Wenn der Bischof schweigt

Für alle LeserAn vielen Orten wird derzeit die Spaltung der Gesellschaft beklagt. Zwischen finanziell Oben und Unten, jung und alt, Stadt und Land sowie gebildet und weniger gebildet. Gern werden diese Risse zudem mit Begriffen wie „konservativ“, „progressiv“ oder gar noch flacher mit „Rechts“ und „Links“ belegt. Beschreibungen, welche regelmäßig fehlen, sind „reaktionär“ und „Anti-Aufklärung“. Zeit sie einzuführen, in eine Debatte um einen schweigenden Landesbischof, evangelikale Kreise in der sächsischen Landeskirche, eine gefälschte Petition und die helfende Hand der AfD.
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Dass Landesbischof Carsten Rentzing derzeit bewusst schweigt und zuschaut, wie sich die Diskussion um seinen Rücktritt in seiner Landeskirche Sachsen entwickelt oder noch außerstande ist, zeitnah seine Rücktrittsgründe zu präzisieren, ist bei der entstehenden Außenwirkung längst egal. Erst in der übernächsten Woche will sich Landesbischof Carsten Rentzing zu seinem Rücktrittsangebot äußern, so berichtet es die kirchliche Wochenzeitung „Der Sonntag“ am 17. Oktober 2019. Doch bereits am Montag, 21. Oktober, tritt das Landeskirchenamt zusammen, um zu beraten, wie sie mit dem Rücktrittsgesuch Rentzings umgehen soll.

Zeitweise habe man nach dessen Rücktrittserklärung vom 11. Oktober 2019 seitens des Landeskirchenamtes gar keinen Kontakt zu Rentzing gehabt so ihr Präsident, Hans-Peter Vollbach, gegenüber dem „Sonntag“. Doch Rentzing habe „entschieden, sich noch einmal zu der Tatsache zu äußern, dass er sein Amt zur Verfügung gestellt hat.“

Bis dahin ist also noch eine Menge Zeit, die andere zu füllen versuchen, während die Diskussion immer größere Kreise zieht.

Obwohl Rentzing selbst den Rückzug antrat, nachdem er auch die Gelegenheit des schriftlich geführen, unveränderten Interviews auf L-IZ.de nicht wirklich nutzte, näher auf seine Vergangenheit, die persönlichen Beziehungen zur „Bibliothek des Konservatismus“ oder weitere Kontakte zu ultrarechten Kreisen Deutschlands einzugehen, machen ihn nun Dritte zu einem Opfer vorgeblich „linker“ Meinungsmache, der bösen Pfarrer aus Leipzig und der Medien.

Wo er selbst bislang keine wirklich klärenden Worte auch zu seinem Studienfreund, „Fragmente“-Redaktionskollege und heutigen Leiter der „Bibliothek des Konservatismus“ Dr. Wolfgang Fenske fand, verteidigen ihn nun reaktionäre Kreise stellvertretend, während er schweigt.

Dabei rutscht mehr und mehr aus dem Fokus, dass niemand außer Rentzing selbst ihn aus dem Bischofs-Amt nehmen konnte. Dies tat er am 11. Oktober 2019 selbst. Vielleicht auch, weil er wusste, was erst Tage später klar wurde: auch bei seiner Bischofs-Amtseinführung im Jahre 2015 war Fenske eingeladen und zu Gast – die scheinbar ferne Vergangenheit ist also auch Teil der Gegenwart.

Rentzing-Verteidiger Teil 1: Die AfD Sachsen

Erst trat die AfD bereits am 2. Oktober in den Ring und gegen die Petition „Nächstenliebe verlangt Klarheit“ mit einer Pressemitteilung an. Welche im übrigen eben jener Landtagsabgeordnete Roland Ulbrich (AfD) mitverantwortet, der wenige Tage später nach dem Halleschen Amoklauf von Stephan B. auf Facebook in einem später gelöschten Post sinnierte, ob nun eine kaputte Synagogentür oder zwei erschossene Deutsche mehr Gewicht hätten. Nun ist der Leipziger Rechtsanwalt und „Flügel“-Mann Ulbrich mit dieser Gegenüberstellung eines fast stattgefundenen Massakers an einer versammelten jüdischen Glaubensgemeinde und den zwei anschließend wahllos Ermordeten von Halle auch deutschlandweit bekannt.

Hierin verteidigen Ulbrich und sein Leipziger Parteikollege Jörg Kühne (MdL) gemeinsam die studentische Mensur als „ein hervorragendes Erziehungsmittel“ und als „Mut“, um sich „in der Zivilgesellschaft gegen eine überbordende ‚political correctness’ zu wehren.“ Und verbinden dies im rechtsextremen Canon mit der vorgeblichen Selbstverteidigungsbereitschaft, denn wenn „totalitäre Tendenzen überhand nehmen, brauchen wir Akademiker und Christen, die sich dem tapfer entgegenstellen.“

Es ist dieses Raunen von mannhafter Wehrbereitschaft im Angesicht der heutigen Gesellschaft, was die AfD nicht zum ersten Mal in die Nähe derer rückt, die in dunklen Foren noch dunklere Bürgerkriegsphantasien „gegen das System“ oder „gegen die Diktatur“ austauschen. Und, wie in Halle am 09. Oktober 2019, hier und da auch zur aktiven Tat von Mord zu Mord schreiten.

