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Quartalsbericht: Wer nicht viel verdient, hat auch in Leipzig eine unzumutbare Mietbelastung

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    Mit einem kniffligen Thema beschäftigt sich Andrea Schultz im neuen Leipziger Quartalsbericht Nr. 2/3 für 2020: Den Leipziger Mietsteigerungen und den Belastungen für die Mieter verschiedener Einkommensgruppen. Denn seit 2014 gehen die Leipziger Mieten in die Höhe und Bestands- und Angebotsmieten klaffen immer weiter auseinander.

    Aber ihr Fazit fällt relativ unspektakulär aus: „Leipzigs Mieten steigen. Die Mietsteigerungen fallen jedoch geringer aus als die Einkommenssteigerungen, und zwar sowohl bei einkommensschwachen als auch bei einkommensstarken Haushalten. Leipziger Haushalte haben somit keinen ,versteckten‘ Einkommensrückgang durch Mietsteigerungen. Dennoch reduzieren die Mietsteigerungen die zur Verfügung stehenden Einkommenszuwächse (nach Mietzahlung), und zwar bei Einkommensschwachen stärker als bei Einkommensstarken. Das verstärkt soziale Unterschiede zwischen den Einkommensgruppen. Im Vergleich mit ähnlich großen deutschen Städten weist Leipzig ein eher geringes Einkommensniveau auf. Die positive Entwicklung im Zeitverlauf führt jedoch nicht dazu, dass die ,Lücke‘ zu einkommensstärkeren Städten geschlossen werden kann. Die Mietkosten fallen auf Ebene der Bestandsmieten im Städtevergleich für Leipziger Mieter/-innen nach wie vor günstig aus, auch bei Berücksichtigung des Einkommensniveaus.“Das klingt so, als wäre alles noch gut. Scheinbar hat sich ja sogar für die Haushalte mit niedrigen Einkommen etwas entspannt, ihre Mietbelastungsquote fiel leicht von 51 auf 46 Prozent.

    Aber in der zeitgleich veröffentlichten „Bürgerumfrage 2019“ wird hier Klartext geschrieben: „In den zurückliegenden 4 Jahren ist die Warmmietbelastung – trotz steigender Mieten – in Leipzig nicht gestiegen. Sie liegt im Mittel bei 30 Prozent, was nach Einschätzung einer Studie dem (Wortlaut) ,maximal zumutbarem‘ entspricht, wobei nicht zwischen den unterschiedlichen Mietbelastungsquoten unterschieden wird. In bestimmten Einkommensgruppen fällt die Warmmietbelastung jedoch deutlich höher aus.“

    „Armutsgefährdete Personen (nach städtischem Median) wenden mit 46 Prozent fast die Hälfte ihres Haushaltseinkommens für das Wohnen auf. Im 4-Jahres-Vergleich ist die Warmmietbelastung für armutsgefährdete Personen zwar leicht gesunken, dennoch liegt sie weit über der allgemein als zumutbar eingeschätzten Grenze. Steigende Mietbelastungen sind lediglich für einkommensreiche Personen feststellbar. Einkommensreiche Leipzigerinnen und Leipziger wenden aktuell 19 Prozent des Haushaltseinkommens für die Warmmiete auf, 2015 lag der Anteil noch bei 16 Prozent.“

    Heißt im Klartext: Die ärmsten Haushalte zahlen noch immer rund die Hälfte ihres verfügbaren Nettoeinkommens für die Miete. Der Rest muss dann zum Leben reichen.

    Warum die Belastungsquote trotzdem sank, wird nicht weiter untersucht. Das kann auch daran liegen, dass sich einige Personen aus dieser niedrigsten Einkommensklasse herausgearbeitet haben – zum Beispiel jetzt Mindestlohn bekommen, womit man in Leipzig schon zur Mittelklasse gehört.

    Aber es gab auch insgesamt Einkommenszuwächse. Davon profit… Nein, das Wort ist hier völlig falsch. Davon bekamen auch die untersten Einkommensgruppen ein bisschen was ab. Denn was Andrea Schultz weiter durchrechnet, ist die Frage, in welchem Maß die unterschiedlichen Einkommensgruppen an den Zuwächsen teilhatten.

    Entwicklung der durchschnittlichen Bruttokaltmiete im Städtevergleich. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht 2/3 2020
    Entwicklung der durchschnittlichen Bruttokaltmiete im Städtevergleich. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht 2/3 2020

    Das Ergebnis ist nur aus Sicht der Gutverdienenden wirklich attraktiv. Andrea Schultz: „Vor Abzug der Miete lag 2009 die ,Einkommenslücke‘ (also die Differenz) zwischen den einkommensstärksten und einkommensschwächsten Mieter/-innen bei 833 Euro und stieg bis 2019 auf 1.239 Euro an. Nach Abzug der Miete standen 2009 den einkommensstarken Leipzigerinnen und Leipzigern 751 Euro mehr zur Verfügung als den einkommensschwächsten Personen; bis 2019 wuchs diese ,Einkommenslücke‘ nach Abzug der Miete auf 1.128 Euro an. Die Schere zwischen einkommensschwachen und einkommensstarken Mieterinnen und Mietern hat sich im Untersuchungszeitraum somit um 49 Prozent (vor Abzug der Miete) bzw. 50 Prozent (nach Abzug der Miete) erhöht.“

    So gesehen ist es ein Glück für Leipzig, dass die Mieten hier nicht parallel zu den Einkommenszuwächsen anstiegen, wie das in anderen deutschen Großstädten der Fall war.

    „Bisher fiel zudem der Anstieg der Mieten in den hier betrachteten vier Jahren in Leipzig eher milde aus. Mit +9 Prozent Mietsteigerung hat sich Leipzig mieterfreundlicher als andere Städte wie z. B. Dresden (+12 Prozent) entwickelt. Im gleichen Zeitintervall stiegen in Leipzig die Einkommen um +18 Prozent, also doppelt so stark wie die Bestandsmieten. Einzig Dresden nimmt mit einem Mietenanstieg von +12 Prozent und einem Einkommenszuwachs von +20 Prozent einen vergleichbaren Pfad. Die anderen Vergleichsstädte nehmen eine mieterunfreundlichere Entwicklung.“

    Aber die Bürgerumfrage zeigt, dass gerade die Leipziger Geringverdiener zunehmend in Angst sind, denn sie haben praktisch keine Möglichkeit mehr, im eng gewordenen Wohnungsmarkt eine andere bezahlbare Wohnung zu finden. Während die Einkommensreichen zu 88 Prozent sagen, sie könnten auch bei einer Mieterhöhung die Miete problemlos weiterzahlen, sagen 76 Prozent der einkommensarmen Haushalte, dass sie es nicht können.

    Was auch mit den 46 Prozent Mietbelastung zu tun hat, denn die bedeuten nun einmal, dass schon ein Teil des Geldes, das eigentlich für die tägliche Versorgung gebraucht wird, für die Miete draufgeht. Da ist kein Spielraum mehr.

    Oder mal so formuliert: Wer in Leipzig gut verdient, lebt in einer völlig anderen Welt als jene Haushalte mit niedrigen Einkommen, die nach wie vor einen Großteil der Stadtgesellschaft ausmachen und Gentrifizierung wirklich als einen Albtraum erleben.

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