"Ein Ort, wo Menschen zusammenkommen, um aufeinander zu hören, um miteinander nachzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen." Das ist die Thomaskirche. Pfarrerin Britta Taddiken eröffnete mit diesen Worten am gestrigen Dienstagabend die Informationsveranstaltung zur neu geplanten Flüchtlingsunterkunft am Brühl. Auf Einladung des Sozialamtes waren mehrere hundert Interessierte in das Gotteshaus gekommen, um sich mit den Gegebenheiten der neuen Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Interpelz-Gebäude in der Innenstadt vertraut zu machen.

Seit dem frühen Mittelalter bis noch ins späte 20. Jahrhundert galt der Brühl als die “Weltstraße der Pelze” und lockte jährlich viele Händler und Käufer zu Pelzauktionen an. Heute steht das “Brühlpelz” am Brühl 34 – 50 leer.

Ab dem 9. November soll sich das jedoch ändern. Das zehnstöckige Hochhaus wird dann Unterkunft für 510 Flüchtlinge. “Es wird sich dabei um eine interimistische Nutzung handeln”, stellte die Leiterin des Sozialamtes, Martina Kador-Probst, klar. Das Gebäude kann nur bis zum 15. April 2016 genutzt werden, denn dann soll dort ein Hotel entstehen.

Sozialbürgermeister Thomas Fabian nannte hier grundlegend den detaillierten Ratsbeschluss der Stadt von 2012/2013, in dem ein Konzept zur Unterbringung von Flüchtlingen ausgearbeitet wurde. Darin ist die dezentrale Unterbringung der Asylsuchenden als höchstes Ziel angeführt. Konkret bedeute das, dass Flüchtlinge zuerst in sogenannten gemeinschaftlichen Erstaufnahmestellen unterkommen, bevor sie in eigene Wohnräume, über die Stadt verteilt, ziehen. Rund 40 Prozent der Flüchtlinge wohnen mittlerweile bereits in solchen privaten Räumlichkeiten – eine gute Quote in der Messestadt, bislang. Allerdings sei durch die immer größeren Ankunftszahlen von Schutzsuchenden diese Unterbringungsmöglichkeit nicht mehr so leicht umsetzbar, wodurch Gemeinschaftsunterkünfte wie die am Brühl genutzt werden müssen.

In kleinen Zimmern, die maximal Raum für sechs Personen bieten, finden die Schutzsuchenden eine Schlaf-, und Wohnmöglichkeit. Aus mangelnden Kochgelegenheiten wird es eine zentrale Essensversorgung im Haus geben. Diese wird vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) Stadtverband Leipzig übernommen. Weiter sind Gemeinschaftsräume geplant, in denen Deutschkurse oder Kinderbetreuung angeboten werden, aber auch als Ort der Begegnung dienen sollen. “Die Rahmenbedingungen des Gebäudes sind in Ordnung und werden weitgehend so belassen”, erklärte Kador-Probst.

Bis zu zehn Sozialarbeiter werden in der Flüchtlingsunterkunft tätig werden, das sieht der sogenannte Betreuungsschlüssel bei größeren Unterkünften vor. Demnach wird sich ein Sozialarbeiter um 50 Asylsuchende kümmern. Den Verantwortlichen sei die soziale Betreuung vor Ort ein großes Anliegen, wodurch möglichen Konfliktsituationen bereits im Voraus vorgebeugt werden kann. “Wir möchten das Zusammenleben so gut wie möglich vorbereiten”, bekundete die Sozialamtsleiterin. Aus diesem Grund berücksichtige ihr Team besonders die Zuteilung der Einziehenden auf die einzelnen Stockwerke und Zimmer. Die Sozialarbeiter sollen die Flüchtlinge jedoch nicht nur beraten, begleiten und unterstützen, sondern auch unmittelbarer Ansprechpartner für Nachbarn sein und vor allem das soziale Netzwerk der Flüchtlinge in den einzelnen Stadtteilen fördern. Sozialbürgermeister Thomas Fabian nannte hier die Vereinsarbeit als wichtigen Bereich, zwischenmenschlich in Kontakt treten zu können. Auch würdigte er an dieser Stelle das ehrenamtliche Engagement unzähliger Leipziger in diesen Tagen.

Mehrere hundert Interessierte sind in das Gotteshaus gekommen, um sich mit den Gegebenheiten der neuen Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Interpelz-Gebäude in der Innenstadt vertraut zu machen. Foto: Theresia Lutz
Mehrere hundert Interessierte sind in das Gotteshaus gekommen, um sich mit den Gegebenheiten der neuen Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Interpelz-Gebäude in der Innenstadt vertraut zu machen. Foto: Theresia Lutz

Für die äußere Sicherheit an der Flüchtlingsunterkunft am Brühl sollen rund um die Uhr sechs Wachleute sorgen. Es handle sich hierbei erst einmal um eine Anfangszahl. Kador-Probst bat um Geduld, die Situation erst einmal sicherheitstechnisch einschätzen zu können. Aus welchen Herkunftsländern die Flüchtlinge kommen, stehe bisher noch nicht fest.

“Es ist eine anstrengende und herausfordernde Aufgabe, die da vor uns steht, doch ich bin sicher, dass es eine gute Aufgabe ist”, betonte Bürgermeister Fabian. “Es ist unsere Pflicht, sich um die Menschen zu kümmern, die zu uns kommen und wegen unerträglichen Bedingungen ihre Heimat verlassen mussten.”

Das bunt gemischte Publikum, das sich an diesem Abend informieren wollte, bekam im zweiten Teil der Veranstaltung die Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen. Die Gäste erkundigten sich nach den räumlichen Kapazitäten der Stadt, oder danach was man selbst tun kann. Hierzu äußerte sich Sonja Brogiato vom Flüchtlingsrat in Leipzig. Sie ermunterte die Zuhörer dazu, Akzeptanz zu schaffen, Geduld zu haben und Hilfe zur Verfügung zu stellen, die überall benötigt wird. Im Hinblick auf die kalte Jahreszeit machte sie besonders auf den Bedarf von warmer Kleidung aufmerksam, die an zentralen Sammelstellen, wie etwa in Leutzsch, abgegeben werden kann. Wer aktiv werden möchte, kann sich nun aber auch am neuen Patenschaftsprogramm “Ankommen in Leipzig. Paten für Flüchtlinge” des Flüchtlingsrates beteiligen.

Auch wenn die Gesamtatmosphäre im kirchlichen Raum mehr als positiv und optimistisch war, so bestimmten doch auch die Ängste vor neuen Konflikten und fehlender Sicherheit das Stimmungsbild. Polizeipräsident Bernd Merbitz fand hierzu deutliche Worte: “Die Sicherheit für Sie, liebe Bürger, steht für uns an oberster Stelle.” Die Situation sei auch für die Polizeibeamten in Leipzig keine leichte Aufgabe, doch versicherte er, alles Nötige dafür zu tun, dass die Strapazen für Leipzig eingedämmt würden.

“Dieses Thema stellt momentan Europa, Deutschland und auch die Stadt Leipzig vor eine große Herausforderung”, so der Sozialbürgermeister. Optimistisch fuhr der Vertreter der Stadt fort: “Ich versichere Ihnen, wir sind auf einem guten Weg.”

Ob sich die vielen Besucher an diesem Abend mit dieser Antwort zufrieden geben, sei dahingestellt. Jedoch hat diese Veranstaltung gezeigt, sowohl die Stadt als auch ihre Bürger sind mehrheitlich darum bemüht, der großen Zahl an Flüchtlingen Schutz zu geben und dafür zusammenzustehen.

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