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Braunkohle: Pödelwitz soll Zukunftsdorf werden und bundesweite Mehrheit gegen weitere Dorfzerstörungen

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    Während in NRW der Kampf um den Erhalt des Dorfes Lützerath weitergeht, ist das Dorf Pödelwitz im Leipziger Süden inzwischen vor dem Zugriff des Tagebaus gerettet. Und die Dorfgemeinschaft kann jetzt etwas machen, was sogar Vorbildwirkung für andere Dörfer in Sachsen haben kann: eine Zukunftsvision entwickeln. Am Donnerstag, 4. November, stellten die Pödelwitzer ihr Konzept im Groitzscher Stadtrat vor.

    Selbstbestimmte Entwicklung vorantreiben

    Der Verein „Pödelwitz hat Zukunft e.V.“ konnte am Donnerstag im Groitzscher Stadtrat sein Gesamtkonzept für Pödelwitz vorstellen: Der Ort soll ein Modelldorf werden und exemplarisch zeigen, wie sich Dörfer in Strukturwandelregionen nachhaltig und zukunftsfähig entwickeln können.

    Dabei setzt der Verein auf regionale Kreisläufe und eine aktive und durchmischte Dorfgemeinschaft. Die Initiatior/-innen gehen davon aus, dass das Konzept im Rahmen des Kohleausstiegs bundesweite Strahlkraft haben und als Blaupause für andere Orte in Strukturwandelregionen dienen kann.

    „Statt die Entwicklung des Dorfes dem Markt zu überlassen, wollen wir selbstbestimmt eine lebendige Dorfgemeinschaft schaffen. Durch die Ansiedlung von Gewerbe wollen wir großteils im Ort leben und arbeiten. Das Konzept ist nichts Neues – Jahrtausende funktionierten Dörfer so – es versucht nur althergebrachtes mit den heutigen Anforderungen zu verbinden, um langfristig ein sozial- und klimagerechtes Landleben zu sichern“, erklärt dazu Matthias Werner von „Pödelwitz hat Zukunft“.

    Dem Bagger von der Schippe gesprungen

    Die Geschichte von Pödelwitz ist inzwischen längst überregional bekannt: Der Ort sollte für die Kohle abgebaggert werden und sprang dem Bagger von der Schippe. Nach wie vor gehören etwa 80 Prozent der Häuser dem Braunkohleunternehmen MIBRAG, das diese für den späteren Abriss aufgekauft hat, und stehen leer. Pläne für die künftige Nutzung seitens des Konzerns dazu sind nicht bekannt.

    Die letzte Meldung der MIBRAG zu Pödelwitz stammt aus dem Januar, als das Unternehmen meldete: „Der Ort Pödelwitz und das Abbaufeld Groitzscher Dreieck mit der Ortschaft Obertitz werden von MIBRAG für die Kohleförderung des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain nicht mehr in Anspruch genommen. Zur Umsetzung des sächsischen Koalitionsvertrages hat das Bergbauunternehmen mit dem sächsischen Wirtschaftsministerium und dem sächsischen Oberbergamt Gespräche geführt und der Nichtinanspruchnahme zugestimmt.“

    Demgegenüber haben sich bereits über 100 Menschen aus dem Leipziger Land und der Stadt Leipzig gefunden, die im Rahmen des Konzeptes von „Pödelwitz hat Zukunft“ das Dorf wiederbesiedeln wollen.

    Die Vision, was aus Pödelwitz werden könnte

    Mit den Menschen käme viel Energie und Ideenreichtum ins Dorf – und konkrete Projekte würden sich ansiedeln, die ineinandergreifen, betont Werner.

    Das Dorf Pödelwitz. Foto: Matthias Weidemann
    Das Dorf Pödelwitz. Foto: Matthias Weidemann

    Gemüse soll beispielsweise durch eine solidarische Landwirtschaft angebaut und direkt in der Dorfkantine oder dem Dorfcafé verarbeitet werden. Ein Coworking-Space soll die tägliche Fahrt ins Leipziger Büro ersetzen, ein Kulturzentrum Raum bieten für Veranstaltungen wie Lesungen und Konzerte. Auch ein Friseursalon soll sich ansiedeln und ein Startup, das aus Pilzmyzel Fahrradhelme herstellt.

    Im Ort soll zudem ein Wohnzentrum für Menschen mit Einschränkungen entstehen. Mit den betreuten Wohn- und Aufenthaltsgebäuden des Zentrums gäbe es dann einen Ort des Rückzugs. Durch Mitarbeit bei der solidarischen Landwirtschaft oder anderen Angeboten bei örtlichen Betrieben könnten dessen Bewohner/-innen des Wohnzentrums aktiver Teil des Dorflebens werden.

