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Quartalsbericht 4/2020: Die sinkende Zufriedenheit mit ÖPNV und medizinischer Versorgung

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    Leipzigs Statistiker/-innen lieben ja Rankings, genauso wie Politiker und diverse Zeitungen, die jede Meldung veröffentlichen, in der Leipzig irgendwie auftaucht: schönste Parks, freundlichste Leute, netteste Cafés und was der Meldungen mehr sind. So wirklich unterscheiden sich auch die von der EU-Kommission im Oktober 2020 veröffentlichten Ergebnisse der mittlerweile sechsten Umfrage zur Lebensqualität in europäischen Städten und Stadtregionen nicht davon.

    Auch wenn man gut versteht, dass die EU-Kommission gern wissen möchte, ob es sich in allen großen Städten der EU gut leben lässt.„Leipzig schneidet unter den 83 Städten und Stadtregionen vor allem hinsichtlich der Zufriedenheit mit der Wohngegend, den kulturellen Einrichtungen, den Grünanlagen und der Luftqualität sehr gut ab“, formuliert Falk Abel im neuen Quartalsbericht seine Einschätzung dessen, was die Zahlen verraten.

    „Im Urteil der Einwohnerinnen und Einwohner ist Leipzig die europaweite Nummer zwei als guter Ort für junge Familien mit Kindern. Bei vielen anderen Einschätzungen bewegt sich die Stadt im vorderen Drittel oder im Mittelfeld. Lediglich bei der subjektiven Bewertung der Bezahlbarkeit des ÖPNV belegt Leipzig einen der letzten Plätze.“

    Man sieht: Auch Leipzig freut sich, wenn es bei den persönlichen Einschätzungen mit europaweiten Vergleichen etwa bei „Ich bin mit dem Leben in der Stadt zufrieden“ irgendwo schön weit vorne landet, knapp hinter München (Rang 11) und knapp vor Dortmund (Rang 13).

    Dortmund?

    Man darf staunen. Rang 1 belegte übrigens Kopenhagen mit 98,2 Prozent Zufriedenheit (was immer das wirklich heißt), Leipzig kam auf 96,3 Prozent.

    Da trifft schon zu, was Abel schreibt: „Die Rangfolge ist allerdings so eng, dass bereits Veränderungen in Nachkommastellen Rangplatzdifferenzen nach sich ziehen. Verbesserungen im Vergleich zur Erhebung 2015 in anderen Städten können dann bei gleichen Werten in Leipzig zu einem etwas schlechteren Rangplatz in der aktuellen Erhebung führen. Bei vier Aspekten verbessert die Stadt ihren Platz, bei zwei Aspekten bleibt der Rangplatz annähernd gleich und bei vier Aspekten verschlechtert sich der Rangplatz Leipzigs.“

    Und die interessieren uns natürlich besonders, weil sie eben – anders als die Zufriedenheit an sich – zeigen, wo in Leipzig Reparaturbedarf beseht. Abel: „Dies betrifft die Zufriedenheit mit dem öffentlichen Nahverkehr (-20 Plätze im Vergleich zu 2015) und die Zufriedenheit mit der medizinischen Versorgung (-12 Plätze).“

    Wobei die Plätze eben kaum Bedeutung haben, wie Abel ja zu Recht betont. Es geht um die reinen Prozente. Die Zufriedenheit mit dem Nahverkehr ergab 2012 noch 82 Prozent, 2015 waren es 84 Prozent, 2019 wieder nur 81 Prozent. Weil aber in 20 anderen Städten die Zufriedenheit zunahm, war das für Leipzig ein Absturz von Rang 14 auf Rang 34. Das heißt: Binnen weniger Jahre hat Leipzig eine gute Ausgangsposition im ÖPNV-Ausbau verspielt.

    Und da hier genauer nachgefragt wurde, kann man auch mit Falk Abel konstatieren: „Die höchsten Zustimmungswerte erhält die gute Erreichbarkeit des ÖPNV in Leipzig (Zustimmung: 91 Prozent). Auch die Sicherheit, die Taktung und die Zuverlässigkeit erhalten positive Beurteilungen. Die Einschätzung zur Bezahlbarkeit fällt demgegenüber deutlich ab. Hier stimmen nur 51 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass der ÖPNV in Leipzig bezahlbar ist.“

    Bei der Zufriedenheit mit der medizinischen Versorgung gab es einen ähnlichen Effekt: Nach 88 Prozent Zufriedenheit 2015 gab es einen Rückgang auf 84 Prozent, was dann den Verlust von zwölf Plätzen auf Rang 27 bedeutete. Was im Klartext eben heißt: Das Angebot entspricht zunehmend weniger den Erwartungen. Denn natürlich verändern sich die Erwartungen.

    Wenn die Bürger in der Medizin vor allem einen barrierefreien und unbürokratischen Zugang erwarten und dann doch mit elend langen Wartezeiten auf wichtige Termine konfrontiert werden, stimmt etwas nicht. Dann ist das System für die Betroffenen dysfunktional geworden. Was natürlich vor allem die merken, die wirklich krank sind und oft einen wichtigen Spezialisten brauchen. Spätestens da merkt man, wie die Bürokratie die eigentliche ärztliche Versorgung zunehmend verschlingt.

