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Kulturbürgermeisterwahl: Michael Faber scheitert bereits in der Vorrunde

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    Mit etwas Erstaunen las so mancher heute die offizielle Verkündung der Kandidaten der im April oder Mai 2016 anstehenden Wahl des oder besser wohl der neuen Kulturbürgermeisterin. Seit heute gibt es mit Dr. Skadi Jennicke (Die Linke) eine Favoritin beim anstehenden Votum des Stadtrates. Während es Michael Faber, der amtierende Kulturbürgermeister Leipzigs, nicht einmal durch die Vorauswahl aus 92 Bewerbungen und sechs engeren Kandidaten in die drei Wahlvorschläge der Findungskommission schaffte, weiß die promovierte Dramaturgin neben dem Heimvorteil vor allem ihre Linksfraktion und ein existierendes Netzwerk in Leipzig hinter sich. Doch auch die CDU hat einen Kandidaten im Rennen.

    Die beiden verbliebenen Gegenkandidaten müssen sich demnach bei der nun anstehenden Vorstellungsrunde in den Fraktionen mächtig ins Zeug legen, denn bis zum heutigen Tage dürften sie im Gegensatz zu Skadi Jennicke den Leipzigern trotz passender Vita eher als Unbekannte gelten. Bewerber Achim Könneke ist quasi direkt vom Fach, denn er ist aktuell als Kulturamtsleiter der 220.000-Einwohnerstadt Freiburg im Breisgau tätig. Bei aller Schönheit der Baden-Württemberger Universitätsstadt, wirkt dennoch Leipzig kulturell eher großformatiger und vor allem breiter aufgestellt zwischen Soziokultur und Klassik. Die Soziokultur Leipzigs steht in einer öffentlichen Positionierung bereits hinter Skadi Jennicke.

    Das größere Problem des Bewerbers dürfte jedoch die Zusammensetzung der Kandidaten und der zu erwartenden Unterstützung der 70 Stadträte sein. Während Skadi Jennicke neben dem Heimvorteil und der eigenen Linksfraktion (17 Stimmen) durchaus mit weiteren Stimmen aus den Fraktionen der Grünen (12) und der SPD (14) und womöglich mit dem Wohlwollen zweier FDP-Räte rechnen kann, gilt der dritte Bewerber als CDU-Kandidat.

    Der Görlitzer Dr. Matthias Theodor Vogt ist seit 1994 Direktor des Instituts für kulturelle Infrastruktur Sachsen und seit 1997 Professor für Kulturpolitik und Kulturgeschichte an der Hochschule Zittau/Görlitz. Das CDU-Mitglied trat 2013 für seine Partei zur Bundestagswahl an und dürfte, sollte es zwei Wahlgänge geben, die erste Stimmenabgabe mit Hilfe der 19 CDU-Räte, wenn nicht sogar noch der vier AfD-Fraktionäre im Stadtrat und der eventuellen Hilfe fraktionsloser Stadträte überstehen.

    Die Ausgangslage bei maximal 70 verfügbaren Stimmen ist überschaubar. Im besten Falle reicht ein Wahlgang und Skadi Jennicke hat 36 Stimmen beieinander, das Potenzial für sie besteht aus immerhin theoretisch möglichen 43 Stadträten bei der geheimen Wahl noch ohne die vier fraktionslosen Stadträte. Für die erste Runde dürfte dies in jedem Fall genügen, im Falle einer zweiten Abstimmung reicht dann bereits die einfache Mehrheit, also gewinnt der Kandidat mit den meisten Stimmen.

    Warum der Amtsinhaber die Vorauswahl nicht bestand

    Der Grund ist eben jene Mehrheiten-Rechnerei und die Überlegung, dass Kandidaten neben der beruflichen Qualifikation auch eine realistische Chance auf einen Wahlsieg im Stadtrat haben sollten. Hinzu kommt der Gedanke, dass die Besetzung der Bürgermeisterpositionen die Mehrheitsverhältnisse im Rat widerspiegeln. So kommt es also nicht von ungefähr, dass beispielsweise die Position des Finanzbürgermeisters eine CDU-Domäne ist, die Linksfraktion mit Heiko Rosenthal den Ordnungsbürgermeister stellt und die Baudezernentin Dorothee Dubrau, obwohl parteilos, doch als Bürgermeisterin der Grünen gilt, während das finanziell gewichtigste, weil größte Dezernat „Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule“ mit Dr. Thomas Fabian von einem SPD-Mitglied gehalten wird.

    Aussichtsreiche Kandidatin: Skadi Jennicke im Leipziger Stadtrat. Foto: L-IZ.de
    Aussichtsreiche Kandidatin: Skadi Jennicke im Leipziger Stadtrat. Foto: L-IZ.de

    Einzig der Posten des Kulturbürgermeisters stört praktisch die schöne Harmonie und ist seit dem Amtsende durch Pensionierung des einstigen Dauerkonsenses Georg Girardet umkämpft. Drei Amtszeiten lang hatte der geräuscharm aber effektiv agierende Diplomat die Geschicke der Kulturschaffenden Leipzigs mitbestimmt. Danach folgte Michael Faber.

