Dass heute so viele Europäer nationalistische Parteien wählen, hat auch mit dem irrationalen Versuch zu tun, für den heutigen Zustand der Welt nicht verantwortlich sein zu wollen. Auch nicht für die Folgen wie die Kinderarmut im Norden und rücksichtslose Freihandelsverträge. Und nun will man die Menschen im Meer ertrinken lassen, die teilhaben wollen am exklusiven Wohlstand der Europäer.

In einer neuen Studie hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung untersucht, welche Faktoren künftig weltweite Wanderungen beeinflussen, wie sie sich bis 2030 entwickeln könnten und was das für die Zuwanderung in die EU bedeutet. Am Mittwoch, 3. Juli, stellte das Institut diese Studie in Berlin vor.

Etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung tragen sich laut Umfragen mit dem Gedanken daran, in ein anderes Land zu ziehen. Besonders hoch ist der Anteil in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara, aber auch in Lateinamerika und der Region Nordafrika/Naher Osten.

„Nur ein Bruchteil dieser Menschen trifft aber konkrete Vorbereitungen für eine Wanderung und noch weniger machen sich schlussendlich auf den Weg“, erklärt dazu Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. Ein Grund dafür sind fehlende finanzielle Mittel und Informationen, die es braucht, damit die Menschen eine Migration überhaupt organisieren können. Tatsächlich lebten 2017 etwa 258 Millionen Menschen außerhalb ihres Heimatlandes, was 3,4 Prozent der Weltbevölkerung entspricht.

Die EU braucht Zuwanderung

Angesichts der demografischen Entwicklung der EU wäre mehr Zuwanderung durchaus wünschenswert, schätzt das Institut ein. Denn überall führen niedrige Geburtenzahlen und eine steigende Lebenserwartung dazu, dass die Erwerbsbevölkerung mittelfristig kleiner wird. Bis 2030 dürfte die Gruppe der 20- bis 64-Jährigen EU-weit um sieben Prozent schrumpfen.

Trotzdem schafft es die Union bislang nicht, eine gemeinsame Migrationspolitik zu entwickeln. Grundlage einer solchen Politik wäre ein möglichst genaues Bild der aktuellen Situation und Wissen über die wesentlichen Einflussgrößen für Migration, um daraus Migrationspotenziale abschätzen zu können. Genau dies versucht das Berlin-Institut mit der Studie zu liefern.

Ob Menschen sich dazu entschließen, ihren Migrationswunsch in die Tat umzusetzen, hängt von vielen Faktoren ab. Wie stark die Bevölkerung in einem Land wächst, hat ebenso einen Einfluss wie die politische Lage oder die Einkommensmöglichkeiten und Berufschancen. Umweltveränderungen wie der Klimawandel befördern Migration gleichermaßen wie bessere Bildung und bestehende Netzwerke zwischen Herkunfts- und Zielländern. Auch die Migrationspolitik der Zielländer wirkt als Faktor.

Und dann stellt sich bei genauerem Hinschauen heraus, wie dumm die europäische Migrationspolitik ist: Sie weist genau jene Menschen ab, die tatsächlich Potenzial für den Arbeitsmarkt in Europa wären.

Im Bericht heißt es dazu: „Entgegen landläufiger Meinung wird Europa nicht von den Armen der Welt überrannt. Denn für eine Migration sind finanzielle Mittel nötig, über welche die meisten Menschen in den wenig entwickelten Ländern kaum verfügen. Nach der „Migration-hump-Theorie“ werden Wanderungen über größere Distanzen erst wahrscheinlich, wenn das jährliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf etwa 2.000 US-Dollar steigt. Bei 7.000 bis 13.000 Dollar erreichen sie ihren Höhepunkt. Das bedeutet aber auch, dass sich Migration durch Entwicklung nicht bremsen lässt. Im Gegenteil fördert sie die Wanderungsbereitschaft.“

Hätte Europa eine kluge Einwanderungspolitik, würde sie das steuern, würde klare Zuwanderungskriterien definieren, Aufnahmekontingente festlegen und die Sache nicht über eine dummdreiste Asylpolitik abwickeln, sondern über ihre Botschaften in den Ländern, aus denen die Zuwanderung kommt.

Noch wirksamer wären natürlich wirtschaftliche Aufbauprogramme für die Herkunftsländer und wirklich faire Handelsverträge. Aber von beidem sind die Staaten der EU meilenweit entfernt.

Wohlstandsgefälle bringt Wanderungsbewegungen in Gang

Je nach Weltregion unterscheidet sich, welche Einflussgrößen sich besonders stark auf das Wanderungspotenzial auswirken. In Subsahara-Afrika dürfte sich das Migrationspotenzial deutlich erhöhen – wegen des anhaltenden Bevölkerungswachstums, welches Verteilungskonflikte verschärft, aber auch weil sich viele Länder in Sachen Bildung und Einkommen entwickeln und damit mehr Menschen in die Lage versetzen, eine Migration zu organisieren. Auch wenn die meisten von ihnen nur in Nachbarländer wandern, wo sie sich bessere Lebensbedingungen oder ein sicheres Einkommen erhoffen, wird die EU das Wunschziel vieler Menschen aus Subsahara-Afrika bleiben, allein schon aufgrund des enormen Wohlstandsgefälles zwischen beiden Regionen.

In Ost- und Südostasien hingegen haben Wirtschaftswachstum und höhere Bildung neue Perspektiven für die Menschen geschaffen, sodass zum einen das Bevölkerungswachstum ausklingt und sich zum anderen in vielen Ländern selbst ein Zuwanderungsbedarf entwickelt. Die Bevölkerung in Ländern wie Japan, Südkorea oder China altert ähnlich wie in Europa, sodass die Abwanderungswahrscheinlichkeit sinkt. Wer dennoch über die eigene Region hinauswandert, entscheidet sich eher für Nordamerika oder Australien als für die EU.

Migranten bleiben meist in der Herkunftsregion

Wenn die Menschen ihren Wohnort verlagern, tun sie das meist nur über kurze Distanzen. Die meisten bleiben im eigenen Land, deutlich weniger gehen über eine Grenze und kommen auch dann selten aus ihrer eigenen Großregion heraus. International zeigen sich typische Migrationsmuster, die häufig historisch bedingt sind und sich über den Austausch mit bereits ausgewanderten Landsleuten verstärken.

Wie aus der Grafik ersichtlich, bleiben die allermeisten Migranten aus dem postsowjetischen Raum oder aus Subsahara-Afrika in ihrer Region. Zu den größten überregionalen Zuwanderergruppen zählen Lateinamerikaner in den Vereinigten Staaten und Personen aus Südasien in der Mena-Region. So leben viele indische Arbeitsmigranten in den Vereinigten Arabischen Emiraten (3,3 Millionen) oder in Saudi-Arabien (2,3 Millionen).

Die Studie „Europa als Ziel? Die Zukunft der globalen Migration“ untersucht die wichtigsten Faktoren für Subsahara-Afrika, die Region Nordafrika/Naher Osten, Südasien, Ost- und Südostasien, den postsowjetischen Raum sowie Lateinamerika und die Karibik. „Die Studie soll klarmachen, wo sich ein erhöhter Wanderungsdruck entwickelt, aber auch woher Europa in Zukunft die dringend benötigten Fachkräfte für seine Unternehmen rekrutieren kann“, so Berlin-Institut Direktor Reiner Klingholz.

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