Hat Carsten Rentzing in seinen Ausführungen zu seinen heutigen Haltungen zu solchen Kreisen im L-IZ.de-Interview aufrichtig geantwortet, wird er wohl in solchen Wortmeldungen eben jene demokratie- und menschenfeindliche Gesinnung entdecken können, die er gegenüber der L-IZ.de für sich persönlich verneinte. So lehne er heute „jede Form von Extremismus, Nationalismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit entschieden ab“.

Auch die Entwicklung der „Bibliothek des Konservatismus“ (BdK) verortete Rentzing selbst im „rechten Spektrum in Deutschland“. Zu Flucht und Vertreibung sieht er seine „Kirche Jesu Christi an der Seite der Schwachen und Hilfsbedürftigen, konkret damit auch an der Seite der Flüchtlinge“. Eine Position, aus der heraus er selbst für „Schwache und Schutzbedürftige“, welches überall gäbe, seine Stimme erheben wolle.

Gefühlt also unzählige Meilen entfernt von dem, was regelmäßig aus AfD-Kreisen zu vernehmen ist oder seit dem 2. Oktober 2019 seine von ihm nicht gerufenen Unterstützer von sich geben und unternehmen.

Doch ebenso weit entfernt finden sich seine eigenen Worte in den Texten vor rund 30 Jahren in einem Magazin namens „Fragmente“. In welchen er eben jenem Nationalismus das Wort redete, elitäre Führungsfiguren wünscht und der Demokratie die Lebensfähigkeit mit Worten wie „Entartungen“ absprach (zum Bericht darüber auf Tagesschau.de und als Zitate auf Wikipedia). Auch den kurzzeitigen Aufstieg der rechtsradikalen Republikaner Anfang der 90er soll er hierbei indirekt wohlwollend bedacht haben.

Widersprochen oder geleugnet, die Texte verfasst zu haben, hat er nicht und in seiner Rücktrittserklärung nur von Positionen gesprochen, die er „vor 30 Jahren vertreten habe“ und heute nicht mehr teile.

Naheliegend also, dass Rentzing vor allem über den Rentzing von einst vor seinem Rücktrittsgesuch am 11. Oktober 2019 gegrübelt hat. Zum Beispiel darüber, ob er seinen eigenen Worten als Bischof und gleichzeitiges Mitglied einer schlagenden Landsmannschaft, Teil einer rechtsnationalistischen Redaktion in den 90er Jahren und den anhaltenden Verbindungen mit BdK-Kreisen gerecht werden könne. Und so angesichts der Pfarrerspetition aus Leipzig sein Ziel einer geeinten Landeskirche noch erreichbar sei.

Denn diesen „Auftrag der Kirche“ sieht Rentzing heute „mehr denn je“ darin, „für die Wahrung von Menschlichkeit, Menschenwürde, für Respekt und Gewaltfreiheit einzutreten und sich schützend vor die Schwachen und Ausgegrenzten zu stellen.“ Das klingt so gar nicht nach einem Fanatiker. Und auch nicht nach AfD. Eher nach jemandem, der aufrichtig bedauert, wer er einmal war – und sich doch nicht ganz davon lösen kann.

Rentzing-Verteidiger Teil 2: Eine evangelikale Petitionsplattform

Ob sich Carsten Rentzing über die Unterstützung in Form der Petition „Für den Verbleib von Sachsens Landesbischof Dr. Carsten Rentzing im Amt!“ auf der Onlineplattform „Citizen Go“ freut, ist noch unbekannt. Menschen, die einen gegen den eigenen Willen in einem Amt halten wollen, welches man von sich aus abgeben möchte, sind nicht immer willkommen. Ob er die Initiatoren kennt, ist unklar.

Zumal es sich bei „Citizen Go“ weniger um eine Petitions-Seite üblicher Machart handelt. So ist auf der Seite das anonyme Unterzeichnen von Petitionen durch eine Person gleich dutzendfach möglich und man kann dafür Fantasie-Mail-Adressen nutzen.

So meldete Philipp Greifenstein, welcher im „Eulemagazin“ den innerkirchlichen Kampf regelmäßig kommentiert, auf Twitter am 18. Oktober, es habe soeben Mickey Mouse mit der Email-Adresse mickeymouse@mickeymouse.com die Petition erfolgreich unterschrieben. Und Arnd Henze von „Tagesschau investigativ“ meldete via Facebook: „Ich habe grad testweise die anonym gestartete Rentzing-Petition mit absurdem Fantasienamen und -mailanschrift ‚unterzeichnet’.“

Überprüft werden die Mailadressen demnach nicht, auch eine Postleitzahl oder andere Kennungen werden nicht verlangt. Und wer die Petition eingestellt hat, erfährt man nicht – Urheber sei „Citizen Go“ selbst.

