Einlaufkinder-Streit

Kommentar: Der Skandal ist wichtiger als die Geschichte

Für alle LeserRB Leipzig ist angekommen in der internationalen Fußballwelt und mittlerweile für viele (Sport-) Journalisten ein normaler Bundesligist. Seit seiner Debütsaison in der Bundesliga polarisiert er auf eine ganz andere Weise: Jede Aktion gegen RB Leipzig ist plötzlich zu verurteilen. Das erfährt nun auch der 1. FC Lok Leipzig, der seine E-Jugend nicht bei einem Bundesliga-Spiel des Rivalen als Einlaufkinder sehen möchte. Eine Betrachtung der Hintergründe ist dabei vielen egal.

Banalitäten sind mittlerweile die heißesten „News“. Gerade in Zeiten, in denen reißerische Schlagzeilen reichen, um Klicks zu machen, geht es vor allem darum, in möglichst wenigen, deutlichen Worten eine Geschichte anzuschneiden, die so einfach gar nicht ist. Da berichten Lokalmedien mittlerweile beispielsweise über eine Joggerin, die vor einen Bus gestoßen wird und sammeln Klicks, obwohl der Vorfall in London passierte.

Pseudonachricht um Pseudonachricht tröpfelt so durch den Internet-News-Einheitsbrei. Jeder bringt die gleiche Meldung, kritisch auseinandergesetzt oder hinterfragt hat niemand. Die User am wenigsten, wobei es doch noch manche gibt, die den Durchblick haben. So kommentierte ein Internetnutzer die Entscheidung des 1. FC Lok, seine Achtjährigen nicht zu einem RB-Heimspiel als Einlaufkinder zu schicken: „Vollkommen richtig. Auf Schalke laufen auch keine BVB-Nachwuchsspieler mit ein.“

Und genau das ist es, worum es bei dieser Entscheidung geht: Rivalität. Das scheint aber bei dem Reizthema RB Leipzig sofort in den Hintergrund zu rücken. Ja, mittlerweile scheint schon ein Ansatz von Rivalitätsdenken ein Angriff auf den Verein zu sein, der diese Rolle gar nicht so sehr selbst lebt, sondern dem aktuell die Opferrolle aufgedrückt wird. Medien und Fußball-Konsumenten scheinen mit dem Klub ihre Sau gefunden zu haben, die sie durch das Dorf treiben, um ihr Toleranz-Mütchen daran zu kühlen.

Als kürzlich Timo Werner in der Bundesliga (nicht in Prag – das ist eine andere Hausnummer) von gegnerischen Fans beleidigt wurde, ging ein Aufschrei durch den Blätterwald. So etwas dürfe nicht sein und so weiter. Doch Werner ist bei weitem nicht der erste und auch nicht derjenige, der am heftigsten von Fans abgelehnt wird. Und er hat sich in seine Rolle unter anderem durch die Schwalbe und das tagelange Hickhack darum selbst gebracht.

Und nun die Weigerung der Lok-Führung, die E-Jugend ins Zentralstadion einlaufen zu lassen. Ein hübsches Zitat des Präsidenten dazu, das alle vom selben Medium übernommen haben und fertig. Eigene Recherche beim Verein, einfach mal nachfragen? Fehlanzeige. Und schont kommt die Lawine ins Rollen, erscheint die Meldung überall. Tenor: „Da läuft etwas gegen RB“.

Aber was ist überhaupt der Inhalt?

Ein Vereinsvorstand untersagt einer Nachwuchsmannschaft beim Rivalen einzulaufen. Eigentlich nur logisch, erst recht, wenn man die Hintergründe kennt – und bei denen geht es erstmal nicht um den besonderen Charakter von RB Leipzig, sondern die Geschichte zwischen beiden Klubs. Als RB 2009 kam, saugte der Neue in Leipzig massenweise Spieler von Lok ab, die Konsequenzen spürt der Verein noch heute.

Der damalige Präsident Steffen Kubald stolperte über seinen Vorschlag, mit RB zu kooperieren, um wenigstens eine lächerliche Entschädigung von 30.000 Euro zu bekommen (und vier VIP-Karten für das Präsidium). Die Fans sammelten die 30.000 unter sich ein und verhinderten die Kooperation. Und nun, acht beziehungsweise sechs Jahre später soll eine Nachwuchsmannschaft des 1. FC Lok auf Schönwetter machen?

Löwe und sein Präsidium hätten mit Sicherheit scharfen Gegenwind gespürt, falls sie dem zugestimmt hätten. Lok-Kinder bei RB Leipzig, es hätte für viele Unbedarfte in der Sachlage wie ein Schulterschluss ausgesehen, den es nie geben wird und nie geben kann.

Alle Kommentarschreiber, die nun das Wohl der Kinder als Primat voranschieben, haben zudem nicht erkannt, dass sich Mitglieder eines Vereins dem Vereins unterordnen müssen und nicht andersherum. Es ist die Pflicht des Mitglieds, zum Wohle des Vereins beizutragen, sich einzubringen und anzupassen. Der individualisierende Standpunkt ist an dieser Stelle egoistisch und damit allerdings auch passend für eine gesellschaftliche Strömung unserer Zeit.

Und wie wohl wäre es den Kindern denn im Zentralstadion ergangen?

Auch bei RB gibt es Tendenzen, den Gegner nicht zu respektieren. Kaum vorstellbar, dass die Jungs euphorisch begrüßt worden wären. Und auch wenn es in Leipzig offenbar für viele unvorstellbar ist: RB Leipzig ist nicht für alle in der Stadt der Nabel der Welt. Das verändern keine Erfolge.

Auch der Fußballverband der Stadt Leipzig spielt in dieser Geschichte eine zumindest spannende Rolle. Hinter vorgehaltener Hand wird den Verantwortlichen vorgeworfen, sie hätten diese Problematik mit ihrer Idee, dem Sieger des Leipziger Stadtpokals in dieser Altersklasse mit der Einlaufkind-Aktion zu belohnen, provoziert.

Aus sportlichen Gesichtspunkten war ein Erfolg des 1. FC Lok im Pokal zumindest recht wahrscheinlich. Finalkontrahent Eintracht Leipzig-Süd verlor mit 3:6. Provokation oder fehlendes Fingerspitzengefühl? Statt Lok dem Verlierer den Gutschein in die Hand zu drücken, war offenbar nicht Teil des Plans. Darüber denkt man nun bei Lok nach. Immerhin würde der Gutschein ja sonst verfallen …

Interview mit Thomas Löwe, Präsident des 1. FC Lokomotive Leipzig: Lok schickt E-Jugend lieber nach Gladbach als zu RB Leipzig

* Kommentar *RB Leipzig1. FC LokMedienkompezenzEinlaufkinder
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