Leipzig legt nach 16 Jahren mal wieder eine Auswertung zur Mitarbeiterbefragung vor

Am Ende hat es dann doch länger gedauert, als es sich die Linksfraktion 2012 wünschte, als sie einen Antrag stellte, eine neue Mitarbeiterbefragung in der Leipziger Stadtverwaltung zu machen. Die letzte hatte es 1999 gegeben, das war noch, bevor die großen Spar- und Konsolidierungsprogramme begannen, Bürgerämter geschlossen wurden und die Mitarbeiter auch mal auf Arbeitszeit und Einkommen verzichteten.

Das ist jetzt alles schon ein Weilchen her, Leipzig hat seinen Haushalt konsolidiert. Und man hört da und dort das Knirschen im Gebälk, weil Mitarbeiter in der Verwaltung doch das Gefühl haben, dass sie trotzdem noch überlastet sind. Zumindest sorgte das vor drei Jahren für Aufregung. Aber belastbare Zahlen hatte in der damaligen Debatte niemand. Deswegen reichte die Linksfraktion ihren Antrag ein, endlich mal wieder eine Mitarbeiterbefragung zu starten. Die Verwaltung sagte das zu – für 2013.

Aber 2013 war eins dieser Super-Wahljahre für Leipzig, in der die Leipziger gleich mehrmals zur Wahlurne mussten – OBM-Wahl und Bundestagswahl. Entsprechend ausgelastet war das Amt für Statistik und Wahlen, das für die Durchführung solcher Befragungen zuständig ist. Die Befragung wurde also ins Jahr 2014 verschoben. Ab August 2014 wurden 6.546 Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit einem Fragebogen beglückt – 2.651 füllten die Fragebögen dann auch aus.

Und nun, ein Jahr später, liegen auch die Ergebnisse vor.

Auf den ersten Blick zeigen sie eine keineswegs desolate Situation. Wenn die Bürgermeister und der OBM es so wollen, können sie die Stimmung im Haus durchaus als gemischt, aber positiv einschätzen.

Die Beschreibung durch die Statistiker: „Der Anteil aller mit den Arbeitsbedingungen zufriedenen und sehr zufriedenen Bediensteten liegt bei 43 Prozent mit geringen Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Fast vier von zehn Bediensteten, die im Schichtdienst arbeiten, sind mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden oder sehr unzufrieden. Eine höhere Unzufriedenheit lässt sich auch bei Tätigkeiten mit Bürgerkontakt und/oder im Außendienst feststellen. Der Mittelwert für die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen liegt insgesamt bei 2,8, der Mittelwert für die Zufriedenheit mit dem Betriebsklima bei 2,6. Da das Antwortmodell von 1 ’sehr zufrieden‘ bis 5 ’sehr unzufrieden‘ aufgebaut ist, bedeutet ein Mittelwert unter 3, dass die Zufriedenheit gegenüber der Unzufriedenheit überwiegt.“

Natürlich ist es im Detail komplizierter. Gerade die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ämtern mit Bürgerkontakt bekommen natürlich häufiger den Unmut der Bürger ab, wenn etwas nicht klappt, Fristen nicht eingehalten werden oder Entscheidungen anders ausfallen als erwartet.

Deswegen hätte man sich eigentlich sogar konkrete Auswertungen nach Ämtern und Tätigkeitsbereichen gewünscht.

Aber das haben sich die Statistiker der Stadt lieber verkniffen. Nur für zwei Bereiche haben sie genauer nachgefragt, weil dort die Arbeitsbelastung in den letzten Jahren immer wieder öffentlich diskutiertes Thema war – bis hin zu den einschlägigen Demonstrationen vor dem Neuen Rathaus: Das waren die Feuerwehrleute und die Mitarbeiterinnen in den städtischen Kindertagesstätten.

Aber auch das wurde nicht als gesondertes Ergebnis im jetzt vorgelegten Bericht dargestellt (obwohl die zuständigen Bürgermeister bestimmt die differenzierten Zahlen bekommen haben). Man kann die Lage bei der Berufsfeuerwehr und in den Kitas nur indirekt erschließen, denn im Bericht gibt es gesonderte Auswertungen für die gesamte Stadtverwaltung und für die Stadtverwaltung OHNE Kindertagesstätten und Feuerwehr. Und da die Zahlen zu Arbeitszufriedenheit, Arbeitszeiten, Selbstständigkeit und Abwechslung in der Auswertung ohne Feuerwehr und Kitas allesamt höher sind als in der ausgewerteten Stadtverwaltung, bekommt man zumindest ein Gefühl dafür, wie sehr es bei Erzieherinnen und Feuerwehrleuten grummelt.

Mit einer wesentlichen Ausnahme: Mit den Arbeitsinhalten sind Kita-Erzieherinnen und Feuerwehrmänner deutlich zufriedener als die Gesamtverwaltung. Aber bloß weil diese Angestellten glücklich mit ihrer Berufswahl sind, heißt das ja nicht, dass man sie bis über ihre körperlichen Reserven hinaus belasten muss.

Und da auch nach den gewünschten Veränderungen gefragt wurde, wird auch das deutlich, wenn man die erhöhten Werte in der gesamten Verwaltung unter die Lupe nimmt, dann wünschen sich Feuerwehrleute und Erzieherinnen nämlich deutlich stärker als der Rest der Verwaltung verbesserte Arbeitsbedingungen, ein besseres soziales Umfeld – und hier werden  sie ganz deutlich: bessere Arbeitszeit- und Pausenregelungen. Und sie geben auch etwas häufiger an, dass sie körperlich an ihre Grenzen kommen. Und das auch eher nicht, weil sie nicht fit sind, sondern weil die Arbeitsgestaltung sie an ihre Grenzen bringt. Deswegen wünschen sie sich auch deutlich häufiger Unterstützung bei der Stressbewältigung.