    Aber Pödelwitz könnte auch zeigen, dass moderne Dörfer einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz leisten können. Es könnte ein richtiges Labor, ein Lern- und Lehrort für nachhaltige, komplexe Lösungen des modernen Lebens werden. Noch ist das erst einmal Vision. Aber schon mehr, als Lützerath an Zukunft hat.

    Und dabei ist die Mehrheit der Bundesbürger längst gegen weitere Abrisse von Dörfern zugunsten eines Kohlebergbaus, der das Klima massiv schädigt.

    72 Prozent der Bundesbürger gegen weitere Dorfzerstörungen

    Das belegen die Ergebnisse einer Umfrage, die das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ am Freitag, 5. November, veröffentlicht hat.

    Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die Forderungen der Protestbewegung gegen Braunkohle nach einem Erhalt der bedrohten Tagebau-Dörfer. Zu dem Ergebnis kommt eine aktuelle repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Bündnisses „Alle Dörfer bleiben“.

    Während SPD, Grüne und FDP in Berlin über einen früheren Kohleausstieg verhandeln, sprechen sich 72 % der Bevölkerung in Deutschland in einer Umfrage gegen den Abriss weiterer Dörfer für die Braunkohle aus. Nur 14 % der Befragten befürworten die Abbaggerung, weitere 14 % machen keine Angabe.

    Das Bündnis sieht nun die Verhandlungspartner/-innen in Berlin in der Pflicht, alle bedrohten Dörfer rechtssicher zu erhalten, insbesondere das akut bedrohte Dorf Lützerath am Tagebau Garzweiler II. Des Weiteren müsse die Ampel-Koalition einen Kohleausstieg beschließen, mit dem Deutschlands Beitrag zur Einhaltung der 1,5 Grad-Grenze der Erderhitzung einzuhalten ist.

    Eine Steilvorlage für die Ampelkoalition

    „Die Umfrage zeigt deutlich: im 21. Jahrhundert noch Dörfer für Braunkohle abzureißen, ist nicht mehrheitsfähig”, sagt Alexandra Brüne von „Alle Dörfer bleiben“. „Es ist großartig zu wissen, dass bei unserem täglichen Widerstand gegen RWEs Kohlebagger der größte Teil der Bevölkerung hinter uns steht. Die Welt schaut bei den UN-Klimaverhandlungen auf Deutschland und erwartet einen Kohleausstieg, der unser aller Überleben sichert. Die Verhandlungsteams von SPD, Grünen und FDP können und müssen diese beiden Maßnahmen jetzt beschließen! Nie war es so einfach für die Regierung, gute Klimapolitik zu machen.”

    Die genaue Frage der Umfrage lautete: „Deutschland steigt spätestens 2038 aus der Kohleverstromung aus, ein früherer Ausstieg bis 2030 wird im Sondierungspapier von SPD / Grüne / FDP anvisiert. Diesen Herbst soll das Dorf Lützerath in Nordrhein-Westfalen als erstes von insgesamt sechs Dörfern für den besonders klimaschädlichen Braunkohle-Tagebau abgerissen werden. Sollten heute noch Dörfer für Braunkohle zerstört und die dort wohnenden Menschen zwangsumgesiedelt werden?”

    Den Teilnehmenden standen fünf Antwortmöglichkeiten zur Verfügung, die Antworten verteilten sich wie folgt : Ja (5 %), Eher ja (9 %), Weiß nicht/keine Angabe (14 %), Eher nein (19 %) und Nein (54 %).

    Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage der YouGov Deutschland GmbH, an der 2051 Personen zwischen dem 22. und 25.10.2021 teilnahmen. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.

    Noch immer neun Dörfer bedroht

    Derzeit sind in Deutschland noch neun Dörfer von der Abbaggerung für Braunkohle bedroht: Am Tagebau Garzweiler II in NRW will der Kohlekonzern RWE diesen Winter Lützerath und ab 2026 Keyenberg, Kuckum, Berverath sowie Unter- und Oberwestrich abreißen.

    Am Tagebau Hambach hat RWE das Dorf Manheim bereits zum Teil zerstört. Obwohl die Kohle unter dem Dorf nicht mehr gefördert wird, soll Manheim nach RWEs Plänen für die Gewinnung von Abraum zum Befüllen des Tagebau-Lochs abgerissen werden.

    In der Lausitz will der LEAG-Konzern noch das sorbische Dorf Miłoraz/Mühlrose abreißen, obwohl die Kohle darunter laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung energiepolitisch nicht gebraucht wird.

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