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106 Millionen Euro für den Saale-Elster-Kanal? – AHA fordert die komplette Veröffentlichung der Potenzialanalyse

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    Zum Neuseenland-Kongress während der Messe "Beach und Boat" wurde die Potenzialanalyse zum Elster-Saale-Kanal vorgestellt - mit einer Prognose der benötigten Mittel für den Ausbau: immerhin 106 Millionen Euro. Doch die zugrunde gelegten Zahlen für den Betrieb sieht auch der Arbeitskreis Hallesche Auenwälder zu Halle (Saale) e.V. (AHA) mit großer Skepsis.

    „Die Frage stellt sich schon nach dem Sinn des Vorhabens, welches auf einer Länge von 12 km ab Hafen Leipzig-Lindenau in den Jahren 1933 bis 1943 gebaut wurde und insgesamt 20 km betragen soll“, benennt Andreas Liste, Vorsitzender des AHA, die Grundprobleme des Kanalprojekts, das einst nicht für den touristischen Verkehr geplant war, sondern für die Anbindung Leipzigs an das Wasserstraßennetz über Saale und Elbe nach Hamburg. Im 19. Jahrhundert durchaus ein modernes Projekt.

    Doch im 21. Jahrhundert gibt es in Leipzig keine Schwerindustrie mehr, die auf große Tonnagen von Rohstoffen angewiesen wäre, die mit Schiffen antransportiert werden müsste. Ein durchgehender Ausbau des Kanals macht nur noch in touristischer Hinsicht Sinn. Und da taucht sofort die Frage auf: Wie groß muss der Betrieb sein, damit sich die Investitionssummen wieder einspielen?

    „Einst für 1.000 Tonnen-Schiffe konzipiert, wäre das Vorhaben womöglich zuerst ein teures, steuerfinanziertes Vorhaben, wobei schon auf der Saale zwischen Halle-Trotha und der Elbe kein derartiges Wasserfahrzeug fährt. Auch die Gefahr des weiteren Ausbaus der Saale zwischen Merseburg und Halle nähme erheblich zu. Das hätte massive Eingriffe in weitgehend unverbaute und somit arten- und strukturreiche Abschnitte der Saale in dem Bereich zur Folge“, befürchtet Andreas Liste die weiterreichenden Folgen für die Saale, die von einigen Lobbyisten als Ausbauprojekt ebenfalls seit Jahren forciert wird. Wieder besseres Wissen. Denn selbst die Elbe, die den Schiffsbetrieb aufnehmen sollte, ist nur in begrenzten Perioden des Jahres schiffbar. Einige trockene Jahre in der letzten Zeit haben den Schiffsbetrieb deutlich eingeschränkt. Und das würden auch teure Wasserstraßen-Ausbauten nicht ändern.Auch wären noch massive bauliche Maßnahmen an dem 8 Kilometer langen nicht gebauten Teil des Elster-Saale-Kanals erforderlich. Als Beispiel nennt Liste, dass ein 22-Meter-Höhenunterschied zwischen Saale und dem Kanal zu überwinden wäre. Dazu plante man einst in Wüsteneutzsch bei Kreypau eine große Schleuse, welche als Doppelschleuse ausgelegt war und der Hub der beiden Schleusenkammern jeweils 10 Meter betragen sollte.

    Liste: „Auch wenn die obere Schleusenkammer noch zu zirka 75 Prozent fertiggestellt wurde, begann man bei der unteren Schleusenkammer lediglich mit den Erdarbeiten für die Fundamente. Trotz alledem müsste womöglich ein kompletter Neubau erfolgen. Darüber hinaus ist man zwar heute ohne weiteres in der Lage, Schleusen mit 30 Meter Hubhöhe zu errichten und zu betreiben, aber im konkreten Fall stellt sich die Frage nach dem Aufwand-Nutzen-Verhältnis.“ Besonders dann, wenn es sich nur um einen Kanal vorrangig für motorisierte Hobbyschiffer handeln solle.

    Nicht unbeachtet bleiben dürfe auch, dass sich in dem bereits existierenden Kanalteil eine eigene Fauna und Flora entwickelt hat, die im Falle eines weiteren Ausbaus Schaden davontragen würde. „Das trifft im Übrigen auf die gesamte Saale-Elster-Luppe-Aue zu“, sagt Liste. Und erinnert an die wahrscheinlichen Folgen des Klimawandels für die Region: „Des weiteren befindet sich der Raum zwischen Halle und Leipzig im Regenschatten des Harzes und ist daher von Niederschlagsarmut gekennzeichnet. Auf Grund des voranschreitenden Klimawandels ist mit einer umfassenden Verschärfung dieser Situation und somit mit einer weiteren Wasserverknappung zu rechnen.“Folgerichtig wird das Ausbauvorhaben in dieser Dimension vom AHA aus ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten sehr skeptisch beurteilt. Dabei sieht Liste auch die nunmehr 90.000 Euro teure, aus Steuermitteln finanzierte Machbarkeitsstudie sehr kritisch. Sie gehe „bewusst von einer sehr vielfältig zu betrachtenden sehr hohen Erwartung aus, wenn man 500.000 Touristen im Jahr zu Grunde legt.“

    Das wären rund 1.370 Touristen pro Tag. Und zwar nicht irgendwelche, sondern solche, die gezielt den Elster-Saale-Kanal mit dem Boot ansteuern. Für Liste eine Zahl, die er mit großer Skepsis betrachtet. Immerhin ist es nichts anderes als eine Zahl, mit der die Refinanzierung der geplanten 106 Millionen Euro überhaupt erst einmal darstellbar ist. Und es ist eine Zahl, die über mehrere Jahrzehnte so eintreten muss.

    Was die Studie nicht geboten hat, war eine fundierte Prognose für diese Zahl. Konnte sie auch nicht, denn dieses Segment des Wassertourismus existiert in Mitteldeutschland ja noch nicht. Es gibt auch keine Risiken-Diskussion – zum Beispiel mit unterschiedlichen klimatischen Szenarien oder mit der nachwachsenden Konkurrenz gerade im Wassertourismus. Man kann solche Investitionen nicht nur auf Schön-Wetter-Szenarien aufbauen.

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    „Entweder es tritt nicht ein und die Steuermittel wären verpulvert“, meint Liste, „oder es tritt ein und es entstehen zahlreiche zusätzliche Straßen, Parkplätze und Gebäude. Verheerend, wenn man an beide Vorstellungen denkt.“

    Auf Grund der Brisanz des Vorhabens fordert der AHA nun die Verantwortlichen und Geldgeber des Gutachtens im Land Sachsen-Anhalt und im Freistaat Sachsen, im Landkreis Saalekreis sowie in den Städten Halle (Saale) und Leipzig auf, die Machbarkeitsstudie endlich der Öffentlichkeit vollumfänglich und lückenlos noch im März 2012 vorzustellen. Das ständige Verkünden von propagandistischen Lobpreisungen über die Medien reiche da nun wahrlich nicht aus.

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