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Quartalsbericht 4/2020: Der fehlende Blick für die Bedürfnisse der jungen Familien

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    Es ist schon eine komplizierte Sache mit diesen jungen Familien mit Kindern, die ja ganz offensichtlich Leipzig jedes Jahr zu Hunderten verlassen. Zumindest, wenn man eine Politik macht, der das Wohlergehen großer Immobilienkonzerne wichtiger ist als das der Menschen, die eine bezahlbare Wohnung suchen. In Deutschland liegen die Prioritäten schon seit Jahrzehnten falsch. Und da hilft es vielen leider nicht die Bohne, dass Leipzig eigentlich eine familienfreundliche Stadt ist.

    „Die EU-Kommission hat im Oktober 2020 die Ergebnisse der mittlerweile sechsten Umfrage zur Lebensqualität in europäischen Städten und Stadtregionen veröffentlicht“, gehen Leipzigs Statistiker/-innen zum Beispiel im neuen Quartalsbericht Nr. 4/2020 ein.„Leipzig schneidet unter den 83 Städten und Stadtregionen vor allem hinsichtlich der Zufriedenheit mit der Wohngegend, den kulturellen Einrichtungen, den Grünanlagen und der Luftqualität sehr gut ab. Im Urteil der Einwohnerinnen und Einwohner ist Leipzig die europaweite Nummer zwei als guter Ort für junge Familien mit Kindern. Bei vielen anderen Einschätzungen bewegt sich die Stadt im vorderen Drittel oder im Mittelfeld. Lediglich bei der subjektiven Bewertung der Bezahlbarkeit des ÖPNV belegt Leipzig einen der letzten Plätze.“

    Normalerweise erschrickt ein zuständiger Bürgermeister an so einer Stelle, denn die „subjektive Bewertung der Bezahlbarkeit des ÖPNV“ erzählt zuallererst davon, wie knapp das Geld in den Börsen der Leipziger/-innen noch immer ist. Und zwar zuallererst bei den jüngeren Leipziger/-innen, die die Familiengründung zu stemmen haben.

    Der Kinderbonus

    Davon erzählt selbst der Kinderbonus im ersten Corona-Jahr, wie die Statistiker/-innen feststellen.

    „Eine Analyse der Erwerbstätigenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung liefert Indizien dafür, dass die Wirkung des Kinderbonus auf den privaten Konsum deutlich effektiver war als die temporäre Mehrwertsteuersenkung 2020. Schätzungen zufolge könnte der Effekt pro eingesetztem Euro für den Kinderbonus bis zu doppelt so groß sein wie die Investition in die Mehrwertsteuersenkung. Der Bundestag hat im Juni 2020 ein Konjunkturpaket im Umfang von 130 Mrd. Euro beschlossen. Davon entfielen 20 Mrd. auf die Absenkung der Mehrwertsteuer und 4,3 Mrd. Euro auf die Zahlung des sog. Kinderbonus in Höhe von 300 Euro je Kind“, fassen sie die Studie kurz zusammen.

    „Die Studie liefert Hinweise darauf, dass der Einsatz der Mittel für den Kinderbonus nicht nur besonders effizient, sondern auch hinsichtlich Ihrer Verteilungseffekte zielführender war als die Steuersenkung. Der Bonus erreichte vor allem Haushalte mit niedrigen bis mittleren Einkommen, die durch die Pandemie häufiger vor besondere finanzielle Herausforderungen gestellt wurden.“

    Die Mehrwertsteuersenkung hat kaum jemand wirklich gespürt in seiner Börse, schon gar nicht beim täglichen Einkauf im Discounter, auch wenn die Handelsketten ganze Produktsortimente entsprechend vergünstigt anboten. Aber man kauft nun einmal nicht mehr zum essen und trinken, nur weil man aufgrund der Pandemie zu Hause bleibt. Da, wo man aber extra Geld hätte ausgeben können, waren entweder die Läden und Gaststätten monatelang geschlossen oder man hatte das zusätzliche Geld einfach nicht, weil die Erwerbsmöglichkeiten deutlich eingedampft wurden.

    Entwicklung der Einkommen nach Alter in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2019
    Entwicklung der Einkommen nach Alter in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2019

    Das sind alles Stellen, an denen man merkt, wie wenig Wirtschaftskompetenz die Deutschen alle vier Jahre an die Regierung wählen. Wer kennt noch das Leben mit einem wirklich irdischen Gehalt in Leipzig, wenn einer im Parteiapparat seit Jahren lebt und die Praxis vielleicht mal an einem Sozialen Tag beschnuppert?

