Leipzigs Bürgerumfragen sind meist richtig dick. Diesmal wird die Auswertung wohl noch dicker, denn die 22.000 Angeschriebenen erhielten 2017 gleich drei bunte Fragebögen. Deswegen wird es noch über den Sommer dauern, bis der Bericht zur 2017er Bürgerumfrage fertig ist. Ein paar ausgewählte Ergebnisse hat das Amt für Statistik und Wahlen aber jetzt schon mal bekanntgegeben. Eins handelt natürlich von den steigenden Mietkosten in Leipzig.

Es gibt unterschiedlichste Erhebungsmethoden. So kann man die aktuellen Angebotsmieten aus den Online-Mietportalen ermitteln – die weit über dem liegen, was die meisten Leipziger heute zahlen (können). Der Leipziger Mietspiegel erfasst die Mietentwicklungen der vergangenen vier Jahre. Auch das ist also ein begrenzter Blick.

Die Bürgerumfrage aber fragt das ab, was die Leipziger tatsächlich im Schnitt zahlen, egal, wie lange sie in ihrer Wohnung leben.

Die „Bürgerumfrage 2017“ bestätigt nun, was die meisten Leipziger seit 2014 tatsächlich spüren und registrieren: Das allgemeine Mietniveau hat spürbar angezogen.

Verglichen mit Großstädten im Westen sei das Mietniveau zwar immer noch moderat, sagt Planungsbürgermeisterin Dorothee Dubrau. Aber für die Leipziger macht sich jetzt bemerkbar, dass der Wohnungsleerstand in Leipzig rar geworden ist. Mit Hamburg oder Berlin verglichen, ist die Lage noch nicht katastrophal. „Wir reden nicht von Wohnungsnot, sondern von einer angespannten Lage“, sagt Dubrau.

Denn während in westdeutschen Großstädten kaum noch Platz für Neubau ist, ist in Leipzig noch jede Menge Platz. Dumm nur, dass Leipzig in den vergangenen 20 Jahren nie das Geld hatte, große Flächen anzukaufen. Die sind fast alle an diverse Immobilienfonds und Investoren gegangen. Und leider, so Dubrau, bauen die meisten nicht, sondern lassen die Filetgrundstücke liegen oder verkaufen sie weiter und sorgen so für Kostensteigerungen, ohne dass eine einzige Wohnung entstanden ist.

Und was gebaut wird, entsteht fast ausschließlich im Mietpreissegment um 10 Euro. In München oder Frankfurt wären das begehrte und bezahlbare Wohnungen. Dubrau: „Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch das Einkommensniveau noch ein völlig anderes ist.“

Wenn die Leipziger im Schnitt 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete hinblättern, ist das zwar dasselbe Verhältnis wie in westlichen Städten, auch wen sie nur halb so viel bezahlen müssen. „Aber sie behalten auch viel weniger übrig, das sie dann zum Leben verwenden können“, stellt Dubrau fest. „Das ist ein Problem.“

Aber so ganz unvorbereitet ist Leipzig ja nicht in die Situation hineingeraten. Das Wohnungspolitische Konzept wurde schon 2015 beschlossen, als sich die Wohnungsmarktprobleme andeuteten. Seitdem gilt für jeden Bebauungsplan, dass mindestens 30 Prozent der Wohnbebauung im Segment „sozialer Wohnungsbau“ stattfinden müssen. Und der Freistaat hat ja auch 2017 endlich die Förderung für Sozialen Wohnungsbau wieder in Gang gebracht, nachdem die zuständigen Innenminister 20 Jahre lang meinten, das könnten sie sich sparen, und das Geld lieber den reicheren Wohneigentumserwerbern zukommen ließen.

Und wirklich üppig ist die Förderung auch nicht: 20 Millionen Euro bekommt Leipzig jeweils in den Jahren 2017, 2018, 2019. 2017 ist davon natürlich noch keine einzige Wohnung gebaut worden. Vertraglich gebunden hat die Stadt bislang 1.100 geförderte Wohnungen. Und die meisten werden erst 2019 an den Markt kommen. „Übers ganze Stadtgebiet verstreut, wie wir uns das gewünscht haben“, sagt Dubrau. Und dann natürlich zu 6,50 Euro je Quadratmeter – also deutlich über den 5 Euro, die die Durchschnittswohnung noch bis 2013 kostete.

Aber seitdem macht sich der verengte Markt deutlich bemerkbar. Und es macht sich auch bemerkbar, dass einige Leipziger mittlerweile gezwungen sind, die höheren Mieten zu akzeptieren, weil partout keine andere Wohnung zu finden ist – bestenfalls in ganz abgelegenen Plattenbauecken.

Das Ergebnis wurde schon 2014 spürbar, als der Durchschnittswert in der Bürgerumfrage auf 5,38 Euro je Quadratmeter kalt hinaufzog. Mit 5,29 Euro und 5,30 Euro lagen die erfragten Durchschnittsmieten in derselben Dimension.

Aber 2017 gab es unübersehbar den nächsten Sprung, bekamen Leipzigs Statistiker erstmals einen Durchschnittswert von 5,62 Euro.

Leipzig ist also dabei, Dresden beim Mietniveau einzuholen.

Und das macht vor allem denen zu schaffen, die dringend auf zumeist größeren Wohnraum angewiesen sind: junge Familien. Denn die stellen flächendeckend fest, dass es zwar (nicht unbedingt billige) große Wohnungen überall in der Stadt gibt. Aber 3-Zimmer-Wohnungen mit 150 Quadtratmeter in Luxuslage nutzen ihnen nichts. Sie brauchen Wohnungen mit vier bis fünf eher kleineren Zimmern, damit die Kinder ihre eigenen Räume bekommen können.

„Deswegen bereiten wir gerade eine Fachförderrichtlinie zur Schaffung von großen preisgünstigen Wohnungen vor“, sagt Dubrau. Dafür sollen auch die Wohnungsbaufördermittel genutzt werden. Die Zeit drängt. Denn wer in Leipzig keine Wohnung für seine Familie findet, der wandert ab.

Oder verzichtet auf die Kinder. Ein sehr spannender Moment, der zeigt, wie Gier und Geiz dafür sorgen, dass sich die Bürger des ach so wohlhabenden Deutschland mehr Kinder einfach nicht leisten können. Dann bleibt man nämlich in der alten, kleinen Wohnung und verhütet lieber. Die Umzugsabsichten der Leipziger sind seit 2013 denn auch deutlich zurückgegangen.

Denn sie sind ja nicht aus Dideldumdei umgezogen, sondern weil die wachsende Familie mehr Wohnfläche brauchte. 2013 sagten noch 59 Prozent der Befragten, dass sie nicht mehr umziehen wollen, 2017 waren es 66 Prozent. Und dabei blieben immer noch 34 Prozent, die natürlich über einen Umzug nachdachten, weil man Raum für eine wachsende Familie braucht. Ob sie es tun, ist offen.

Es sind immer wieder die jungen Leute, die in Sachsen gegen Betonwände rennen. Nicht nur beim Wohnen.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar