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Bei 3,5 Millionen Übernachtungen liegt garantiert noch nicht die Grenze fürs Leipziger Hotelgewerbe

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    Oft wird ja das Wachstum der Tourismuszahlen in Leipzig mit allerlei mystischen Erklärungen begründet. Als wenn diverse Kampagnen das bewirkten oder besonders gelungene Messeauftritte. Im neuesten Quartalsbericht beschäftigt sich Juliane Superka einmal mit den ganzen Übernachtungszahlen in Leipzig. Und es ist nichts Mystisches dabei. Und auch nichts Rekordverdächtiges.

    Auch wenn die Leipziger Tourismus und Marketing GmbH (LTM) regelmäßig Meldungen fabriziert nach dem Muster „Tourismus in Leipzig: Mit 3,2 Millionen Übernachtungen neuer Gästerekord 2017“. Bei der so gern missbrauchten Vokabel „Rekord“ wird einem schon ganz schwummerig im Kopf. So viel Kraftmeierei, wohl wissend, dass andere Städte in Deutschland spielend mehr Tourismus haben, weil sie viel mehr etablierte Sehenswürdigkeiten haben, viel größer sind oder sowieso schon seit Jahrzehnten einen Spitzenplatz im internationalen Tourismus besetzen.

    Wenn Leipzig einen neuen Höchststand meldet, ist das noch lange kein Rekord.

    Und Berlin wird Leipzig sowieso nie einholen. Berlin ist mit über 30 Millionen Übernachtungen sowieso die einsame Spitze in Deutschland (und muss sich trotzdem hinter Städten wie Paris, Rom, London oder New York anstellen). Und hinter Berlin kommen in Deutschland immer noch Städte wie München und Hamburg mit über 10 Millionen Übernachtungen. Selbst Frankfurt schafft mit seiner Messe über 8 Millionen.

    Und in der Regel kommt dann in einer Liga mit Köln und Düsseldorf, die 4 Millionen Übernachtungen schaffen, schon das mit lauter Schmuckschatullen gespickte Dresden, das Leipzig noch auf Jahre nicht einholen wird. Touristen lieben nun einmal Schlösser, Prunk und Schatzkammern. Alles Dinge, mit denen die Königsstadt Dresden punkten kann – aber nicht Leipzig.

    Aber Superkas Rückblick bis ins Jahr 1997 zeigt: Was heute als „Rekord“ vermeldet wird, hat seinen Anfang in den Jahren, als ein emsiger Schweizer namens Richard Schrumpf in Leipzig erst einmal die Grundlagen für eine internationale Tourismusvermarktung der Stadt Leipzig gelegt hat. Die gab es vorher nicht. Dafür hatte auch kein Mensch einen Nerv. Man darf sich sehr wohl daran erinnern, dass der Großteil der Leipziger Gründerzeit erst um 1996/1998 saniert wurde. Bis dahin sah man überall in der Stadt noch abgerissene Fassaden, Birken in Dachtraufen, Sicherungsgerüste und vernagelte Schaufensterfronten.

    Um zur touristischen Landmarke zu werden, musste Leipzig überhaupt erst einmal wieder präsentabel werden. Und dann musste sich das durch beharrliche Marketingarbeit herumsprechen. 1998 hatte Leipzig gerade einmal 1,25 Millionen Übernachtungen in seinen größeren Hotels und Herbergen (Mindestgröße: 10 Betten).

    1999 erreichte die Stadt ungefähr die Preislage von Münster und Heidelberg mit 1,4 Millionen Übernachtungen. Man muss das einfach mal einordnen. Es gab durchaus eine Menge Leute, die an dieser alten Bürgerstadt, die sich nun seit zehn Jahren versuchte neu zu erfinden, ein Reiseinteresse hatten. Und damit lag Leipzig irgendwo um Rang 20 im innerdeutschen Vergleich.

    In Umfragen rangierten Völkerschlachtdenkmal, Altes Rathaus und Thomaskirche auf Rang 1 bis 3, wenn man die Reisenden nach den Hinguckern fragte. Da war noch kein Wort von der frappierend geschlossenen Gründerzeit oder von der Malerfabrik in der Spinnerei. Kein Mensch sprach von fehlenden Hotelbetten, im Gegenteil: Die Hotelbetreiber wiegten die Köpfe, weil Auslastungen von 30 bis 40 Prozent nicht wirklich lukrativ sind.

    Leipziger Übernachtungszahlen 1997 bis 2017. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen
    Leipziger Übernachtungszahlen 1997 bis 2017. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen

    Mit dem Blick auf die Statistik merkt man erst, was sich alles geändert hat in diesen 20 Jahren. Aber die Grafik zeigt auch, wie diese Entwicklung Stück für Stück ihre Wirkung entfaltete. 2003 wurde die Marke von 1,5 Millionen Übernachtungen übertroffen, 2010 die 2 Millionen, 2013 die 2,5 Millionen, 2017 die 3 Millionen. Womit Leipzig natürlich viele Plätze nach vorn gekommen ist und sich unter den 10 beliebtesten Städten platziert hat – in der Nähe von Städten wie Nürnberg und Stuttgart, die freilich genauso wie Frankfurt und München und Köln auch starke Messestädte sind.

