RB Leipzig: „Ein neues Stadion ohne Flair und Charme könnte niemals mein Wohnzimmer sein“

Seit dem Aufstieg in die Regionalliga im Jahr 2010 spielt Rasenballsport Leipzig im innerstädtischen Zentralstadion, das mittlerweile den Namen Red-Bull-Arena trägt. Doch damit könnte bald Schluss sein: Im Verein denkt man laut über einen Neubau am Rande von Leipzig nach. Einige aktive Fangruppen haben sich nun zu der Initiative „60 plus“ zusammengeschlossen, um für einen Verbleib in der Innenstadt zu werben. Im Interview mit der L-IZ sprechen zwei Mitglieder der Initiative über Ziele, Pro- und Contra-Argumente sowie persönliche Erinnerungen.

Was ist das Anliegen der Initiative „60plus“?

Alex: Wir wollen jenen Fans eine Stimme geben, die mit dem Verein im Zentralstadion bleiben möchten, weil sie viele emotionale Erlebnisse mit diesem Ort verbinden. Die Initiative heißt „60plus“, weil das Stadion am 4. August 1956 gebaut wurde – also vor 60 Jahren. Das Plus soll für den Schritt in die Zukunft stehen.

Gustav: Wir haben uns nicht auf die Fahne geschrieben, nur gegen den Neubau zu wettern. Wir wollen die positiven Aspekte des Zentralstadions hervorheben. In wirtschaftlichen Belangen können wir wenig Einfluss nehmen, doch bei solchen Themen wollen wir uns einbringen.

Sollte es einen Neubau geben, würden weder das Zentralstadion noch die Erinnerungen an die emotionalen Erlebnisse verschwinden. Welche handfesten Gründe sprechen für einen Verbleib?

Alex: Ein Stadion in der Innenstadt ist wichtig, um den Verein in Leipzig zu verankern.

Gustav: Würde der Verein am Stadtrand ein Stadion bauen, wäre die Verbindung zu Leipzig kaum noch zu erkennen. Außer dass beim Aufstieg verschiedene Gebäude in den Farben des Vereins angeleuchtet wurden, spielt die Stadt in den Werbekampagnen keine große Rolle. Die aktuelle Spielstätte ist also der größte und sichtbarste Bezug.

Ihr seid häufig bei Auswärtsspielen unterwegs. Wie wirken am Stadtrand gelegene Stadien auf Euch?

Gustav: Man kann den Tag vorher nicht so gut in der Innenstadt verbringen, also dort, wo es belebt ist und es eine Kneipenszene gibt. Stattdessen kommt man mit seinem Auto am Stadion an, schaut das Spiel und fährt wieder weg, ohne etwas von der Stadt wahrgenommen zu haben. Das ließe sich nur vermeiden, wenn man ein Wochenende in der Stadt verbringt. Das loben ja die Gästefans am Leipziger Stadion: Dass der Weg dorthin vom Hauptbahnhof aus angenehm per Fuß zurückzulegen ist.

Alex: Ein schlechtes Beispiel ist das Stadion in Paderborn, das direkt am Autobahnkreuz liegt. Im Inneren hat man drei Meter hohe Blechwände. Das sieht nicht schön aus, aber genau so stelle ich mir einen Neubau in Leipzig vor – ohne Flair und ohne Charme. Das könnte niemals mein Wohnzimmer sein.

Die Befürworter eines Neubaus argumentieren unter anderem mit den Problemen bei An- und Abreise in der Innenstadt sowie den vielen Stufen im Zentralstadion. Ist das aus Fanperspektive nachvollziehbar?

Alex: Auf jeden Fall. Wir sind auch überhaupt nicht der Meinung, dass das Stadion in seinem jetzigen Zustand die perfekte Lösung ist. Auch die Blechwand und der große Abstand zum Spielfeld sind nicht sehr schön. Da muss noch viel getan werden.