Mehr als fragwürdig also wenn nicht eine Falschmeldung, wenn die „Freie Presse“ aus Chemnitz am 19. Oktober vermeldet, es hätten bis Freitag diese Petition „bereits über 13.000 Menschen unterschrieben.“ Und dies den 1.000 Unterzeichnern der Petition der Rentzing-Kritiker auf „Cange.org“ gegenüberstellt, wo all diese Sicherheitsvorkehrungen vor einer künstlich hochgejazzten Petition im Gegensatz zu „Citizen Go“ greifen.

Hinzu kommt, dass es sich bei den „Citizen Go“-Betreibern um eine 2013 gegründete Stiftung aus dem spanischen Madrid handelt, deren Ziele Wikipedia unwidersprochen so umschreibt: „Die Stiftung organisiert insbesondere weltweite Petitionen, etwa zur Verteidigung ihrer Auffassung christlicher Werte, der Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Ehen, Abtreibung und Euthanasie.“

Während die unverkennbar im evangelikalen Bereich angesiedelte Plattform sich also in Kampagnen gegen die deutsche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Ehepaaren einsetzt, gegen Schwule und Lesben agitiert, Sexualaufklärung bekämpft und Abtreibungen kategorisch ablehnt, fehlt ihr jede technische Vorkehrung, um ein realistisches Bild der Unterstützung für Carsten Rentzing zu zeichnen.

Dass ein sogenanntes „Chapta“ fehlt, um eine scriptbasierte automatische Unterschrift im Sekundentakt zu vermeiden, macht den Eindruck rund – und die Zahl der angeblichen Unterstützer hoch. Hier könnte ein mittelmäßig begabter Programmierer im Alleingang jede Petition auf mehrere hundertausend Unterstützer hinauftreiben.

Was da wirklich vorgeht, bleibt also im Verborgenen, einen Transparenzbericht, wie „Change.org“ ihn hat, findet man hier nicht. Dafür sind Kooperationen wie mit der rechtsradikalen „Demo für alle“ bei „Citizen Go“ normal.

Rentzing-Verteidiger Teil 3: Bibeltreue Moscheenbekämpfer

Am 14. Oktober schreibt Thomas Schneider aus dem erzgebirgischen Breitenbrunn auf der Seite „agwelt.de“ einen offenen Brief „an die Kirchenleitung der Ev.-Luth. Kirche in Sachsen“. Die darin deutlich werdende Haltung dürfte illustrieren, wie zerrissen die Evangelische Kirche zwischen Leipziger Gemeinden und beispielsweise dem Erzgebirgskreis oder dem Vogtland längst ist.

Auf dem vom „Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e.V.“ (AG WELT e.V.) aus dem Nordrhein-Westfälischen Lage verantworteten Portal mit „Anti-Moschee-Bau“-Werbung formuliert Richter neben seiner Entrüstung über die seiner Meinung nach mangelnde Unterstützung Rentzings durch die Kirchenleitung Sachsen an diese: „Weder mit Ihnen noch mit den Vertretern und Anhängern dieser Petition will ich weiter unter dem Dach der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen verbunden sein und werde in der kommenden Woche meine Kirchenmitgliedschaft beenden. Immer wieder habe ich – trotz mannigfacher Gotteslästerungen von Kirchenoberen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland – diesen Schritt hinausgezögert.“

Gemeinsam mit anderen bibeltreuen Christen, die er aus der Kirche vertrieben sieht, will sich Schneider nun im heimischen Kreis treffen, „um dem Herrn und Retter Jesus Christus alle Ehre zu geben“ und dem „unfehlbaren Wort Gottes in der Heiligen Schrift“ vertrauen. In der Zwischenzeit könnte er weiterhin auf „agwelt“ Texte redaktionell verantworten, in denen gegen Greta Thunberg, Flüchtlinge und Muslime polemisiert oder der menschliche Anteil am Klimawandel geleugnet wird.

Man fragt sich angesichts solcher antiaufklärerischen Verteidiger des Noch-Landesbischofs Carsten Rentzing ernsthaft, was sich manche innerhalb und außerhalb der sächsischen Landeskirche von ihm erhofft haben? Es dürfte auch nach seinen anzunehmenden Ausscheiden aus dem Bischofsamt weitergehen mit dem längst offen ausgebrochenen Richtungskampf in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen.

Eine schwere Hypothek für jede(n) Nachfolger/-in und die rund 700.000 Mitglieder. Vielleicht hilft bis dahin die bis heute gültige Denkschrift „Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie“ (PDF) allen Debattierenden weiter? Hierin fixierte die Kirche erstmals in den 80er Jahren ihr Verhältnis zum Rechtsstaat, die Demokratie und die freiheitliche Ordnung des Grundgesetzes.

Update vom 21. Oktober 2019: Der Bischof geht

Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 01. Oktober 2019): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

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Evangelische Landeskirche Sachsen: Bischof Dr. Carsten Rentzing tritt zurück

Das L-IZ-Interview vom 2. Oktober 2019 mit Dr. Carsten Rentzing

Keller, Rentzing und das Christentum in Zeiten der AfD: In der Evangelischen Kirche Sachsens wächst der Widerstand

AfDevangelische KircheCarsten RentzingCitizen Go
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