    Die Übernachtungsstatistik verrät ja nicht, ob man es nun wirklich mit einem Städtetouristen oder einem Messebesucher, mit einen Gast beim Bachfest, einem Kongressteilnehmer oder einem Besucher des Weihnachtsmarktes zu tun hat.

    Dass einige Leipziger Feste durchaus eine Rolle spielen könnten, zeigen zumindest Spitzenmonate wie Juni und Juli, wenn besonders viele ausländische Gäste in der Stadt sind. Das könnte durchaus mit dem beliebten Wave Gotic Festival zu tun haben, vermutet Peter Dütthorn, der amtierende Leiter im Amt für Statistik und Wahlen.

    Aber es könnte genauso gut mit der zunehmenden Attraktivität des Bachfestes zu tun haben. Denn mittlerweile steigen auch wieder die Gästezahlen aus den USA. Mit über 26.000 Ankünften hat die Zahl der USA-Bürger 2017 um satte 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr wieder zugenommen. Deutlich gestiegen aber sind auch die Besucherzahlen aus Polen (+ 27 Prozent), Frankreich und Italien (beide + 23 Prozent).

    Nicht jedes dieser Länder hat eine gezielte Werbekampagne des LTM erlebt. Und trotzdem wird Leipzig für Reisende aus vielen Ländern immer attraktiver, erscheint es also als eine Art Ort, den man mal besucht haben sollte: Aus Großbritannien kommen die Besucher genauso gern wie aus den Niederlanden, der Schweiz und Österreich.

    Man sollte also vorsichtig sein, nur einen Grund für diese Entwicklung zu suchen. Tatsächlich ist die Besucherintensität mittlerweile von Mai bis Oktober hoch – auch in den Saure-Gurken-Sommermonaten, wenn eigentlich kein Musikhaus offen hat und auch kein Festival stattfindet.

    Dass die Entwicklung mit der zunehmenden Etablierung des gesamten Ostens auf den Reisekarten zu tun hat, zeigt auch Superkas Auswertung für die sächsischen Tourismusregionen, die seit 2012 allesamt einen Besucherzuwachs verzeichnen konnten – mit Ausnahme des Sächsischen Elblands und einer leichten Stagnation im Erzgebirge.

    Deutliche Zunahmen in der Fremdenverkehrsintensität verzeichneten vor allem die Sächsische Schweiz (wo besonders viele Übernachtungen auf relativ wenige Einwohner kommen) und in den beiden Großstädten Dresden und Leipzig. Wobei Dresden mit 4,3 Millionen Übernachtungen die einsame Spitze ist. Die Schlösserpracht August des Starken zieht bis heute.

    Die Frage ist eher: Gibt es für Leipzig, das heute hinter Nürnberg und Stuttgart die Nr. 10 in Deutschland ist, ein Maximalmaß, bis zu dem der Tourismus wächst und dann ist finito? Volker Bremer, Geschäftsführer des LTM, spricht ja ab und zu von 3,5 Millionen Übernachtungen. Aber womit begründet er das? Was macht Städte eigentlich für Reisende attraktiv? Sind es wirklich nur Burgen, Schlösser und Kunstkammern?

    Dass den Reisenden die Leipziger Gründerzeit und die kompakte City mit ihrer Aufenthaltsqualität wichtig sind, haben ja nun etwas zurückliegende Umfragen schon ergeben. Beides übrigens auch Attraktoren, die kleine und große Kongresse in Leipzig so interessant machen. Die Frühjahrszahlen der Übernachtungen 2018 deuten darauf hin, dass es viel schneller in Richtung 3,5 Millionen Übernachtungen geht, als sich mancher zu sagen traut. Entsprechend haben Hotels und Gaststätten jetzt schon ihre liebe Not, Personal zu finden.

    Worüber Juliane Superka freilich nicht schreibt. Die Auslastung liegt in den großen Häusern seit Jahren über 50 Prozent. Bachfest, Wave Gotic und Weihnachtsmarkt sorgen in der Regel dafür, dass alle Häuser ausgelastet sind. Und die Bettenzahl ist dabei seit 2007 immerfort gestiegen – von 11.293 auf 16.422 Betten Ende 2017. Und es werden ja noch weitere Hotels gebaut. Da ist noch Luft nach oben. Und man ahnt schon, wie sich bei der Arbeitsagentur die Anfragen nach Hotelfachkräften, Gastronomen und Köchen stapeln werden. Die ersten Suchanzeigen in den Straßenbahnen sind ja schon aufgetaucht. Und wenn sie dort auftauchen, kann man sicher sein, dass der Fachkräftemangel nun auch die Hotelbranche mit voller Wucht erreicht hat.

     

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