Mit dem Jugendparlament hat der Leipziger Stadtrat ein echtes Korrektiv an seiner Seite. Die jungen Leute stellen immer wieder Anträge, bei denen so manchen älteren Stadträten die Puste wegbleibt und die Ämter der Verwaltung meinen: „Das geht sowieso nicht!“ Aber oft reagieren sie so, weil sie – anders als die Jugendlichen – die Brisanz etwa des Klimawandels immernoch nicht begriffen habe. Wie beim Antrag „Baumstark durch Kinder“.

Das Jugendparlament hatte in dem Vorstoß einen doppelten Sinn gesehen: „Die Geste kann dem Trend von Familien entgegenwirken, die nach der Geburt eines Kindes in ländlichere Gegenden ziehen. Denn letztendlich ist es nicht nur Baum, sondern auch ein Beitrag zum Stadtklima und -bild.“

Dabei hat Leipzig jetzt schon ein massives Problem, seinen Baumbestand zu erhalten. In den drei Dürrejahren 2018 bis 2020 mussten besonders viele Parkbäume gefällt werden, weil sie schlicht vertrocknet waren, wie eine Grünen-Anfrage ergab.

Auch um die Rettung von Straßenbäumen muss gekämpft werden. Auch sie leiden unter Hitzestress. In vielen Straßen fehlen Bäume gänzlich. Und eigentlich ist es auch nicht neu, dass Bäume das Stadtklima deutlich verändern. Wenn es sie gibt. Und wenn sie vor allem die Flächen bedecken, die heute als asphaltierte oder gepflasterte Wüste regelrechte Hitzeinseln im Stadtgebiet sind.

Also wollte das Jugendparlament mit dem Vorstoß, für jedes neu geborene Kind auch einen Baum pflanzen zu lassen, richtig ranklotzen und Leipzig tatsächlich mit deutlich mehr Grün versehen, als das die bisherigen Pflanzungen der Stadt sichtbar werden lassen.

Aber das Amt für Stadtgrün und Gewässer, das die Stellungnahme der Stadtverwaltung formulierte, sieht sich durch den Antrag völlig überfordert.

„Bei der durchschnittlichen Geburtenrate der letzten Jahre würden jedoch ungefähr 6.500 zusätzliche Bäume pro Jahr gepflanzt werden müssen, um den Ursprungsantrag zu realisieren. Im Jahr 2020 sind in Leipzig beispielsweise 6.476 Kinder zur Welt gekommen“, macht es die Rechnung dazu auf.

„Allein diese Zahl und die damit verbundene jährliche Aufgabe, ist nicht umsetzbar. Zum Vergleich: Im aktuellen Straßenbaumkonzept 2030 wurde ein Zuwachs von 1.000 Bäumen pro Jahr als finanziell und technisch realisierbar eingeschätzt. Eine zusätzliche Pflanzung von 6.500 Bäumen pro Jahr übertrifft dies bei weitem. Auch in Grün- und Parkanlagen kann diese Anzahl nicht annähernd realisiert werden.“

Aus Sicht des Amtes wäre also eigentlich nur ein symbolischer Akt möglich.

„Als Alternativvorschlag zum Ursprungsantrag wird daher die Pflanzung eines Baumes für jeden künftigen Geburtenjahrgang vorgeschlagen. Auf einer dazugehörigen Stele, entsprechend der Stele der Jahresbäume, wird die entsprechende Zahl der Geburten des Jahrgangs versehen. Die Bäume werden im gesamten Stadtgebiet in öffentlichen Park- und Grünanlagen und auf Spielplätzen gepflanzt“, schlägt die Verwaltung vor.

Was zumindest den kleinen Reiz hätte, dass jeder Jahrgang seinem eigenen Baum beim Wachsen zuschauen kann. Nur die Bindungskraft junger Eltern an die Stadt dürfte das nicht wirklich erhöhen.

Auch wenn das Grünflächenamt betont: „Neu gepflanzte Bäume und Neugeborene vereinen die Zukunft auf eine sehr schöne Art und Weise. Daher wäre es eine schöne Sache, jedem Neugeborenen einen Baum zum Start ins Leben zu widmen.“

Aber einen Baum für jeden Jahrgang – das wäre leicht, so die Stellungnahme. „Für den Geburtenjahrgang 2021 soll im Herbst 2022 auf dem Spielplatz Dammstraße ein Baum mit entsprechender Stele gesetzt werden.“

Dieser Spielplatz befindet sich in Schleußig südlich vom Schleußiger Weg in einer Kleingartenanlage.

Aber natürlich könnten Eltern auch ohne so ein Programm einen Baum für ihr Kind in Patenschaft nehmen, nutzt das Amt für Stadtgrün und Gewässer die Stellungnahme auch gleich zur Werbung: „Zusätzlich besteht die Möglichkeit, über die Aktion ‚Baumstarke Stadt‘ Patenbäume zu widmen. (…) Über den Spendenfonds der Aktion, ab 250 EUR ist eine Baumpatenschaft möglich, werden damit die städtischen Baumpflanzungen unterstützt.  Dieses Angebot hat sich langjährig bewährt und wird auch gerne und zahlreich von den Leipziger Familien genutzt, wie die vielen Patenbäume mit ihren Widmungsschildern im Stadtbild zeigen.“

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