    Über den Beitrag zu Armut und Reichtum im Quartalsbericht haben wir ja schon berichtet. Aber wir greifen hier noch einmal einen Aspekt heraus.

    Niedriger Median gleich weniger Armut?

    Auch Leipzig hält sich ja oft sehr viel zugute darauf, dass hier die Extreme zwischen Arm und Reich (noch) nicht so auseinanderklaffen wie etwa in westdeutschen Städten. Aber der Grund ist nicht wirklich die gerechtere Verteilung. Im entsprechenden Beitrag heißt es dazu: „In Leipzig ist die Ungleichheit zwischen armutsgefährdeter und einkommensreicher Bevölkerung vergleichsweise gering. Aufgrund des insgesamt geringen Einkommensniveaus ist die Differenz zwischen Armutsgefährdungsschwelle (955 Euro) und Reichtumsschwelle (3.184 Euro) mit 2.229 Euro vergleichsweise niedrig. 74,5 Prozent der Bevölkerung (dritthöchster Wert nach Dresden und Duisburg) sind weder armutsgefährdet noch einkommensreich, und lassen sich demnach als Mittelschicht definieren.“

    Das geringere Einkommensniveau bedeutet eben vor allem, dass in Leipzig mehr Menschen mit einem relativ kleinen Einkommen über die Runden kommen müssen, nicht nur die 22 Prozent, die als armutsgefährdet gelten. Denn der Median, nach dem die Armutsquote (60 Prozent davon) berechnet wird, liegt in Leipzig nur bei 1.592 Euro. Die Hälfte der Leipziger/-innen muss im Monat mit weniger Geld zurechtkommen. Niedriger liegt dieser Wert nur noch in Duisburg mit 1.455 Euro.

    Man muss nicht wirklich arm sein, um das Leben mit einer Familie in Leipzig als teuer zu empfinden. Aber selbst die jährlichen Bürgerumfragen zeigen, dass die Eltern von kleinen Kindern in Leipzig gut daran tun, beide arbeiten zu gehen. Denn die lokale Armutsgefährdungsschwelle etwa für Familien mit zwei Kindern liegt bei 1.914 Euro. Nur haben diese Eltern dann selten beide einen gut bezahlten Arbeitsplatz.

    „Die Differenzierung nach Geschlecht und Alter offenbart aber auch, dass insbesondere junge erwerbstätige Frauen mit 26 Prozent erheblich häufiger in einem befristeten Arbeitsverhältnis beschäftigt sind als gleichaltrige Männer. Dieser Unterschied steht in engem Zusammenhang mit der Familiengründung: 23 Prozent der erwerbstätigen Frauen im Alter zwischen 25 und 35 Jahren, in deren Haushalt Kinder leben, sind befristet beschäftigt, bei Männern sind es lediglich 12 Prozent. In Haushalten ohne Kinder beträgt die Differenz lediglich 5 Prozentpunkte. Dies lässt den Schluss zu, dass Frauen weiterhin häufiger berufliche Abstriche zugunsten der Familie machen als ihre Partner“, kann man in der „Bürgerumfrage 2019“ lesen.

    81 Prozent der befragten Paare mit Kindern sagten zwar, dass das Geld zur Haushaltsführung ausreicht. Aber die Bürgerumfrage zeigt leider die Unterschiede nicht auf zwischen Familien mit älteren Kindern (wo meist auch die Mütter wieder Vollzeit arbeiten können) und den jungen Familien am Anfang des Berufslebens.

    In der Grafik sieht man, wie die Einkommen der jungen Menschen von 20 bis 30 Jahre erst langsam ansteigen. In diesen Familiengründungsjahren machen sie in der Regel noch viele Abstriche an die Wohnung. Wenn die Eltern dann freilich in gut bezahlte Vollzeitstellen kommen, steht die Entscheidung an: Wo finden sie eine familiengerechte Wohnung, die nicht das sauer Verdiente auffrisst, sondern den Kindern auch zugutekommen lässt? Das ist der Zeitpunkt, an dem viele junge Familien ihren Hausrat zusammenpacken und ins Umland abwandern, weil die schöne familiengerechte Stadt leider nicht genug bezahlbare Wohnungen für junge Familien bietet.

    Aber mit der Europa-Umfrage beschäftigen wir uns noch einmal extra.

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