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Sachsens Landwirtschaftsministerium fördert fürstliche Kochbuchreihe mit fürstlichen Geldern

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    Wollte sich die Landtagsabgeordnete der Linken, Kerstin Köditz, selbst mal was Gutes gönnen oder hat sie einfach mal ein stilvolles Geschenk gesucht, als sie im Buchladen über das mit 216 Seiten nicht allzu dicke Kochbuch stolperte mit dem sinnigen Titel "Der praktische Koch - Anleitungen, alle Arten von Speisen nach französischem, deutschem und englischem Geschmacke zu bereiten"? Nicht der Preis für das Buch verblüffte sie.

    Obwohl 34 Euro für Kochbücher in dieser Größenordnung auch heute noch sehr ungewöhnlich sind – erst recht, wenn so ein Buch nur 7 Abbildungen hat und im Grunde nur eine Neuedition aus dem Jahr 1819 ist.

    Sie war eher verblüfft, dass das Buch einen Hinweis darauf enthielt, dass es vom Freistaat Sachsen gefördert wurde. Na sowas? Seit wann fördert der Freistaat Kochbücher? Und warum eigentlich? Und mit welchen Geldern?

    Sachsens Landwirtschaftsminister hat ihr jetzt geantwortet. Und die Antwort sieht ein ganz klein wenig anders aus, als es sich die Abgeordnete der Linksfraktion wohl erwartet hat. Richtig fördermäßig, könnte man sagen. Irgendwie will der Freistaat, in dem er solche Bücher sponsort, die regionalen Besonderheiten Sachsens bewerben. Jedenfalls klingt die Aussage von Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) so.

    Regionale Wirtschaft fördern?

    „Die Förderung dieses Projektes ist Teil der Bemühungen, Alleinstellungsmerkmale der regionalen Wirtschaft des Freistaates Sachsen zu identifizieren und daraus Impulse für die regionale Wirtschaft zu entwickeln“, erklärt er der neugierigen Abgeordneten. „Ziel des Projektes war es, eine umfassende Gesamtschau nach möglichen Produkten vorzunehmen. Besonders der wirtschaftlich wichtige überregionale Qualitätstourismus soll von dem Projekt profitieren.“

    Entweder hat ein Sachbearbeiter in seinem Ministerium diese Antwort formuliert oder die Abteilung „Tarnen, Tricksen, Täuschen“ war am Werk. Denn mit „Impulsen für die regionale Wirtschaft“ hat die angesprochene Buchreihe nichts, aber auch gar nichts zu tun.

    Was er weiter erklärt, verstärkt nur den Eindruck, dass hier die Abteilung „Tricks & Tarnung“ am Werk war: „Um die Wettbewerbsfähigkeit der sächsischen Betriebe der Land- und Ernährungswirtschaft sowie des Gastronomie- und Tourismusgewerbes zu verbessern, wurde innerhalb dieses Projektes die Unterschutzstellung von Ezeugnissen, wie geschützte geografische Angaben, geschützte Ursprungsbezeichnungen oder garantiert traditionelle Spezialität gemäß VO (EU) Nr. 115112012,VO (EG) 510/2006 beziehungsweise VO (EG) 509/2006 geprüft. Traditionelle sächsische Produkte sollten im Rahmen des Projektes ermittelt werden und an Bekanntheit gewinnen, um später über eine Schutzwürdigkeit entscheiden zu können“, ist in Schmidts Antwort nachzulesen. „Anliegen des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) mit diesem Projekt war es, die sächsische Ernährungswirtschaft zu stärken, indem die Regionalität zur Stützung der Wertschöpfung in der sächsischen Landwirtschaft fokussiert wird und regionaltypische Kulturgüter geschützt werden.“

    Die Wahrheit ist: Mit all dem hat die geförderte Buchserie nichts zu tun.

    Ein Forschungsprojekt zur Dresdner Hofküche

    Sie erscheint nicht mal in einem sächsischen Verlag (von wegen „regionale Wirtschaft“), sondern im Thorbecke Verlag in Ostfildern. Die 37.000 Einwohner-Gemeinde liegt in Baden-Württemberg und ist im deutschen Verlagswesen auch deshalb bekannt, weil hier eine ganze Reihe großer deutscher Verlage gelandet sind – eine Menge davon aus der einstigen Buchstadt Leipzig. Baedeker zum Beispiel. Auch MairDumont, Falk usw. sind dort ansässig. An Buchausstoß ist Ostfildern größer als Leipzig.

    Aber darum geht es nicht. Genauso wenig wie um die von Schmidt beschworenen regionalen Produkte. Eigentlich weiß das auch Schmidt, denn auf die letzte Frage von Köditz antwortet er: „Bei den Büchern 2 bis 4 der Anlage wurden traditionelle Rezepte wissenschaftlich untersucht, in die heutige Sprache übersetzt, nachgekocht und redaktionell aufbereitet. Bei den Büchern 1 und 6 handelt es sich um Nachdrucke kulturhistorischer Originalrezepte nebst wissenschaftlicher Auswertung.“

    Alle genannten Titel erscheinen im Verlag Thorbecke in einer Reihe „Land kulinarischer Tradition. Ernährungsgeschichte in Sachsen“. Das ist im Grunde ein wissenschaftliches Projekt. Der Herausgeber der Reihe ist der Historiker Josef Matzerath, tätig am Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte der Technischen Universität Dresden und dort mittlerweile Außerordentlicher Professor für Neuere Geschichte.

