Sicherheit in Leipzig, 2

Wie sicher fühlen sich die Leipziger in ihrem Wohngebiet?

Für alle LeserSicherheitsempfinden ist komplex, sagt Prof. Kurt Mühler. Im Grunde ist es das elementarste Gefühl, das Bewohner einer Großstadt haben. Am Grad der Ordnung auf ihren täglichen Wegen schätzen die Großstadtbewohner ein, wie sicher ihre Umgebung ist. Jede Störung und Zerstörung mindern das Gefühl der Sicherheit. Aber eine wichtige Erkenntnis aus der Leipziger Sicherheitsumfrage lautet auch: In ihrem Wohnumfeld fühlen sich 90 Prozent der Leipziger sicher.

Der Wert ist seit der letzten Umfrage 2011 (91 Prozent) relativ stabil geblieben. Im Grunde ist es kein Wert zum Sicherheitsgefühl in Leipzig an sich. Es geht hier um das große Gefühl, das sich mit der Sicherheit rund um den ÖPNV beschäftigt. Es korrespondiert aber mit den Angaben zum „Sicherheitsgefühl im Wohngebiet“, das 94 Prozent der Befragten als sicher und sehr sicher einschätzen. Was im Grunde viele der Skandalmeldungen der letzten Zeit infrage stellt: Da, wo die Leipziger wohnen, fühlen sie sich in der Regel sicher. Dort kennen sie sich aus, können Ereignisse und Veränderungen einschätzen.

Wild werden Leipziger Diskussionen ja immer erst dann, wenn aus ganz anderen Himmelsrichtungen von oben her auf einzelne Ortsteile mit dem Finger gezeigt wird, obwohl 90 Prozent der Leipziger dort nie unterwegs sind.

„Schwieriger wird es“, so Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal, „wenn man die Sache global betrachtet.“ Dann beeinflussen Geschichten vom Hörensagen das Bild. Und natürlich Bilder, die von Medien selektiv verbreitet werden.

Was nicht bedeutet, dass es keine zunehmende Verunsicherung gibt. Die Stadt wächst, wird immer voller. Und das wird besonders im ÖPNV spürbar: Haltestellen, Bahnen und Busse werden immer voller und man hat öfter mit Menschen zu tun, die man nicht sofort einordnen kann. Zwar fühlen sich regelmäßige Nutzer im ÖPNV generell sicherer als Leipziger, die selten bis nie Straßenbahn und Bus nutzen.

Aber gerade an den Haltestellen ist das Gefühl der Sicherheit seit 2011 spürbar zurückgegangen – von 89 auf 83 Prozent. Übrigens ein Thema, das zuallererst ein LVB-Thema ist. Denn es hat mit zu klein bemessenen Haltestellen und zu großen Abständen zwischen den Abfahrtzeiten zu tun. An Haltestellen, auf denen sich alles drängt und bei Einfahrt der Bahn alles zu schieben beginnt, fühlen sich viele Nutzer nicht mehr wirklich sicher.

Auch in den Bussen ist das Sicherheitsgefühl der Viel-Nutzer leicht zurückgegangen – von 80 auf 75 Prozent, in den Straßenbahnen sogar von 76 auf 69 Prozent. Das sind noch keine Alarmzeichen. Aber es erzählt davon, wie sich auch die Atmosphäre in öffentlichen Verkehrsmitteln verändert, wenn immer mehr Fahrgäste unterwegs sind und einige davon spürbar rücksichtsloser.

Die Frage ist dann eher: Helfen da Videokameras oder mehr Servicemitarbeiter? Oder gar mehr Fahrscheinkontrollen? Alles Fragen, die auch nach dieser Bürgerbefragung eher im Raum hängenbleiben.

Die aber auch wieder mit dem großen Thema Demographie zusammenhängen. Das wird beim Sicherheitsgefühl im Wohngebiet sichtbar: Studenten und Schüler fühlen sich in ihrem Wohngebiet zu sagenhaften 69 Prozent „sehr sicher“, bei männlichen Leipzigern zwischen 18 und 29 liegt der Wert bei 55 Prozent. Das ist im Grunde ein sehr hohes Maß an Unbekümmertheit, das viel mit Jugend zu tun hat und noch fehlenden negativen Erfahrungen. Man konsumiert auch deutlich weniger Geschichten über Kriminalität. Der Medienkonsum ist ein völlig anderer als bei den älteren Leipzigern. Was wieder darauf hindeutet, wie groß die Rolle der Medien ist, wenn es gerade bei älteren Menschen um das Gefühl geht: Ist meine Umgebung noch sicher oder nicht?

Logisch, dass dieses Gefühl, im eigenen Wohngebiet „sehr sicher“ zu sein, deutlich abnimmt und bei Leipziger Senioren nur noch 15 Prozent beträgt, auch wenn das Gesamtsicherheitsgefühl bei über 90 Prozent liegt. Man ist also nicht mehr so ausgelassen, achtet mehr auf Gefährdungen.

Was dann dazu führt, dass sich die Bewohner der Innenstadtbezirke überdurchschnittlich sicher fühlen. Und ein verblüffender Effekt taucht dann nachts auf: Hier gehört ausgerechnet Connewitz zu den Ortsteilen, wo sich die Bewohner nachts überdurchschnittlich sicher fühlen.

Die größten Unsicherheitsgefühle haben sichtlich Bewohner der östlichen Außenbezirke: Thekla, Plaußig, Portitz. Es sind also die Orte mit der größten sozialen Kontrolle (auch danach wurde gefragt), wo das Gefühl der Unsicherheit höher ist als im Stadtkern.

In einer Karte bringt es der Bericht zur Umfrage besonders deutlich auf den Punkt: Gerade die ländlichen Ortsteile sind von einer überdurchschnittlichen Wahrnehmung möglicher Störungen der Ordnung geprägt – divergierend aber zum tatsächlichen Vorkommen von Straftaten. Heißt im Klartext: Gerade da, wo es besonders viele Störungen im Stadtbild gibt, werden sie weniger häufig als Störung empfunden. Sie gelten dann eher als Teil eines gewohnten Stadtbildes.

Man bekommt das Bild einer völlig geteilten Stadt, auf die die Bewohner aus völlig unterschiedlichen Perspektiven sehen. Denn je ruhiger und abgelegener ein Wohnort ist, umso stärker ist die Nachbarschaftskontrolle ausgeprägt – in allen ländlichen Ortsteilen bestätigen das 35 Prozent der Befragten, während der Wert dieser nachbarschaftlichen Aufmerksamkeit im Stadtinneren unter 15 Prozent sinkt. Und oft genug sind es Akteure dieser ländlichen Ortsteile, die mit Misstrauen und Unverständnis auf die scheinbar chaotischen Verhältnisse in einigen innerstädtischen Stadtteilen schauen.

Heißt also: Sicherheit ist ein sehr subjektives Empfinden.

Aber was sorgt eigentlich für das Gefühl von Unsicherheit?

Dazu mehr im nächsten Teil.

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