Gustav: Es gibt viele Möglichkeiten, entspannt zum Stadion hin- und später davon wieder wegzukommen. Mit Stau bei der An- und Abreise müsste man auch bei einem Neubau rechnen. Da wird es nicht auf Anhieb das ultimative Verkehrskonzept geben.

Ein anderes Argument ist die begrenzte Kapazität, die bei einem Neubau deutlich angehoben werden könnte. Ist im Zentralstadion auf längere Sicht zu wenig Platz für interessierte Fans und Zuschauer?

Alex: Das aktuelle Stadion ist für unseren Verein auf jeden Fall ausreichend. In der ersten Saison wird man bei besonderen Spielen wie gegen Bayern, Dortmund oder Schalke einen erhöhten Andrang haben. Aber andere Gegner wie Ingolstadt, Augsburg oder Hoffenheim sind nicht so attraktiv. Wenn wir irgendwann zum fünften Mal gegen die spielen, werden da keine 70.000 Leute kommen. Immer ausverkauft wären dann wohl nur die Spiele gegen die Bayern.

Gustav: Am Besten wäre eine Erweiterung des jetzigen Stadions.

Der Großteil der Fanclubs hat sich der Initiative „60plus“ nicht angeschlossen. Will die Mehrheit der Zuschauer gar nicht im Zentralstadion bleiben?

Alex: Viele Fans haben sich vermutlich noch keine Gedanken gemacht. Das merken wir vor allem auf der Haupttribüne, wenn wir die Leute darauf ansprechen. Die Fanclubs haben eventuell eine bestimmte Meinung, wollen diese aber nicht öffentlich bekunden. Das ist sehr schade, denn mit ihnen wäre viel zu erreichen.

Gustav: Dass wir viele Stadionbesucher dazu bringen konnten, sich mit dem Thema zu beschäftigen, ist ein erster Erfolg der Initiative. Nun sind wir dabei, ein Konzept für Unterstützerinnen und Unterstützer zu schaffen. Auch im Fanverband läuft gerade eine Diskussion dazu.

Wie reagieren die Verantwortlichen im Verein auf Eure Initiative?

Gustav: Wir hatten ein respektvolles Gespräch, in dem wir die Initiative vorstellen konnten. Bislang wurden uns keine größeren Steine in den Weg gelegt. Man muss schauen, wie sich das bei kommenden Aktionen entwickeln wird.

Welche Aktionen werden das sein? Und was habt Ihr bislang schon auf die Beine gestellt?

Gustav: Der Startschuss für die Initiative war eine Choreographie vor dem Spiel gegen Dortmund, in deren Mittelpunkt das Zentralstadion stand. Parallel dazu haben wir Flyer verteilt. Auf Facebook und Twitter haben wir schnell gemerkt, dass es viel Unterstützung gibt. Außerdem gab es eine Fotoaktion, bei der die Fans ausdrücken konnten, was sie mit dem Stadion verbinden und warum sie einen Verbleib in der Innenstadt befürworten. Im Heimspiel gegen Augsburg wird es wieder eine gut sichtbare Aktion geben.

Zu der Fotoaktion gehörte auch die Frage nach dem bisher schönsten Erlebnis im Stadion. Wie würdet Ihr selbst darauf antworten?

Gustav: Das Pokalspiel gegen Aue. An dem Tag haben wir eine Choreo gemacht und standen kurz vor Abpfiff mit der Spendenbox bereit. Beim späten Ausgleich konnten wir von oben wahrnehmen, wie sich das ganze Stadion in einen Hexenkessel verwandelt hat.

Alex: Ich möchte mich da nicht festlegen. Das Aue-Spiel, das Coltorti-Tor gegen Darmstadt, das 3:2 gegen Wolfsburg im DFB-Pokal, das erste Bundesliga-Heimspiel gegen Dortmund – es gab viele schöne Momente.

Gustav: Bei unserer Fotoaktion wollten sich viele Fans übrigens auch nicht entscheiden. Viele haben einfach geschrieben: alle Spiele von RBL.

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