Sie wollen Yachten und Motorboote an den Mann bringen, sie wollen Platz bekommen für Motorbootsverkehr. Freie Fahrt, wo immer ein Gewässer ist. Dafür gibt es Messen wie die "boot" in Düsseldorf oder die "Beach&Boat" in Leipzig. Und dafür machen sie Lobbyarbeit bei Verbänden und Politik: die Mitglieder des Bundesverbandes Wassersportwirtschaft e.V. (BVWW). Natürlich geht es ums Geschäft, um verkaufte Motorboote und mehr Marktanteile. Und der Seenlandkongress in diesem Jahr gehört mal wieder der Motorbootlobby.

So hatte es die Leipziger Messe auch angekündigt: “Themen in diesem Jahr sind unter anderem die Vorstellung der Positionen des Bundesverbands Wassersportwirtschaft e.V. gegenüber der Politik, der aktuelle Stand sowie Ausblick beim Tourismuswirtschaftlichen Gesamtkonzepts (TWGK) für die Gewässerlandschaft im Mitteldeutschen Raum und neue Entwicklungen in den Wasserrevieren Leipziger Neuseenland und Lausitzer Seenland.”

Und kein Mann hätte besser gepasst in die Lobbyarbeit für die Aufmotorisierung des Leipziger Neuseenlandes als Jürgen Tracht, Geschäftsführer des BVWW, der am 10. Februar zur Eröffnung des 7. Neuseenlandkongresses sprach und sich über das lokale Kleinklein in der Leipziger Region echauffierte. Ein bekannter Ton, der seit 2006 mitschwingt, seit die Akteure im Leipziger Neuseenland so eine Art “Wassertouristisches Nutzungskonzept” entwickelt haben, mit dem perspektivisch die Befahrung der Gewässerlandschaft mit Motorbooten begründet wurde.

Das Denken, das dahinter steckt, wurde bei Trachts Auftritt noch einmal deutlich. Aus Perspektive der Motorbootkapitäne existieren Wassersportreviere nur, um in Konkurrenz zueinander um das – zahlungskräftige – Klientel der Motorbootschiffer zu buhlen. Seenlandschaften sind aus dieser Perspektive nicht dazu da, um sich mit eigenen Profilen oder gar sanftem Wassertourismus zu unterscheiden von den anderen. Sie haben sich – so sieht es der BVWW – in direkte Konkurrenz miteinander zu begeben. Sonst kommen die Motorbootkapitäne nicht.

Von “harten Konkurrenten” sprach Tracht am Dienstag. Die alten Bundesländer seien das genauso wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Was er nicht sagte – aber meinte – war die Ansage: Konkurrenten um was? Er deutete es aber an, als er mit breiter Brust empfahl, die hiesigen Akteure mögen doch ihr Augenmerk bitteschön auf “Wassersportarten mit Potenzial” richten. Und damit meinte er nicht Kanuten, Segler oder Surfer. Er versteht seine Rolle als Lobbyist. Und er kämpft vor allem für eine Wassersportart: “Das größte Wachstumspotenzial hat der Motorwassersport.”

Für die Leipziger Volkszeitung war das gleich mal eine Abrechnung wert: “Bundesverband der Wassersportwirtschaft rechnet mit dem Neuseenland ab”. Als wäre dieser Spezialverband der Motorbootlobby eine allmächtige Organisation, die bestimmen darf, welches Wassersportrevier wie auszusehen hat und welche Chancen es hat.

Doch im Neuseenland gibt es eine ganze Menge Akteure, die glauben, dass das so ist. Die auch glauben, das Neuseenland wäre erst “konkurrenzfähig”, wenn die Kanäle, Gräben und Flüsse durchgängig für Motorboote befahrbar sind und auf jedem See alles möglich ist.

Dabei hat die Arbeit der im Gewässerverband Versammelten genau an dem Punkt Gutes geleistet: Gerade die Spezialisierung der Seen hat dazu geführt, dass Vielfalt auch erlebbar ist. Das wird auch in Zukunft eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale für das Neuseenland gegenüber anderen Wassersportrevieren sein.

Und wer richtig hingehört hat, hat gemerkt, wie Tracht genau dagegen zu Felde zog. Aus Sicht seiner Branche muss alles überall gleich sein, müssen alle Wassersportreviere dieselben Regeln haben. Sonst kommen seine Yachtbesitzer nicht.

Und die LVZ zitiert den “Branchenexperten” auch gleich im Titel: “Das ist das Todesurteil”.

Das bezog sich zwar nicht aufs Neuseenland direkt, sondern auf die notwendigen Anträge für bestimmte Nutzungen, die nun einmal gesetzlich vorgegeben sind. Wahrscheinlich bekommt man diese Anträge in Düsseldorf, München oder Köln nicht gleich im Internet, sondern erst beim ersten Termin auf dem Amt.