    Man darf also durchaus den Kandidaten Matthias Theodor Vogt neben der Qualifikation mindestens wohlwollend seitens der CDU betrachten. Und einen gewissen Anspruch auf einen weiteren Dezernenten, nachdem sie seit der Kommunalwahl 2014 die stärkste Fraktion im Stadtrat stellt. Dennoch: Selbst wenn sie heimlich auf die Unterstützung der AfD und der beiden FDP-Räte René Hobusch und Sven Morlok und somit auf 25 Stimmen hofft, sieht sie sich, sofern geschlossen handelnd, spätestens im zweiten Wahlgang einer Ratsmehrheit aus Rot-Rot-Grün gegenüber.

    Es sei denn, die SPD bringt Spannung in die geheime Wahl und votiert vor allem im eventuell nötigen zweiten Urnengang mit 14 Stimmen geschlossen gegen Jennicke oder enthält sich.

    Im Anfang lag wohl bereits das Ende inne

    Michael Faber war bei seiner Wahl 2009 als parteiloser Kandidat von der Linksfraktion vorgeschlagen und durch eine später als „Kuhhandel“ deklarierte Unterstützung der SPD und OB Burkhard Jung gegen einen durchaus aussichtsreichen Kandidaten der Grünen ins Amt getragen worden. Diese Unterstützung hatte Faber bei der anstehenden Wahl nicht mehr, da die Linke Fraktion sich auf ihre eigene Stadträtin Skadi Jennicke geeinigt hatte. Die anderen Fraktionen stärkten dem gestern in der Ratsversammlung fehlenden, amtierenden Bürgermeister ebenfalls nicht mehr den Rücken. Somit blieb es also für Michael Faber eine Amtszeit als Leipziger Kulturdezernent, eine Wiederwahl wäre gescheitert.

    Bereits 2011 hatte er nur mit Mühe eine Abwahl abwenden können, immerhin 44 Stadträte fanden sich damals, denkbar knapp eine erforderliche 2/3-Mehrheit der 70 Räte verfehlend, zu diesem Schritt bereit. Im Vorfeld des Abwahlversuches hatte OB Burkhard Jung ihm bereits seit November 2010 den Arbeitsbereich Oper, Gewandhaus, Leipziger Schauspiel sowie das Theater der Jungen Welt und die Musikschule „Johann Sebastian Bach“ entzogen. Die Begründung für den Entzug bereits da, nach einem Jahr Amtszeit, das fehlende Vertrauen in Fabers Amtsführung und Verwerfungen mit den Intendanten der großen Kulturhäuser der Stadt. Zudem hieß es aus heutiger Sicht damals nicht ganz ironiefrei seitens des Leipziger OBs: „So kann er sich auf die anderen wichtigen Bereiche wie zum Beispiel das Naturkundemuseum konzentrieren“.

    Ein Tiefschlag, von welchem sich Faber nie wieder ganz erholte, auch wenn er fast 2 Jahre später seinen Arbeitsbereich von Burkhard Jung zurückerhielt.

    Ganze fünf weitere Jahre brauchte es dann, bis der Amtsinhaber mit Unterstützung des Leipziger Finanzdezernenten Torsten Bonew (CDU) endlich eine Lösung mit dem Umzug des Museums in die Alte Spinnerei nach Plagwitz präsentieren konnte. Exakt dieses Argument hatte Michael Faber anschließend im Dezember 2015 für seine Wiederwahl gegenüber der Presse und in der Februarsitzung im Stadtrat vorgebracht. So war es ihm nach der über Jahre dahindümpelnden Zukunft des Leipziger Naturkundemuseums nun eine Herzensangelegenheit einer weiteren Amtszeit, diesen Neustart mitgestalten zu können. Offenbar deutlich zu wenig für die Auswahlkommission und die Fraktionen, um ihn für nochmals sieben Jahre im Amt zu präferieren.

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    1 KOMMENTAR

    1. Hallo, Hans-Werner, wenn es nur um einen „Posten“ ginge, wie Sie schreiben, gäbe ich Ihnen recht, aber haben Sie eine einzige Vorlage für die Ratsversammlung von Frau Dr. Jennicke gelesen? Kennen Sie ihr Engagement für das Ehrenamt und die kulturellen Vereine? Haben Sie nur mit einem Blick deren Vita wahrgenommen? Sie kennt den Leipziger Kulturbetrieb auch von innen. Das muss Ihnen doch aufgefallen sein.
      Leistung und Eignung müssen oberstes Gebot sein, das ist richtig, verbunden mit der Liebe zu unserer Stadt. Gut, dass die Zeiten vorbei sind, als ein (westelbischer, CDU-naher) Bewerber, der unsere Stadt das erste Mal bei seinem Vorstellungsgespräch betreten hat, Leiter des (inzwischen aufgelösten) Fremdenverkehrsamtes werden konnte,

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