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Leipzigs Museumsdirektoren wollen Leipzig 2016 eine Leibniz-Installation schenken

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    Das mit der Leibniz-Feier 2016 war jetzt mal nicht erfunden. Die soll wirklich stattfinden. Das Leipziger Kulturamt hat sich zwei Jubiläen herausgepickt, die es im Jahr 2016 gern mit ein bisschen Geld unterfüttern will. Auch das Reformationsjubiläum 2017 will man vorbereiten. Alles zusammen für 450.000 Euro.

    Und man macht die Stadträte in der entsprechenden Vorlage noch einmal darauf aufmerksam, dass man seit 2009 so eine Art Dauerreigen der Jubiläen tanzt und auch noch glaubt, das wäre ein bombastischer Erfolg: „Seit 2009 verfolgt die Stadt das Ziel, mit der Bündelung der gestalterischen Potenziale auf ein jährlich wechselndes Leuchtturm-Thema (bei Erhalt der Qualität des kulturellen Angebots in der Gesamtbreite) die Anziehungskraft der Kommune als Destination zu erhöhen. Die Themenauswahl folgt dabei einer Kette von historischen determinierten Jubiläen.“

    Wer jetzt noch glaubt zu wissen, wer in Leipzig eigentlich für Tourismusvermarktung zuständig ist, der steht endgültig vor einem Rätsel: Die LTM? Der OBM? Das Wirtschaftsdezernat? Das Kulturdezernat? – Augenscheinlich ist es so ein richtiges Schönwetter-Thema, in dem jeder seine Lieblingsthemen kochen darf.

    Der Kulturbürgermeister zitiert dazu extra aus dem Arbeitsprogramm von OBM Burkhard Jung: „Inzwischen ist diese Abfolge (der Jubiläen) kaum mehr aus dem Stadtleben wegzudenken; sind die Leipziger und ihre internationalen Gäste begeistert von diesem Umgang mit Traditionen und Persönlichkeiten.“

    Das hat Burkhard Jung zwar so in sein Programm geschrieben – aber es gibt keine belastbare Studie, die das belegt. Man schunkelt sich also quasi an gegenseitigen Aussagen hoch. Das Kulturdezernat verweist zwar auf einen Beschluss vom Frühjahr 2014: „Die Jubiläen und Großveranstaltungen der Stadt in den Jahren 2016 bis 2020“ (DS V/3717). Nur hat man den irgendwie vergessen zu veröffentlichen. Damals wurde sowieso über ganz andere Dinge diskutiert. Den Katholikentag vom 25. bis 29. Mai 2016 zum Beispiel, den Leipzig gleich mal mit 1 Million Euro fördert. Warum eigentlich?

    Wäre das Geld in einen zünftigen Leibniz-Tag nicht viel besser investiert? Hätte das zur Geburtsstadt des Universalgenies nicht viel besser gepasst?

    Gerade weil die Stadt auch noch mit Reger einen Komponisten feiert, den selbst das Kulturdezernat bezeichnet als „tief religiösen Komponisten, der sich selbst als ‚katholisch bis in die Fingerspitzen‘ empfand.“ Also ein doppeltes katholisches Jubiläum?

    Da klingelt es doch aber gewaltig im Lexikon. Denn 2016 jährt sich ja noch ein „Jubiläum“: Es ist justament der 400. Jahrestag des Inquisitionsverfahrens gegen Galileo Galilei.

    Selbst das Kulturdezernat sieht die enge Verbindung zwischen Max Reger und Katholikentag: „Die Veranstaltungen zum Gedenken an Max Reger, dessen überkonfessionelle Bedeutung für die Kirchenmusik unbestritten ist, betten sich in geradezu idealer Weise in zwei konfessionelle Großveranstaltungen in Leipzig ein: Im Jahr 2016 findet in der Stadt der 100. Katholikentag statt.“ Und 2017 ist das Reformationsjubiläum.

