Es wurde schon mehrfach in den vergangenen Wochen thematisiert, dass Flüchtlinge auch in Leipzig sehr unterschiedlich behandelt werden, auch und gerade was ihre Herkunftsländer betrifft. Das wurde sehr deutlich, als Anfang März die ersten Geflüchteten aus der Ukraine in Leipzig ankamen und die LVB vermeldeten: „Ukrainische Schutzsuchende fahren kostenlos mit den LVB“.

Was durchaus eine verständliche Aktion ist. Denn wer so vor einem Krieg flüchten muss, hat keine Reserven und in diesem Fall meist auch keinen Euro in der Tasche. Da muss geholfen werden mit allen in Leipzig vorhandenen Möglichkeiten.

Was umso leichter ist, weil alle täglich die Bilder dieses Krieges vor Augen haben. Nicht nur, dass ein Krieg in dieser Art in Europa seit Jahrzehnten nicht stattgefunden hat, sondern weil er auch medial so präsent ist wie kein anderer Krieg in den vergangenen Jahrzehnten.

Nicht einmal die Kriege in Syrien, dem Irak oder Afghanistan waren so präsent. Je weiter weg Kriege stattfinden, umso weniger Nachrichten gelangen auch nach Deutschland. Die meisten Kriege sind sogar praktisch unsichtbar – so wie die aktuellen Kriege in Äthiopien oder dem Jemen.

Sie werden meist erst sichtbar, wenn die vor diesen Kriegen Fliehenden in Europa ankommen, auch wenn die Berichterstattung sie in der Regel anonymisiert. Dann sind es immer irgendwelche anonymen Flüchtlinge in Booten auf dem Mittelmeer oder nicht näher benannte Flüchtlinge, die an den Grenzen Polens oder Griechenlands zurückgejagt werden, im Fachchinesisch: Pushback.

Wer es trotzdem in eine Stadt wie Leipzig schafft, hat mehr als nur eine Odyssee hinter sich, steht aber gleichzeitig unter einem enormen Rechtfertigungsdruck, denn während selbst deutsche Ämter im Fall Ukraine erstaunlich schnell reagieren können und Entgegenkommen zeigen, zweifeln sie den Flüchtlingsstatus von Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten meist sehr gründlich an, dauern Bewilligungsprozesse ewig, meist viel länger als die Entscheidung deutscher Innenminister, die schutzsuchenden Menschen eiligst in ein Flugzeug zu stopfen, um sie wegzuschaffen – auch in offiziell als „unsicher“ deklarierte Länder.

Da ist die Frage, die sich die Leipziger Stadträtin der Linken, Juliane Nagel, stellt, nur zu berechtigt. Warum bekommen andere Geflüchtete nicht ähnliche Angebote?

„In der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in der Max-Liebermann-Straße leben mehrere hundert Geflüchtete, manche schon seit vielen Monaten“, zitiert sie den Sächsischen Flüchtlingsrat, „auch in den kommunalen Gemeinschaftsunterkünften waren zum 31.12.21 über 2.000 Geflüchtete im Bezug des Asylbewerberleistungsgesetzes untergebracht.“

Die LVB verkündeten am 2. März, dass ukrainische Geflüchtete die Bahnen und Busse der LVB kostenfrei nutzen können. Auch Leipziger Kulturhäuser öffnen ihre Angebote für die entgeltfreie Nutzung, wie die Stadt am 30. März miteilte.

Die Linksfraktion findet diese Angebote unterstützenswert, im Sinne der Gleichbehandlung von Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Notlagen flüchten, allerdings erweiterungsfähig, stellte Juliane Nagel nun fest.

Und so möchte sie zur nächsten Ratsversammlung am 18. Mai gleich drei Fragen beantwortet haben:

1) Wie lange und für welche Personen mit welchem Status gilt das Angebot der kostenfreien Nutzung des ÖPNV und wie lange und für wen die Angebote der Kulturhäuser?

2) Welche Möglichkeit sieht die Verwaltung, die kostenfreie ÖPNV-Nutzung auch für Bewohner/-innen der Erstaufnahmeeinrichtungen zu ermöglichen?

3) Welche Kulturangebote der städtischen Kulturbetriebe stehen Geflüchteten aus anderen Kriegs- und Krisengebieten kostenfrei zur Verfügung?

Da dürfte sich auch mancher Mitarbeiter in der Stadtverwaltung daran erinnert fühlen, dass man amtlicherseits durchaus Unterschiede macht nach der Entfernung der Länder, aus denen die vor Krieg Geflüchteten nach Leipzig gekommen sind.

Empathie quasi nach geografischer Distanz verteilt. Und natürlich eng verbunden mit einer seit Jahren schon arg reduzierten Berichterstattung deutscher Medien über all die Kriege und Konflikte, die sich außerhalb Europas abspielen.

Auf die Antworten darf man gespannt sein.

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Es gibt 3 Kommentare

Was für eine Argumentation! Wie kann ein Krieg “nur bedingt relevant” sein! Das Agieren der Stadtverwaltung passt zu einer Aussage, die ich neulich in der Straßenbahn aufschnappte: “Klar müssen wir denen helfen. Das sind jetzt ja Frauen mit Kindern – nicht junge Männer mit Handys.” Ich möchte noch hinzufügen: Es sind ja christlich geprägte Menschen, keine Muslime… Gruselig, welche Unterschiede man hier macht zwischen Menschen, die Schreckliches erleben mussten.

Ich schlage zwei neue Kategorien für Artikel vor:
– “berechtigte Frage”
und
– “unberechtigte Frage / CDU-Frage”

Solche Unterschiede sollten nicht sein aber es ist nur menschlich, dass man seinen “Nachbarn” eher hilft als einem “Fremden”. Solche Angebote sollten aber jetzt langsam wieder beendet werden. Es wird übrigens laufend über andere Kriegsgebiete berichtet, nur nicht auf der Titelseite, was völlig okay ist. Am Ende wollen Menschen die für sie relevanten Nachrichten. Die harte Wahrheit ist, dass ein Krieg im Jemen für uns nur bedingt relevant ist. Eine Ausnahme bilden Flüchtende als Folge des Krieges.

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