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Wenn die Postbank über jugendliche Klimaschützer redet, aber eigentlich Online-Shopping meint

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    So hätten sie es vielleicht gern bei der Postbank. Auch Überschriften können verräterisch sein. So wie diese: „Coronakrise drängt Engagement der Jugendlichen für Klimaschutz in den Hintergrund“. Am 18. August verschickte die Pressestelle der Postbank (die zur Deutschen Bank gehört) diese Meldung. Eigentlich hatte man nur für die nächste Runde der eigenen Digitalstudie mal wieder 1.000 junge Leute befragt.

    Das kann man machen. Aber nicht jedes Befragungsergebnis eignet sich für eine Meldung, auch wenn in den Pressestellen mittlerweile haufenweise ehemalige Journalist/-innen sitzen, die davon träumen, irgendwann doch mal eine Krachergeschichte veröffentlichen zu können. Und sei es eben in Form einer Firmenmitteilung.

    Dass hier jemand gern auf diese Weise Schlagzeilen gemacht hätte, wird im Text deutlich.

    „Bis zur Coronakrise konnten sich Greta Thunberg & Co. auf die Unterstützung von deutschen Jugendlichen verlassen. Knapp ein Drittel der 16- bis 18-Jährigen hat schon einmal an einer Fridays-for-Future-Demo teilgenommen. Mädchen in diesem Alter sind in der Bewegung besonders aktiv. Während 34 Prozent von ihnen bereits für mehr Klimaschutz auf die Straße gegangen sind, gilt das nur für 28 Prozent der Jungen.

    Die Teenager setzten sich aber nicht nur bei Fridays for Future für die Umwelt ein, sondern auch auf andere Weise. Insgesamt engagierten sich vor der Coronakrise 65 Prozent von ihnen für den Klimaschutz. Dies sind Ergebnisse der repräsentativen Postbank Jugend-Digitalstudie 2020, für die im April und Mai 1.000 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren befragt wurden“, kann man da lesen.

    Und: „Seit Fridays for Future wegen Covid-19 den Protest von der Straße ins Netz verlagert hat, ist die Unterstützung der Teenager allerdings längst nicht mehr so groß. Lediglich sechs Prozent von ihnen haben bislang an einem Online-Streik teilgenommen. 36 Prozent sagen nun sogar, das Thema interessiere sie nicht. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als vor der Pandemie.

    Darüber hinaus mangelt es den Online-Aktionen an Bekanntheit: Jeder vierte Jugendliche hat noch nichts davon gehört. Immerhin: Jeder Dritte möchte künftig gerne mal im Internet für das Klima demonstrieren. Das gilt vor allem für Mädchen. Während sich 38 Prozent von ihnen eine Teilnahme vorstellen können, sind es bei den Jungen nur 26 Prozent.“

    Mitten im Shutdown befragt

    Das klingt seriös, ist es aber nicht. Siehe oben im Text: Die Jugendlichen wurden ausgerechnet mitten in der Zeit des Shutdowns befragt, im April und Mai, wo fast sämtliche Demonstrationen und Kundgebungen untersagt und zuletzt nur unter Einschränkungen möglich waren. Und wo auch die bei „Fridays for Future“ aktiven jungen Leute selbst erst einmal Formen finden mussten, digital irgendwie aktiv zu werden.

    Ganz zu schweigen davon, dass die Jugendlichen im Homeschooling steckten und nicht wussten, wie es überhaupt mit der Schule weitergeht. Da hatten sie wirklich andere Sorgen.

    Unter diesen Corona-Rahmenbedingungen schon verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen, ist nicht nur fahrlässig, sondern anmaßend.

    Wobei eines stimmt: Einige Medien gaben und geben sich alle Mühe, FFF tatsächlich für erledigt zu erklären, aus der Wahrnehmung zu verdrängen und damit zu entkräften. Eine Entwicklung, die die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) im Mai dazu brachte, selbst eine Umfrage zu starten. Das Ergebnis: die Deutschen haben die Klimakrise ganz und gar nicht vergessen und halten sie nach wie vor für viel brisanter als die Coronakrise.

    Im weiteren Text nimmt auch die Postbank einen Teil ihrer eigenen Ansage zurück.

    „Ob beim Klimastreik oder beim Online-Shopping: Die heutigen Jugendlichen sind politisch interessiert und haben einen klaren Kompass“, wird dort Thomas Brosch, Chief Digital Officer der Postbank, zitiert.