    Und beim ÖPNV ist es nicht viel anders. Die Diskussion um die Mobilitätswende geht in Leipzig ganz offen seit über zehn Jahren. Das war genügend Zeit, eine echte Verbesserung im ÖPNV auf die Reihe zu bringen, Zeit, die aber nicht genutzt wurde. Die Engpässe sind alle seit Jahren bekannt. Und mit einer Leistungserhöhung im Promenadenring hätte man die Taktzeiten und die Verlässlichkeit der Bahnen längst deutlich verbessern können.

    Stattdessen wurde bis vor drei Jahren auf eine rücksichtslose Weise an den Fahrpreisen gedreht, dass sich gerade Einwohner mit kleinem Einkommen zunehmend fühlten wie Melkkühe. Selbst die subventionierte LeipzigPassMobilCard war vielen, die sie eigentlich brauchten, mit der Zeit zu teuer, denn selbst dieser Mobilitätstarif war z. B. im Hartz-IV-Satz nicht abgebildet.

    Dass eine Stadt wie Leipzig gegensteuern kann, zeigt schon der Topos „Zufriedenheit mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen“. Allein von 2015 bis 2019 stieg hier der Wert der Zufriedenheit von 54 auf 75 Prozent. Denn am Ende zählen nur Fakten, nichts anderes. Auch keine „Wir Leipziger“-Reklame. Mit Rang 58 liegt Leipzig jetzt zumindest im hinteren Mittelfeld, vorher war Rang 75 schon mehr als peinlich.

    So etwas beeinflusst natürlich auch das Gefühl, ob sich die Dinge zum Besseren gewandelt haben. Frage mal einer die Wähler, wie wichtig ihnen dieses Gefühl beim nächsten Wahlgang ist. Politiker/-innen, die für diesen Topos nichts zu bieten haben, sind reif für die Abwahl. Und gerade die beiden Kategorien ÖPNV und Medizinische Versorgung zeigen, dass es den befragten Bürgern zunehmend um Themen der Nachhaltigkeit und der gesünderen Stadt geht. Nicht um Prestigeprojekte, mit denen manche Politiker so gern glänzen, sondern um echte Verbesserungen im täglichen Leben.

    Und das steckt in einer Kategorie, die die EU-Kommission 2019 erstmals hat abfragen lassen. Falk Abel: „Zusammenfassend beurteilt knapp die Hälfte der Befragten in Leipzig, dass sich die Lebensqualität in ihrer Stadt in den letzten fünf Jahren verbessert hat. 41 Prozent bescheinigen eine gleiche Lebensqualität und 10 Prozent konstatieren eine gesunkene Lebensqualität. Damit liegt Leipzig im oberen Viertel der europäischen Städte.“

    Da kann man natürlich fragen: Spielt hier nicht auch die persönliche Situation mit hinein? Immerhin sind ja die Einkommen seit 2011 spürbar gestiegen. Sehen die Befragten also ihr eigenes Glücklichsein als Wohlergehen der Stadt?

    Damit beschäftigen wir uns im nächsten Beitrag.

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    1 KOMMENTAR

    1. Hm. Also die Umfrage ist von 2019 und der Quartalsbericht vom letzten Jahr.
      Da hat sich ja jemand viel Zeit gelassen oder ist beim Homeoffice öfter gestört worden…

      Die Prozente sind tatsächlich noch interessant, das Ranking kann man getrost in die Rundablage legen.

      Medizin:
      Hier kann die Stadt Leipzig selber gar nichts tun, also für ihre Prozente im Städtevergleich.
      Dies ist nur ein Abbild der medizinischen Versorgung in Deutschland. Eigentlich müsste das in allen deutschen Städten ähnlich aussehen. Wie viel Ärzte es gibt, legt nicht die Stadt fest.
      Höchstens rein private Ärzte (keine Kassenzulassung) könnten hier Leipzig interessant finden.

      „Im Urteil der Einwohnerinnen und Einwohner ist Leipzig die europaweite Nummer zwei als guter Ort für junge Familien mit Kindern.“
      Das halte ich fast für sarkastisch. Vor Kurzem wurde hier erst plausibel festgestellt, dass sogar junge Familien aus Leipzig abwandern, weil das Wohnungsangebot für diese Klientel rückläufig und zu teuer ist!
      Hier zeigt die Umfrage, wie alt sie ist. Und nicht aktuell.

      „Die höchsten Zustimmungswerte erhält die gute Erreichbarkeit des ÖPNV in Leipzig (Zustimmung: 91 Prozent).“
      Fast genau so ein Lacher. Da hat man sich offensichtlich in eine innenstadtnahe Fußgängerzone gestellt und die Passanten befragt.
      Ich laufe knapp einen Kilometer zur nächsten Haltestelle. Im Osten Leipzigs.
      Kann man auch im Nahverkehrskonzept so nachlesen. Das ist nicht nur unschön, das ist schlecht.
      Vieles ist insgesamt schon gut, aber 91% sind fast Planzahlen aus einer alten Zeit…

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