Aber es klang trotzdem mit, dass Tracht dem Neuseenland einfach mal aus Sicht der Motorbootlobby die Zukunft absprach.

Auch wenn er nur die Zukunft seiner Lobby meinte. Darüber wird ja im Neuseenland heftig – und zu recht – gestritten. Denn das Neuseenland ist kein natürlich entstandenes Wassersportrevier, sondern eines, das mit teuren Steuermitteln aufwändig rekultiviert, renaturiert und überhaupt erst einmal in eine nutzbare Wassersportregion verwandelt wurde. Kein einziger Förder-Euro ist geflossen, damit diese geschundene Landschaft ruckzuck in ein Fahrparadies für Motorbootkapitäne verwandelt wird. Das war auch nie das einzige Ziel der Akteure im Gewässerverbund, im Grünen Ring, in der Steuerungsgruppe Neuseenland oder im Tourismusverein. Bei manchen schon, bei vielen aber nicht. Denn die Entwicklung des Neuseenlandes war vor allem auf die Entwicklung für die Region gerichtet – auch und gerade als Erholungsaum für die hier lebenden Menschen. Das Neuseenland würde auch dann funktionieren, wenn kein einziger Yachtbesitzer aus NRW oder Bayern mit dem Boot herüberkäme.

Es stirbt auch nicht, wenn der BVWW jetzt einfach mal boykottiert.

Aber darum ging es nicht. Der Seenlandkongress ist ja nicht zum ersten Mal die Plattform, auf der die Motorbootlobby (mit wechselnden Akteuren und den immer gleichen Argumenten), versucht, der Motorschifffahrt mehr Rechte und mehr Raum im Gewässerverbund zu verschaffen.

Nicht genug, befand Tracht kraft seiner Kapitänsmütze und forderte ganz offen, das Neuseenland solle sich “dem Wettbewerb der Regionen” stellen. Dem Wettbewerb um die Motorbootkapitäne. Der Kommentar aus dem Kanu-Verband dazu ist denkbar trocken. Denn zu recht nimmt man dort wohl an, dass diese Forderungen der Motorbootlobby bei einigen Akteuren im Neuseenland ankommen wie bestellt. Immerhin geht es ja im Wassertouristischen Nutzungskonzept um das Anwerben genau dieser Klientel: der Motorbootbesitzer. Die Wassersportler der sanften Wassersportarten werden dabei wie Zaungäste behandelt, die dürfen eh fahren, weil es ja nun mal öffentliche Gewässer sind.

Das Neuseenland steht tatsächlich an einer Schwelle. Und der Auftritt Trachts zeigt auch die eigentliche Schwäche: Die Unentschiedenheit der Akteure, die den Mumm nicht haben, dem sanften Wassersport im Neuseenland klar das Primat einzuräumen. Das würde die entstehende Wasserlandschaft tatsächlich von einigen Motorbootrevieren der Republik unterscheiden.

Und wahrscheinlich kämen dann auch eher andere Wassersporttouristen – die es aus Sicht des BVWW gar nicht gibt: Solche, die das Wasserwandern lieben, die Ungestörtheit von Gewässern, auf denen sie eben nicht von Motorbooten an den Rand gedrängt werden. Und vielleicht sollte man in dieser ganzen Diskussion zum Tourismus auf dem Wasser ab und zu auch mal an die Menschen denken, die am oder im Wasser ihre Freizeit verbringen möchten.

Und deshalb ist auch die Frage der Anbindung des Neuseenlands an die großen Flüsse interessant. Zumindest aus einer Perspektive.

Dazu gleich mehr.

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Es gibt 2 Kommentare

Ich denke auch, der Traum einiger Gutbetuchter von Motorbootsschiffahrt auf den Leipziger Seen sollte schnellstmöglich begraben werden. Es führt einfach nur zu Umweltschäden (der südliche Cospudener See ist zum Beispiel ein Naturschutzgebiet, von Teilen des südlichen Auwaldes brauche ich glaube ich nicht reden, da gibt es genug Informationen auch unter obigen Links) und nützt der Allgemeinheit recht wenig. Ich behaupte ein Großteil der Leipziger hat sehr viel mehr von den bestehenden Möglichkeiten des recht sanften Paddeltourismus, der auch durch Motorboote beeinträchtigt würde.
Ich jedenfalls freue mich schon auf die nächste kleine Bootstour im Frühjahr oder Sommer.

Schon das Streben danach und das Gerede darum – ist belästigend.
Das angestrebte Ziel scheint idiotisch, unnötig, dekadend, stinkend, lärmend, teuer und im höchsten Maße unnötig.
Die langfristigen Nachteile für die Gesellschaft überwiegen die kurzfristigen Vorteile für einige wenige deutlich.
Es wird ein Gegenstück zu dem werden, was die Bergwelt schon erlebt.
Wie bling oder gierig muss Mensch sein, um das nicht zu sehen?
https://www.youtube.com/watch?v=UEpOVkGRsN0

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