    Nur dass man sich vom Wort „Neuere“ nicht täuschen lassen darf: Sein Spezielthema ist der Adel, insbesondere die Adelsgeschiche. Und auch der Wikipedia-Beitrag weist darauf hin, was Matzeratz da eigentlich macht: „Der Ernährungsgeschichte in Sachsen widmet sich Matzerath im Rahmen des Projektes Kulinarische Tradition – 500 Jahre exquisite Kochkunst in Sachsen, in Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft und dem Verein ‚Ernährungsgeschichte in Sachsen e.V.'“

    500 Jahre feine Hofküche

    Worum es diesem Verein geht, ist unter dem Stichwort Forschung sehr genau nachzulesen: „Die Entwicklung der feinen Kochkunst in Sachsen lässt sich ohne historische Forschung nicht tiefgreifend verstehen. Daher eröffnen für das Projekt „Kulinarische Tradition – 500 Jahre exquisite Kochkunst in Sachsen“ mehrere historiografische Studien den Zugang zur kulinarischen Vergangenheit Sachsen. Sie sollen die Ästhetik der feinen historischen Küche erschließen, um die Bedeutung von Zutaten und Zubereitungsweisen verstehen zu können und insbesondere regionale Spezifika zu definieren.“

    Die Stichworte exquisit und feine Kochkunst tauchen nicht ohne Grund auf. Es geht vorrangig um die Kochkunst an den adligen Höfen, ganz speziell an dem der Wettiner in Dresden. Ein durch und durch adeliges Projekt.

    Das das Sächsische Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft auch adelig fördert. Das sind Zahlen, die auch sächsische Verlage verblüffen dürften, denn mit solchen Summen kann man wirklich komplette Buchproduktionen finanzieren.

    So wurde der 2014 erschienene Titel „Franz Walcha – Der praktische Koch, Dresden 1819 – Anleitungen alle Arten von Speisen nach französischem, deutschem und englischem Geschmacke zu bereiten“ mit 22.829 Euro gefördert.

    Für den ebenso exquisiten Titel aus dem Jahr 2013 Wolfram Siebeck / Georg W. Schenk / Josef Matzerath (Hgg.) „Hofmenüs für heute. Rezepte vom Dresdner Hof nachgekocht von sächsischen Köchen und Patissiers“ steuerte das SMUL 28.754 Euro bei.

    Ebenso königlich wurde der auch im Jahr 2013 erschienene Titel von Josef Matzerath/ Volkhard Nebrich „Produktküche – Europäische Kochkunst aus der feinen Küche des Dresdner Hofes“ mit 28.820 Euro bezuschusst.

    Von dem, was andere Verlage als Druckkostenzuschuss bezeichnen würden, sind diese Summen weit entfernt. Den Band „Produktküche – Süßspeisen, Gebäck und Getränke“ förderte das SMUL sogar mit 34.370 Euro. Auch hier war Matzerath Herausgeber. Und was wie ein ganz simples Buch für Süßmäuler klingt in der abgekürzten Variante in der Auskunft des Ministers, ist ebenso blaublütig wie die anderen Bände. Der Untertitel lautet: „Europäische Kochkunst aus der feinen Küche des Dresdner Hofes“. Ladenpreis: 40 Euro.

    Hofrezepte auf Kosten der Steuerzahler?

    Es ist fast so, als hätten die Wettiner beschlossen, nun alle ihre Familienrezepte mal auf Staatskosten verlegen zu lassen.

    Das ist dann bei Ernst Max Pötzsch „Vollständige Herrschaftsküche des Kronprinzen von Sachsen“, gefördert mit 27.543 Euro, schon unübersehbar, genauso wie bei Johann Deckardts „Kunstreich und Nützliches Kochbuch, Ein schönes nützliches vnndt köstliches Kochbuch vor Fürstliche personen …“, erschienen 1611. Um einmal den Waschzettel des Verlages zu Deckardt zu zitieren: „Der Autor des ‚New / Kunstreich und Nützliches Kochbuch‘ war Johann Deckhardt, ein Küchenschreiber vom kurfürstlich sächsischen Hof. Als ‚Küchenchef‘ dokumentierte er mit seinem Werk die Kochkunst der Berufsköche seiner Zeit. Sie bediente sich ausgesuchter zeitgenössisch rarer und teurer Produkte und überdurchschnittlich entwickelter Kochtechnik …“

    Was das alles mit der Förderung der heutigen regionalen Wirtschaft zu tun hat, weiß wahrscheinlich nicht mal Thomas Schmidt. Der „Deckardt“ wurde übrigens vom SMUL mit 46.472 Euro bezuschusst.

    Und auch der siebente in den Akten des SMUL auffindbare Titel erzählt von nichts anderem, als von adligen Tischsitten: Josef Matzeraths „Tafelkultur – Dresden um 1900“, erschienen 2013, bezuschusst mit 30.810 Euro.

    Macht dann zusammen 219.598 Euro.

    Alle genannte Titel gehören zwar in Josef Matheraths Forschungsprojekt zur feinen Küche an europäischen Fürstenhöfen, von ihm selbst klar eingegrenzt auf das „Beispiel Dresden“, heißt: den Hof der Wettiner. Warum aber die Kochbücher, mit denen er arbeitet, vom SMUL derart üppig gesponsort auch noch in Druck gehen mit der Behauptung, es handele sich um ein Projekt, mit dem man „die sächsische Ernährungswirtschaft“ stärke, „indem die Regionalität zur Stützung der Wertschöpfung in der sächsischen Landwirtschaft fokussiert wird und regionaltypische Kulturgüter geschützt werden“, erhellt sich bei Betrachtung der auch für heutige Verhältnisse nach wie vor exquisiten Hofküche zu Dresden nicht.

    Die komplette Antwort von Thomas Schmidt zu den vom SMUL finanzierten Kochbüchern.

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