fragebögen nicht ausgefüllt und zurückgeschickt haben?

Verzerrt das nicht das Bild?

Was man ja vermuten kann, wenn Einkommensgrenzen und Armutsquoten für Leipzig ermittelt werden. Dass auch andere, gerade jüngere Menschen als „armutsgefährdet“ gelten, wissen wir ja. BaföG und Lehrlingsgeld sind nicht die Welt. Wer noch in Ausbildung ist, lebt knapper, braucht meist noch die finanzielle Unterstützung der Eltern. Aber der empfindet das meist nicht als Armut, sondern als Start in ein Leben, das bald ganz anders aussieht.

Denn mit Mitte 20 kommt man ja in Arbeit. Und wer in Leipzig eine gute Ausbildung hat, kommt auch in eine gut bezahlte Arbeit. Was bis zum 30. Lebensjahr zu einem rasanten Anstieg der persönlichen Nettoeinkommen führt. Zumindest im Median.

Das muss man immer dazusagen. Median ist das mittelste aller ermittelten Einkommen. Das lag bei den 18- bis 21-Jährigen im letzten Jahr bei rund 500 Euro. Schon bei den 26- bis 29-Jährigen hat es sich auf 1.200 Euro mehr als verdoppelt. Man erlebt also den Eintritt ins Berufsleben in Leipzig als eine stetige Verbesserung. Und weil man dann meist auch noch im Job befördert wird, höhergestuft wird oder sich selbst weiterqualifiziert, kommen die mittleren Berufsjahrgänge (43 bis 53 Jahre) auf 1.500 bis 1.600 Euro.

Im Median: Die Hälfte verdient weniger, die andere Hälfte mehr. Am besten verdienen in Leipzig leitende Angestellte und Beamte. Sie stecken meist auch in guten klassischen Tarifverträgen und haben an jedem Verhandlungserfolg der Gewerkschaften teil. Sie kamen 2016 im Median auf 2.337 Euro, 53 Euro mehr als im Vorjahr. Einfache Angestellte und Beamte, Vor- und Facharbeiter mussten sich mit rund 1.400 Euro netto monatlich zufrieden geben. Aber auch sie haben zwischen 40 und 50 Euro mehr netto als noch im Vorjahr.

Das Einkommensniveau in Leipzig steigt also tatsächlich weiter, auch wenn diese Berufsgruppen nicht wirklich die Norm sind.

So seltsam das klingt.

Aber nach wie vor wird das Einkommensniveau in Leipzig von „Ungelernten/Berufsfremden“ geprägt – das klingt nach lauter „Gastarbeitern“, sind aber keine. Denn tausende Leipziger arbeiten notgedrungen in einem Beruf, den sie nicht gelernt haben – oft noch immer in einer prekären Beschäftigungslage.

Das Muster, mit dem Leipzigs Statistiker die Einkommen abfragen, stammt sichtlich noch aus einem ganz anderen Zeitalter und bildet die ganzen raffinierten Beschäftigungsverhältnisse, die in den vergangenen 20 Jahren eingeführt wurden, nicht ab.

Es ist die Arbeitswelt der heutigen Senioren. Die mit 1.134 Euro im Schnitt eine recht auskömmliche Rente haben. Auch sie haben mehr bekommen als noch im Vorjahr. Noch dominieren die Rentnerjahrgänge, die in der DDR eine ungebrochene Berufslaufbahn hinter sich gebracht haben.

Die Jüngeren, denen gebrochene Berufskarrieren auch eine zerbrochene Rente bescheren, die kommen jetzt erst langsam ins Rentenalter. Der Bericht enthält einige sehr deutliche Grafiken, die zeigen, wie bei den 53-Jährigen das Einkommen deutlich abbricht. Deswegen war Statistikerin Andrea Schultz auch überrascht, dass sich die 42- bis 53-Jährigen bei den Einkommen so erstaunlich betrappelt haben. „Sie haben eindeutig von der Beschäftigungsentwicklung profitiert.“

Und auch bei den über 53-Jährigen hat sich der Einkommensmedian deutlich erhöht. Was aber eben nicht heißt, dass die Leute heute mit Goldködern gefangen werden, sondern dass sie – was bis 2010 schlicht nicht die Regel war – heute in ihrem Betrieb und ihrem Beruf gehalten werden. Sie behalten also Job und Einkommen.

Was aber die Zerstörungen der frühen „Hartz IV“-Ära nicht beseitigt. Denn wer vor Jahren in die Spirale Jobcenter/prekäre Beschäftigung geriet, der kommt trotz aller Arbeitsmarktbelebung nicht wieder raus. Deswegen fallen die 53- bis 60-Jährigen auch heute noch als besonders armutsgefährdete Kohorte auf. Bis fast auf 30 Prozent schnellt die Armutsgefährdungsquote bei ihnen hinauf, wo sie bei den 50- bis 53-Jährigen nur bei 10 Prozent liegt.

Der Leipziger Durchschnitt der Armutsgefährdung lag 2016 bei 16,9 Prozent. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Wo liegt er wirklich, wenn sich gerade Menschen mit niedrigen Einkommen nicht an der Umfrage beteiligen?

Im Bundesvergleich liegt Leipzigs Armutsgefährdungsquote übrigens bei 25 Prozent. Man könne München und seine Preise zwar nicht mit Leipzig vergleichen, sagt Ulrich Hörning, Bürgermeister und Beigeordneter für Allgemeine Verwaltung. Aber man darf auch nicht vergessen, dass zum Beispiel das Leipziger Mietniveau auch deshalb so niedrig ist, weil die meisten Leipziger nach wie vor eben auch im Bundesvergleich niedrige Einkommen haben.

Da spielt es schon eine Rolle, wenn man in einem „ungelernten Beruf“ nur 980 Euro netto zur Verfügung hat (15 Euro weniger als 2015). Es ist deutlich sichtbar, wo die Leipziger Einkommensentwicklung nach wie vor gebremst wird und warum das Leipziger Nettoeinkommen im Median mit 1.280 Euro zwar 26 Euro höher liegt als im Vorjahr – aber nicht alle etwas von der Lohnentwicklung gehabt haben. An dieser Stelle klafft die Schere auseinander.

Kommen wir also im nächsten Teil zu den Mieten.

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BürgerumfrageArmutsgefährdung
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