1. Leipziger Bootcamp-Day: „Die machen das alle freiwillig!“

Sonntagmorgen liegen die jungen Leute noch im Bett!? Mitnichten. Am vergangenen Sonntag wuchteten 60 von ihnen Traktorreifen, Medizinbälle und Autoreifen durch die Luft. "Das Bootcamp" hatte zum 1. Leipziger Bootcamp Day geladen. Eine Reise zu den eigenen Grenzen.
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„Wo ist denn Tino? Kommt der noch?“, fragt hinter mir einer. Typ Informatikstudent, aber in kurzen Hosen und mit T-Shirt. Gemeinhin heißt es ja, Informatiker zerfallen bei Sonnenkontakt zu Staub, er umgeht heute diese Weisheit. Zusammen mit zwei Kumpels wartet er auf Tino, der ihre Mannschaft beim 1. Leipziger Bootcamp-Day komplettieren soll. Die Firma Peakformance, die seit 2011 die Leipziger Fitnesskultur bereichert, hatte ihn auf der Festwiese organisiert, Hürden, Auto- und Traktorreifen schon bereit gelegt. „Mit dem habe ich um 1 Uhr noch telefoniert, da wollte er noch mal ins L1“, weiß einer. Keine optimale Wettkampfvorbereitung, obwohl heute alle topfit sein sollten.
Beim 1. Leipziger Bootcamp Day warten auf die 15 Teams mit je vier Mitgliedern so einige Schmankerl der Fitnesskultur. Doch ohne Erwärmung geht nichts und als neben Tino auch alle anderen 60 Teilnehmer auf der Festwiese angekommen sind, macht sich Peakformance-Chef Sebastian Kanitz gleich persönlich daran, den Kreislauf der Teilnehmer hochzufahren und die Muskeln zumindest auf Normallänge zu booten. Und nach der ersten Übung des sogenannten „Frühsports“ lachen sogar noch alle, selbst die Mitglieder des Teams „Die dicken Kinder von Landau“, die vor dem Beginn noch auf der Suche nach einem weiteren „Schwergewicht“ waren. Ein Mitglied hatte kurzfristig abgesagt: Muffensausen, Fressanfall? Eine seriöse Erwärmung Seite an Seite mit allen anderen Teilnehmern ist beste Werbung, um vielleicht noch einen der zahlreichen Zaungäste anzuwerben. Tatsächlich kommt noch ein „dickes Kind“ dazu, die Landauer kämpfen damit gegen die „Drückeberger“, die „Sportianer“, einer Abordnung der Footballer der Leipzig Lions und weiteren Teams um die Bootcampkrone, die in den Kategorien Männer, Frauen und Mixed vergeben wird.
12,50 Euro hat jeder Teilnehmer gezahlt, um hier, wo im Hintergrund die Glocken für den ungleich besinnlicheren Gottesdienst läuten, eine lange Reise zu den eigenen Grenzen zu unternehmen. Die Reise beginnt bei Station eins von vier. 60 Meter Sprint hin, 60 Meter Sprint zurück, einmal Platznehmen auf einem leeren, umgedrehten Wasserkasten, den sechs Kilo schweren Medizinball schnappen und nach oben wuchten, auffangen, und noch sieben weitere Male nach oben wuchten. Trainer passen genau auf, dass der rückseitige „Schnitzelfriedhof“ jedes Mal auf dem Kasten landet. „Kiste auf die Kiste“, lautet das Kommando. Dann Abklatschen und schon kann das nächste Mitglied. Sind alle durch, noch einmal 20 Meter hin, 20 zurück und zwölf Mal den Ball nach oben wuchten.

Die Leipzig Lions, im Trikot, sind gleich die ersten und damit die, bei denen zuerst die Gesichter zu Fratzen verzerrt werden. Oberarme wie Autoreifen reichen nicht aus, um hier zu bestehen. Maik Tretbar von den Lions hat welche, ist aber mit 115 Kilogramm bei 1,86 Metern in Sachen Schnelligkeit klar benachteiligt. Er zieht trotzdem durch und sieht sein Team gewappnet für die kommenden Durchgänge. „Auch wenn das natürlich etwas ganz anderes ist als beim America Football, aber wir wollten das machen, um Teambuilding zu betreiben.“ Wo geht das besser als hier, wo jeder einen braucht, der ihn der Besinnungslosigkeit nahe am Ende auffängt. Zudem befinden sich die Lions gerade in einer Spielpause, „da kam uns das Bootcamp gerade recht“, so Tretbar, der allerdings wie seine Teamkameraden ordentlich zu schnaufen hatte. Am Ende fangen sie sich nicht gegenseitig auf, ins Gras kauern lautet die Devise.
Unterstützung von den vielen Zaungästen bekommen sie nicht. Diese, die sich größtenteils schon zeitig zur Ballonfiesta aufgemacht hatten, schauen so neugierig, dass sich die Moderatoren des Events befleißigt fühlen, mal eine wichtige Sache klarzustellen: „Die machen das hier freiwillig.“ Die Shoutcaps, bekannt als Hallensprecher der Uni-Riesen, trugen ihren Teil zu einer originellen Veranstaltung bei, die es nächstes Jahr wieder geben soll, wie Sebastian Kanitz nach dem Ende erklärte. „Wir sind alle super zufrieden, die Teilnehmer glücklich. Das werden wir wiederholen.“ Vor allem das Traktorreifen flippen, das über 15 Metern mehrmalige Umwuchten des Reifens, beschleunigte die individuelle Teilnehmerreise an ihre Grenzen noch einmal. Ein Ungetüm, das die „Dicken Kinder aus Landau“ bei ihrem Siegeszug nicht stoppen konnte. Am Ende brachten sie von allen Teams (Männer, Mixed, Frauen) die beste Zeit. Für die Leipzig Lions blieb in der Männerwertung nur Silber. Kunststück: Bei den Landauern orgelten drei Bootcamper – und ein Footballer.


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