Das taucht dann in den Handlungsempfehlungen des Berichts leider so deutlich nicht auf.

Dort versucht man, die Verwaltung dann doch wieder als ein Ganzes zu sehen, wo man mit generellen Mitteln für alle die Arbeitsatmosphäre verbessern möchte.

Es scheint zwar Bereiche der Verwaltung zu geben, wo der Laden einfach läuft und die Befragten eher keine Probleme erkennen können. Aber die Umfrage macht trotzdem sichtbar, dass es Reibungsverluste gibt. Etwa wenn 44 Prozent der Befragten angeben, sich durch Konflikte mit Vorgesetzten belastet zu fühlen. Die Statistiker fanden zwar nur wichtig, die 15 Prozent zu nennen, die sich durch solche Konflikte sehr belastet fühlen. Aber selbst das will schon etwas heißen, denn es erzählt auch davon, dass Verwaltungsarbeit für jeden achten auch zum psychischen Gesundheitsrisiko wird. OBM Burkhard Jung spricht zwar gern von einer guten Team-Arbeit. Aber wenn sich 15 Prozent sehr und 29 Prozent teilweise durch Konflikte mit Vorgesetzten belastet fühlen, dann haben eben doch 44 Prozent der Belegschaft ein mulmiges Gefühl. Und wenn Vorgesetzte schon nicht in der Lage sind, die Konflikte zu minimieren, dann pflanzt sich das in der Regel in der Belegschaft fort. 43 Prozent der Befragten bejahen auch Konflikte mit Kollegen.

Und das sind durchaus Probleme, die sich durch die Hierarchien fortpflanzen, denn Vorgesetze und Mitarbeiter äußern sich bei beiden Themen in ähnlicher Prozentgröße.

Und es fällt auch auf, dass diese Konflikte eher nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben. Nur 34 Prozent fühlen sich durch (zu) hohe Verantwortung belastet. Was freilich auch wieder viel ist und davon erzählt, dass die Verantwortlichkeiten in der Stadtverwaltung nicht gut verteilt sind. Und damit ist nicht unbedingt nur eine Überforderung gemeint. Die gibt es auch, wird aber nur von 13 Prozent der Befragten als Grund für ihr Unbehagen in der Arbeit genannt, während 11 Prozent angaben, sie fühlten sich unterfordert. Aber der wichtigste Grund für das Unbehagen ist mit 40 Prozent der Nennungen die häufige Störung in der Arbeit.

Gibt es zu viele Besprechungen, Anrufe, dringliche Zwischenrufe? Das lässt sich daraus natürlich nicht ableiten.

Aber es ist kein gutes Zeichen, wenn sich 31 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erschöpft fühlen. Was möglicherweise auch mit der Aussage korrespondiert, dass 24 Prozent sich demotiviert fühlen. Das klingt nach einer Menge Arbeit in der Arbeitsorganisation und für den neuen Verwaltungsbürgermeister.

Dass es an einer nicht abgestimmten Arbeitsorganisation liegen könnte, machen die Aussagen der Befragungsteilnehmer deutlich. 56 Prozent wünschen sich eine bessere Arbeitsorganisation, 44 Prozent mehr fachlichen Erfahrungsaustausch, 33 Prozent bessere Arbeitsumgebungen.

Das Alles sieht dann doch ein wenig so aus, wie es die Linksfraktion 2012 befürchtet haben muss:

Vieles wurde in der Verwaltungsorganisation über die Jahre einfach so laufen gelassen, hat sich in demotivierenden Abläufen festgefressen. Es fehlt an Motivation und augenscheinlich auch an einer positiven Einbindung der Mitarbeiter in die Abläufe. In einigen Ämtern und Abteilungen scheint die Luft regelrecht zu knistern in aufgestauten Ressentiments.

Jetzt bekommen zwar alle Bürgermeister und Amtsleiter das Papier in die Hand und sollen es mit ihren Untergebenen besprechen: „Die Bürgermeisterin/die Bürgermeister und die Amts- und Referatsleiter/-innen sind aufgefordert, die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung bereichsbezogen in den Dezernaten bzw. Fachämtern zu diskutieren und die Handlungsempfehlungen entsprechend Pkt. 5.2 für die Weiterarbeit zu berücksichtigen. Bei Maßnahmen der Organisationsentwicklung und der Personalentwicklung erhalten sie Unterstützung von Seiten des Hauptamtes und des Personalamtes.“

Aber vielleicht sollte auch der neue Verwaltungsbürgermeister darüber nachdenken, ob er ein paar neue Organisationselemente einbaut – Anlaufstellen bei Konflikten, schwelenden Problemen, ungeklärten Krisen. Denn einfach ins Fitnessstudio oder zum Doktor zu laufen, wenn die Konflikte zur gesundheitlichen Belastung werden, das kann nicht immer die Lösung sein. Manchmal muss auch ein Verwaltungsbürgermeister tätig werden und eingreifen, wenn sich in einer Abteilung die Probleme auffällig ballen. Und das oft über Jahre. Manchmal ist auch die rigorose Sparpolitik des Rathauses dran schuld. Oder es fehlt an unabhängigen Instanzen, die Problemlösungen auch außerhalb der Hierarchie möglich machen.

Der Bericht zur Mitarbeiterbefragung.

TransparenzStadtverwaltung
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