    „Auch wenn Fridays for Future derzeit bei Aktionen im Netz weniger Unterstützung durch die Jugend erhält als zuvor auf der Straße, spielt das Thema Nachhaltigkeit in dieser Altersgruppe weiterhin eine wichtige Rolle. Als Verbraucher sorgen die Teenager durch ihre Nachfrage schon jetzt dafür, dass Unternehmen immer mehr nachhaltige Produkte anbieten. Diese Entwicklung wird sich in Zukunft fortsetzen.“

    Die Katze im Sack

    Womit er auch gleich die Katze aus dem Sack gelassen hat. Denn eine Postbank startet solche Umfragen ja nicht, um das Umweltengagement der jungen Leute zu erkunden, sondern vorzufühlen, ob sie demnächst treue Kunden der Bank werden könnten. Die auch fleißig Umsatz machen. Möglichst online.

    Kann es sein, dass die Postbank eigentlich nur fragt, um das eigene Online-Banking und den Verkauf von Online-Gutscheinen anzukurbeln?

    Der Verdacht liegt so weit weg nicht. Da muss man sich nur die zugehörige Gutschein-Website aufrufen. Hier ist sie.

    Was auch den Verdacht nährt, dass die Besorgnis der Postbank um das Umwelt-Engagement der jungen Leute nur vorgetäuscht wird.

    Das klingt nämlich im weiteren Text so: „Teenagern ist Nachhaltigkeit vor allem beim Kauf von Kleidung und Schuhen wichtig. Auch wenn die Jugendlichen gerade weniger zahlreich protestieren als vor der Coronakrise, bleiben Umweltschutz und Nachhaltigkeit wichtige Themen für sie – etwa beim Online-Shopping. 61 Prozent der Teenager achten beim Kauf von Kleidung und Schuhen auf Kriterien wie den Einsatz natürlicher Rohstoffe oder die Vermeidung von Plastik. Bei Kosmetika tun das 53 Prozent.

    Und bei modischen Accessoires wie Sonnenbrillen oder Taschen denken 42 Prozent beim Kauf an die Umwelt. Auch bei von Influencern empfohlenen Produkten ist es jedem Zweiten wichtig, dass diese umweltschonend hergestellt sind. Je älter die Jugendlichen sind, desto stärker ist ihr Bewusstsein für Nachhaltigkeit. 54 Prozent der 18-Jährigen, die Produkte auf Empfehlung von Influencern gekauft haben, achten auf den Klimaschutz. Unter den 17-Jährigen tun das 45 Prozent und unter den 16-Jährigen sind es nur 42 Prozent.“

    Das heißt: Die Postbank möchte eigentlich das (Online-)Shopping promoten.

    Worauf man erst einmal kommen muss, wenn man sich wirklich um Umwelt und Klima sorgt. Denn gerade Online-Shopping ist garantiert nicht klimafreundlich. Vom Shopping selbst kann man es eigentlich auch sagen. Hätten es die Postbank-Spezialisten ernst gemeint, hätten sie nach langlebigen Produkten gefragt, nach Kenntnissen über regionale Produktion, fairer Produktion und Verzicht auf Produkte, die nicht wirklich benötigt werden.

    Aber Konsumverzicht ist ja nicht so gut fürs Onlinegeschäft.

    Die Meldung ist ein klassisches Beispiel dafür, dass die PR-Verantwortlichen einer großen deutschen Bank, die auch ein bisschen Nachhaltigkeit betreibt, in einer Blase leben, in der sie ihren eigenen Brotgeber nicht als Teil des Problems sehen und seine Produkte nicht als durchaus problematisch.

    Für die Postbank Jugend-Digitalstudie 2020 wurden im April und Mai dieses Jahres 1.000 Deutsche zwischen 16 und 18 Jahren repräsentativ befragt.

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    3 KOMMENTARE

    1. Hm, im Moment Platz 6 in der Liste der meistgelesenen Artikel, scheint so, als würden es doch ein paar Leute lesen wollen.
      „Gelassenheit, gepaart mit dem bekannten Engagement und der kommunalpolitischen Kompetenz“, ja, gerne. Aber einen direkten Mangel daran kann ich so nicht erkennen. Und eine Meinung ist nichts per se schlechtes, vor Allem, wenn sie begründet wird. Und das durchaus ausführlich, das darf dann auch gern mal länger werden. Häppchenjournalismus gibt’s wo anders genug.

    2. Lieber Kollege, ich bewundere deinen Fleiß und den täglichen Ausstoß außerordentlich. Aber vielleicht wäre es angeraten, bissel runterzufahren. Das zunehmende Journalisten-Bashing wirkt ein wenig überzogen. Der Kommentar über den „faulen“ Zeit-Redakteur hat übrigens etwa 8700 Zeichen, in der LVZ wären das mehr als 200 Zeilen, solche Riemen liest heute kaum noch jemand.
      Mehr Gelassenheit, gepaart mit dem bekannten Engagement und der kommunalpolitischen Kompetenz – das käme besser. Meiner Meinung nach.
      Beste Grüße aus dem Vorruhestand,
      Thomas Müller

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