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In Schlossparks wird der Bestand gepflegt, an Straßenrändern und in Großstädten verschwinden dafür die Bäume

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    Nicht nur in der Stadt Leipzig wurde seit dem von der CDU/FDP-Regierung novellierten „Baum-ab-Gesetz“ kräftig drauflos gefällt, mal mit Erlaubnis, meist ohne. Denn auf Privatgrundstücken gelten ja fast keine Regeln mehr. Aber wie sieht das eigentlich auf Grund und Boden des sächsischen Freistaats selbst aus, wollte der Grünen-Abgeordnete Wolfram Günther jetzt mal wissen. Mit erstaunlichem Ergebnis.

    Auf den ersten Blick sieht die Statistik, die der umweltpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion jetzt von Finanzminister Georg Unland bekommen hat, richtig gut aus: In den Jahren 2013 bis 2015 wurden auf den Liegenschaften des Freistaates rund 41.390 Bäume gefällt und 47.820 Bäume neu- bzw. nachgepflanzt. Das könnte man ja Zuwachs nennen, wäre dieser Zuwachs  nicht etwas einseitig verteilt.

    „Insgesamt sank damit die Biomasse an Bäumen dramatisch. Ein Ausgleich für die Verluste durch Fällungen wurde nicht annähernd erreicht“, stellt Wolfram Günther etwas erst einmal nicht so Überraschendes fest. „Ein neu gepflanzter, junger Baum erbringt nur einen geringen Bruchteil der biologischen Leistungen eines Altbaumes − etwa in Bezug auf Sauerstoffproduktion, Temperaturausgleich oder Lebensraumeignung für Tiere. Der Ausgleich eines alten Baumes durch Neupflanzung ist daher kaum möglich. Damit er annähernd erreicht wird, muss bei Neupflanzungen wenigstens ein Verhältnis 1:3 oder darüber angestrebt werden. Die Gesamtbilanz für den Freistaat auf seinen eigenen Flächen ist also deutlich negativ.“

    Das hängt natürlich mit dem in Sachsen gepflegten Tabula-rasa-Denken zusammen. Großräumig werden für Neubauten oft 50, 60, 70 Jahre alte Baumriesen abgetragen und in Futter für Kamine und Pelletheizungen verwandelt. Und da dafür nach Baurecht Ersatz geschaffen werden muss, entstehen meist an völlig anderer Stelle neue Plantagen mit jungen Setzlingen, die dann wieder Jahrzehnte brauchen, um zu einem ordentlichen Baumbestand heranzuwachsen.

    Nur in einer Abteilung scheint für den Freistaat wirklich ein schonender und nachhaltiger Umgang mit Baumbeständen zu gelten: In den Schlössern und Gärten Sachsens wurden wenige Baumfällungen durchgeführt und Neupflanzungen erfolgten zumeist mit einheimischen Arten, wie Günther erfreut feststellt. Als würden Parks und Schlossanlagen in einer anderen Welt liegen, wo andere Grundprämissen gelten.

    Da aber, wo Bäume eigentlich dringend gebraucht werden, weil sie dort Staub binden, Sauerstoff und Schatten spenden, da verschwinden sie, weil das zuständige Amt augenscheinlich keinen Plan hat, wie man mit Bäumen am Straßenrand eigentlich umgehen sollte.

    „An landeseigenen Straßenflächen sind die Zahlen dagegen absolut verheerend. So stehen 25.290 Fällungen, für die der Freistaat Verantwortung trägt, nur 10.040 Neuanpflanzungen gegenüber. Zusammengefasst: Schlösser und Gärten bleiben grün, Straßenränder werden abrasiert“, bringt der Grünen-Abgeordnete die völlig unterschiedlichen Entwicklungen auf den Punkt. „Einerseits mag es die Verkehrssicherungspflicht bedingen, dass gerade an Straßen viele Bäume gefällt werden müssen. Andererseits steht dort der nötige Raum für Bäume zur Verfügung und die Vorbildwirkung ist dort am größten, weil auf den Straßen viele Menschen unterwegs sind. Herausgehobene Bedeutung haben Straßenbäume als Filter für Schadstoffe, Feinstaub und Lärm sowie für das Landschaftsbild. Gerade für attraktive ländliche Räume kommt Straßenbäumen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.“

    In Mittelsachsen wurden – so Günther – bei ca. 3.970 Fällungen an landeseigenen Straßen immerhin etwa 3.300 Bäume neu gepflanzt. Das ist der einzige Landkreis, in dem die Neupflanzungen relativ nahe an die Fällzahlen herankommen.