    Tatsächlich stopft man die Max-Reger-Festtage mitten in eine Zeit, in der Leipzig sowieso schon überläuft: „Die Max-Reger-Festtage finden über die Pfingstfeiertage statt. Das ist freundlich für den internationalen Städtetourismus, denn diese Feiertage gibt es wenigstens europaweit. Damit kommt es auch zu einer Überschneidung mit dem Wave Gotik Treffen. Beide Ereignisse sind von der Tourismuswirtschaft, insbesondere der Hotellerie, zu bewältigen (insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Großmesse ‚Automobil International‘ im Jahr 2016 den Pfingsttermin wieder aufgeben wird). Die Überschneidung bietet die Chance der gezielten Nutzung reizvoller Synergie-Effekte: Das Klientel des Treffens ist in großen Teilen außerordentlich affin gegenüber ernsten Kunstformen, sakraler Musik ohnehin. Es ist erklärtes Ziel der Leitung des Treffens, die Veranstaltung weg vom Szenefestival in Richtung eines künstlerisch breit aufgestellten Kunst- und Kulturfestivals zu entwickeln.“

    Und während sich alle Großkultureinrichtungen 2016 um den Kirchenmusiker Max Reger kümmern wollen, will man für das Comeback von Leibniz die Freie Kulturszene gewinnen: „Eine Kooperation mit der Freien Kultur wird in diesem Kontext geprüft.“

    Oder doch nicht? – Denn eigentlich haben Leipzigs Amts- und Würdenträger ja schon alles durchgeplant. Freie Kunst kann sich eigentlich nur noch für Nasse andocken. Schon das erste Projekt, das sich das Kulturdezernat so vorstellt, könnte die geplanten 200.000 Euro verschlingen. Und man denkt dabei eigentlich gar nicht so sehr an die freien Künstler in Leipzig: „Ein zentrales Projekt innerhalb des Leibniz-Themenjahres ist die Installation einer künstlerischen Arbeit im öffentlichen Raum. Dazu soll ein renommierter, weltweit bekannter, Künstler gewonnen werden, der an der Schnittstelle zwischen naturwissenschaftlichen Untersuchungen und zeitgenössischen künstlerischen Auseinandersetzungen arbeitet. Vorgespräche wurden bereits aufgenommen und werden mit einer Ortsbegehung im Februar 2015 fortgesetzt. Ziel ist es, das herausragende künstlerische Objekt im öffentlichen Raum im Juni 2016, d.h. in zeitlicher Nähe zu Leibniz‘ Geburtstag, feierlich zu eröffnen.“

    Und dabei will man es sich auch gleich noch mit den Aktiven, die für die Wiederaufstellung des Luther-Melanchthon-Denkmals gekämpft haben, verderben: „Als Standort der Installation wird die Spitze des Johannisplatzes favorisiert. Der Johannisplatz liegt in unmittelbarer Nähe des zentralen Innenstadtrings.“ Da stand mal das Luther-Melanchthon-Denkmal.

    Ein Leibniz-Denkmal gibt es ja schon – im Uni-Campus.

    Auf welcher Ebene das Kulturdezernat arbeitet und den Leipzigern mal wieder schon die fertige Suppe vorsetzen will, steht auch da: „Vorgespräche mit dem Kreis der  Museumsdirektoren hatten zum Ergebnis, dass der Ort in seiner räumlichen Nähe zum Grassimuseum als sehr geeignet erscheint.“

    Begründung: „Eine exzellente künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum auf der Spitze des Johannisplatzes würde entscheidend dazu beitragen, die (internationale) touristische Aufmerksamkeit über den Innenstadtring hinaus auf die ‚Museumsinsel‘ der Museen im Grassi zu lenken. Dies führt zu einer entscheidenden Aufwertung des Museumsstandortes und zu einer verbesserten Beachtung des international am weitesten vernetzten Museumskomplexes.“

    Seltsam, dass man das beim Luther-Melanchthon-Denkmal nicht so sah.

    Jetzt gibt’s also wieder ein neues Kunstprojekt, das den Leipzigern am 24. Juni 2016 enthüllt werden soll.

    Und die Frage ist natürlich berechtigt: War da neben Reger, Leibniz und Katholikentag kein Platz mehr im Kalender? Immerhin wird von Reger wie von Leibniz nur der Todestag gefeiert (der 100. bzw. der 300.). Gab’s denn keine großen Geburtstage? Gab’s doch. Denn zwei nicht gar so unbekannte Leipziger Schriftsteller würden 2016 ihren 200. Geburtstag feiern: Friedrich Gerstäcker und Gustav Freytag. Und dann ist da noch der 250. Todestag eines gewissen Prof. Gottsched.

    Jetzt kann man gespannt sein, welchen international renommierten Künstler sich die Direktorenrunde da ausgeschaut hat.

    Die Jubiläen-Vorlage des Kulturdezernats.

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