    „Das ist viel zu wenig, vor allem, wenn man sieht, wie viel größer das Missverhältnis in anderen Landkreisen ist“, sagt Günther. Das negativ auffälligste Beispiel sei der Erzgebirgskreis mit etwa 940 Pflanzungen bei 3.790 Fällungen zwischen 2013 und 2015 an den Straßen des Freistaates.

    Auf den flussnahen Flächen, die die Landestalsperrenverwaltung unterhält, sind in den vergangenen drei Jahren in den meisten Landkreisen wieder Bäume durch Pflanzungen sowie durch natürliche Entwicklung hinzugekommen.

    „Das ist eine gute Entwicklung, die nach dem Tornado-Erlass aber auch dringend geboten war. Denn gerade unsere Flusslandschaften sind die Perlen des Naturschutzes und der Naherholung in Sachsen“, sagt Günther. Der „Tornado-Erlass“ sorgte gerade nach dem Winter-Hochwasser von 2011 für heftige Diskussionen und Kritik. Auch in Leipzig. Denn hier wurden aufgrund dieses Erlasses tausende Bäume auf uralten Deichen und Hochufern im Leipziger Auwald gefällt, ohne dass sichtbar war, dass sie als Hindernis für die Hochwasserbekämpfung irgendeine Rolle spielten.

    Der sogenannte Tornadoerlass bezeichnet den Auftrag des Sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft – seinerzeit von Umweltminister Frank Kupfer (CDU) –  an die Landestalsperrenverwaltung und die Landesdirektion Sachsen, Maßnahmen zur Gefahrenabwehr zu prüfen, nachdem am 24. Mai 2010 mehrere Hochwasserschutzdeiche beschädigt wurden, weil aufgrund eines Tornados Bäume umgestürzt waren. Dabei wurde davon ausgegangen, dass Bäume und Sträucher auf Deichen grundsätzlich eine Gefahr für Leib und Leben darstellen und diese deswegen beseitigt werden müssten. Selbst bei einem Widerspruch gegen natur- und umweltschutzrechtliche Vorschriften sowie Erhaltungszielen von Natura-2000-Gebieten wurden die Maßnahmen der Gehölzbeseitigung aufgrund angeblich immer und ständig drohender Beeinträchtigung der öffentlichen Sicherheit als vorrangig eingestuft. Dafür wurden an den sächsischen Fließgewässern die Naturschutzgesetze und Beteiligungsrechte aller Träger öffentlicher Belange außer Kraft gesetzt.

    Da passt in Sachen Baumschutz in Sachsen so einiges nicht zusammen. Von einer ganzheitlichen Vorgehensweise kann keine Rede sein.

    Wie krass die Verhältnisse sind, wird am Beispiel Leipzig deutlich. Hier wurden in den Jahren 2013 bis 2015 insgesamt 507 Bäume auf Flächen des Freistaats gefällt. Aber weil es sich oft genug um Neubauprojekte handelte, wurden die Neuanpflanzung nicht wieder im Leipziger Stadtgebiet angesetzt. Das Ergebnis ist: Lediglich 45 Neuanpflanzungen stehen diesen 507 Fällungen gegenüber. Gerade in der Stadt Leipzig mit ihrer hohen Luftbelastung kam also auf zehn gefällte Bäume gerade mal ein neu gepflanzter auf landeseigenen Flächen.

    Wolfram Günther: „Wenn wir in Sachsen Wert auf biologische Vielfalt, Biotopverbund und Vorsorge vor dem Klimawandel Wert legen, gehören Bäume in großem Maße dazu.“

    Antwort von Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) auf die Kleine Anfrage des Abgeordneten Wolfram Günther (GRÜNE) „Baumfällungen im Freistaat Sachsen“ (Drs. 6/4670).

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